Filmkarriere als Gangster-Oma wollte Elfriede Wißmann schon lange mal machen. Nun ist der Traum der 91-Jährigen in Erfüllung gegangen – an einem Ort, der inzwischen zu den „Lost Places“ in Albstadt gehört: Im Thalia-Theater sind die Klappen gefallen.
Die 87-jährige Doris Fuß hat Elfriede Wißmann, der anderen Oma von Matthias Wissmann, etwas voraus: Sie hatte schon ihren Filmauftritt in einem Streifen ihres Enkels und seines Freundes Kevin Hartfiel. Elfriede Wißmann wollte auch mal, und so hat der Regisseur eines Episodenfilms mit „kleinen seltsamen Weihnachts-Geschichten“ – „Little weird Christmas Tales“ lautet der Arbeits- und vermutlich auch der endgültige Titel – seinen beiden Großmüttern Rollen ins Drehbuch geschrieben.
Was Matthias Wissmann – er ist im Künstler-Namen aufs Doppel-S umgestiegen, um für Filmplakate mehr Schriftarten nutzen zu können – und sein Freund Kevin Hartfiel, mit dem er 2003 angefangen hat, Genrefilme zu drehen, noch fehlte, um ihren Streifen mit neun Weihnachts-Episoden vollenden zu können, war ein Theater als Drehort. Das sollte in Albstadt liegen, denn neben Ulm, Offenburg und Türkheim wollten die längst professionellen Filmemacher auch ihre Heimatstadt bespielen, wie sie es oft getan haben – zuletzt in „Aquariummann“ 2018 und ihrem ersten Langfilm „Vexier“, der mit dem Arbeitstitel „Vergifter“ unter anderem in der Waldheim-Gaststätte in Ebingen gedreht wurde. Nächste Woche bekommt der Kinofilm in Berlin den letzten Schliff im Sound-Studio und wird im Sommer oder Herbst seine Festival-Premiere feiern.
Udo Hollauer hat den Weg frei gemacht
Die Rahmen-Episode mit den Omas für die „schwarze Komödie mit viel Herz“, wie Hartfiel den Episodenfilm beschreibt, hätten er, Wissmann und das Team auch im K3 in Winterlingen drehen können, das der Crew gerne ein Set zur Verfügung gestellt hätte. „Aber so ein großes Theater wie das Thalia kommt natürlich noch besser“, sagt Wissmann und ist dem Ersten Bürgermeister Udo Hollauer deshalb besonders dankbar, dass er die Sondererlaubnis für den Drehtag erteilt hat.
Bei Vater Thomas Wißmann und seiner Frau Cornelia, dessen Mutter Elfriede und seiner Ex-Schwiegermutter Doris Fuß, kommt da auch nostalgische Stimmung auf – wie bei so vielen, die oft im Thalia ein Theaterstück gesehen oder einem Konzert gelauscht haben. „Ewig schade“ sei das, dass es nicht mehr bespielt werden dürfe, sagt Thomas Wißmann mit Blick auf die Schließung aus baurechtlichen Gründen, seit der nur noch das Foyer zum Spendensammeln für die Ukraine genutzt wird.
An Fronleichnam aber darf der Kulturtempel noch einmal große Bühne sein, zum Beispiel für Merlin Leonhardt, der – hinkend mit steifem Bein – den Gangster „Grille“ spielt, der seinen Großmüttern eine musikalische Überraschung zu Weihnachten bescheren will. Deshalb sind Keyboarder Jonathan Söhngen und Sängerin Nanna Dierks, als Braut verkleidet, mit auf der Bühne. Deshalb steht ein Weihnachtsbäumchen da. Und deshalb steckte „dieser Depp“, von dessen ziemlich dummem Missgeschick Richard Dusdal berichtet, in einem Nikolauskostüm.
Der Bösewicht hat manchmal auch ein Herz
Worum es genau geht in der Episode, die ursprünglich als „Klammer“ für die neun anderen nur ein Intro und Abspann werden sollte, will Kevin Hartfiel, der die Szenen in mehreren Einstellungen filmt, freilich noch nicht verraten. Nur so viel, dass „neun eigenständige Geschichten“ erzählt werden, die in der Woche vor Weihnachten spielen, den untypischen Weihnachts-Wahnsinn zum Thema machen, wie Wissmann hinzufügt, und deren Charaktere teils in mehreren Episoden mitspielen, um das Ganze zu verbinden. „Die Episoden verbindet zudem die Tatsache, dass die Hauptpersonen oft keine Sympathieträger sind“, sagt Hartfiel. Gleichwohl werde klar, dass Typen wie „Grille“, ein Gangster und Schutzgelderpresser, „keine eindimensionalen Bösewichte“ sind. Immerhin will er seine Omas mit einem Konzert beschenken.
Matthias Wissmann ist es auf jeden Fall gelungen, seine Omas zu beschenken: Das Team, zu dem auch Jana Leutenegger als Set-Assistentin, Maskenbildnerin und Darstellerin, Creative Producer Philipp Linke, Tonfrau Ksenia Cherkashina, Josef Sälzle – er wechselt sich mit Hartfiel an der Kamera ab und ist diesmal als Oberbeleuchter aktiv – sowie Produzent Benjamin Huber und Kameraassistent Marcel Kaufmann gehören, hat ihnen an Fronleichnam schon ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gemacht.
Fans der Filmemacher dürfen nun drauf hoffen, dass die „Little weird Christmas Tales“ rechtzeitig zum Fest fertig sind – einen Tag pro Minute Film brauche er zum Schneiden, verrät Wissmann, der zurzeit noch an weiteren Projekten arbeitet. Seine beiden Großmütter hat er als Gangster-Omas aber endlich „abgedreht“ – und sie damit unsterblich gemacht.