„Hör mir zu!“ – der Schauspieler und Theaterautor Wajdi Mouawad. Foto: AFP/Stephane de Sakutin

Wie kann das sein? Ein kanadisch-libanesischer Schauspieler und Regisseur wird in Stuttgart mit dem Europäischen Dramatikerpreis ausgezeichnet – denn Wajdi Mouawad erzählt dem Kontinent, wohin die Reise geht und wie sie gelingen kann.

Stuttgart - Geboren 1968 als Sohn arabischer Christen in Dair al-Qamar, einem kleinen Ort 45 Kilometer südöstlich von Beirut im Libanon. Mit acht Jahren Flüchtlingskind in Frankreich, weil die Heimat Schauplatz eines mörderischen Bürgerkrieges geworden ist. Mit 15 Jahren plötzlich in Kanada, in Québec, wohin die Familie weitergezogen ist. Hier, im französischsprachigen Teil des Landes, Ausbildung zum Schauspieler, Gründung einer eigenen Bühne, erste Theaterstücke. Erst 2011 der Wechsel zurück nach Frankreich; hier große Erfolge bei Festivals und als Intendant am renommierten Théàtre national de la Colline in Paris.

 

Summa summarum: eine bisher beeindruckende Karriere, keine Frage. Aber stellt man sich so den ersten Gewinner eines neu gestifteten Europäischen Dramatikerpreises vor? Derart hin- und hergetrieben? Mit Wurzeln jenseits Griechenlands und mit arabischer Muttersprache? Ein Autor, der von sich selbst sagt: „Ich habe keine Nation. Ich bin ein Mieter im Hier und Jetzt. Ich fühle mich daheim an Orten. Zum Beispiel im Probenraum. Am Mittelmeer. Oder in Athen.“ Warum ausgerechnet Athen? „Dort spüre ich, was Beirut heute sein könnte, wenn der Bürgerkrieg nicht begonnen hätte.“

Viele erinnern sich noch an das Stück „Vögel“

Das vergangene Wochenende am Stuttgarter Staatstheater hat deutlich gemacht: Man kann sich gerade keine bessere Wahl vorstellen für den neu gestifteten und hochdotierten Europäischen Dramatikerpreis des Landes Baden-Württemberg als diesen Mann: Wajdi Mouawad, 53 Jahre alt, kanadischer Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur libanesischer Herkunft mit Lebens- und Arbeitsmittelpunkt Paris.

Viele Stuttgarter Zuschauer sprechen noch drei Jahre später begeistert von Mouawads Stück „Vögel“, mit dem Burkhard C. Kosminski im Herbst 2018 seinen Einstand als neuer Schauspielintendant gab. Sie können erzählen von den Details einer komplexen Liebes- und Familienstory, in der sich jüdisch-arabisch-palästinensisch-westlich-nahöstliche Geschichten immer dichter ineinander verschränkten und verschraubten. Die Figuren auf der Bühne hatten unterschiedliche Sprachen, das trennte sie. Aber die lang verdrängten Gefühle in ihnen, die sie kaum zum Ausdruck bringen konnten, verbanden sie enger miteinander, als ihnen lieb war. „Das hab ich heute noch vor Augen“, erzählt am Sonntag im Foyer ein Theaterfan.

Geschichten erzählen – nicht nur mit Worten

Auf genau solche Theatererlebnisse zielt Wajdi Mouawad: „Ein Autor muss Fallen stellen“, umschreibt er in Stuttgart in einer spannenden Matinee mit dem Theaterkritiker Peter Michalzik sein Selbstbild. „Tief in den Menschen stecken Gefühle, von denen sie selbst nichts wissen, die aber ihr Handeln bestimmen.“ Diese wolle er in seinen Stücken zur Sprache bringen – indem er die Figuren erzählen lässt. Wobei das nicht nur mit Worten geschehen muss. In Mouawads Theater geht es gleichberechtigt auch um Farben, Musik, Geräusche, Stimmen, Bilder. „Polyfonie ist wichtig.“ Sein zweistündiges Solo „Seuls“, das er in Stuttgart gezeigt hat, bringt das packend zum Ausdruck.

„Mit diesen Geschichten möchte ich die Zuschauer bombardieren“ – Mouawad wählt sehr bewusst dieses kriegerische Bild, das, so könnte man meinen, nach den eigenen Lebenserfahrungen für ihn doch toxisch sein müsste. „Als Kind träumte ich davon, Teil der Bürgerwehr zu sein.“ Als Künstler wolle er nun die Zuschauer „angreifen“: „Am liebsten möchte ich, dass sie durch die Geschichten in meinen Stücken selbst ins Erzählen kommen. Dass sie nach der Vorstellung unbedingt mit anderen ins Gespräch kommen wollen.“ Das suchende Erzählen – und natürlich das suchende Zuhören – als großes gesellschaftliches Projekt.

Mauern einreißen, Gräben überwinden

Welchen Beruf hätte Mouawad gern, wäre er kein Theatermensch, fragt ihn Peter Michalzik in Stuttgart. Ein Arzt? Nein, das nicht. Nach einigem Nachdenken antwortet der Preisträger: Wenn, dann wäre er ein Fischer. Er würde sein Netz auswerfen auf sehr tiefer See – dort, wo weit unten am Grund Fischarten leben, die wir noch nie gesehen haben, wo aber auch Schlamm liegt oder schwebt, Verlorenes, Vergessenes, Verworfenes, inzwischen bekanntlich auch Müll. All das würde er im Netz hochziehen, betrachten und schauen, wie uns aus alledem vielleicht „die Menschlichkeit anblickt“.

Der Verleger Thomas Maagh sagte in seiner Laudatio, Mouawad sei jemand, der Mauern einreiße und Gräben überwinde zwischen Lebenden und Toten, zwischen Sprachen, zwischen Nationen. Die Botschaft seiner Figuren laute: „Hör mir zu!“ Einen solchen Europäer bei sich zu haben stimmt optimistisch. Für das Theater ist es ein Glück.

Die Preisverleihung im Stuttgarter Schauspielhaus

Initiator
 Der Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski hat den neuen Theaterpreis angeregt, „denn die dramatische Literatur ist so etwas wie das Herz des Theaters“. Mit 75 000 Euro aus dem Etat des Landes ist er der höchstdotierte Dramatikerpreis des Kontinents. Weitere 25 000 Euro für den Förderpreis sind eine Stiftung des Heidelberger Bildungsunternehmens SRH Holding.

Politik
 Theresia Bauer, die Kunstministerin des Landes, sagte auf der Preisverleihung am Sonntag: „Der Preis soll ein starkes, europaweit wirkendes Zeichen sein für unsere europäischen Werte auf der Bühne – Offenheit, Toleranz, Freiheit der Kunst.“

Förderpreis
Der britische Dramatiker Simon Stephens hat als Alleinjuror den Nachwuchspreis an Jasmine Lee-Jones vergeben. In seiner Laudatio lobte er die „ungestüme Intelligenz und den großen Wagemut“ der Londonerin; ihre Stücke seien geprägt von „Selbstvertrauen, Schönheit und Kühnheit – zu Ehren eines ganzen Kontinents“.  (schl)