Sie kann sehr entspannt sein: Autorin Jasmine Lee-Jones Foto: Staatstheater/Helen Murray

Kraftvoll gegen Rassisten und Machos: Jasmine Lee-Jones ist die Trägerin des Nachwuchsdramatikerpreises, der am Sonntag im Stuttgarter Schauspielhaus erstmals verliehen wurde.

Stuttgart - Der Erfolg ist ihr nicht zu Kopf gestiegen. Entspannt wie je eine Sommerfrischlerin flanierte sie im Juli vergangenen Jahres auf Flip-Flops am Eckensee entlang. Das Ziel von Jasmine Lee-Jones: das Staatstheater. Der Anlass: der Nachwuchsdramatikerpreis, den sie Wochen später entgegennehmen sollte. Coronabedingt wurde daraus nichts. Auch jetzt hat’s live nicht geklappt, weil die 23-jährige Autorin aus London in ihrem Zweitberuf als Schauspielerin derzeit unabkömmlich ist. „Curious“ heißt ihr jüngstes Stück, das sie in diesen Tagen im Soho-Theatre selbst performt.

 

In ihrer Soloshow gräbt sich Jasmine Lee-Jones ins Leben junger, schwarzer, queerer Schauspielerinnen, die ihren Platz auf der von Weißen dominierten Welt suchen. Themen, von denen auch ihr Debütstück handelt, die „Seven Methods of killing Kylie Jenner“, mit dem sie 2019 zum Shootingstar der britischen Szene wurde. Für diesen Erstling gibt es jetzt auch die Auszeichnung – und als die 1988 in London geborene Lee-Jones beim Stuttgarter Schnupperbesuch über ihre Arbeit redet, muss man die Ohren spitzen. Nicht nur wegen des Themas, sondern auch wegen des Slangs, der ihre Herkunft verrät: Sie spricht das Cockney der englischen Arbeiterklasse und schöpft aus Erfahrungen jamaikanischer Migranten der dritten Generation, für die Rassismus noch immer zum Alltag gehört.

Die echte Welt verhandelt mit Socai Media

Wie sie Diskriminierung und kulturelle Enteignung in den „Sieben Methoden, Kylie Jenner zu töten“ umsetzt, ist tatsächlich so originell wie innovativ. Das am Royal Court Theatre uraufgeführte Drama bewegt sich auf der Höhe der Zeit – und „in zwei Welten“, wie die Autorin erklärt: Kara und Cleo, jung, schwarz, befreundet, geraten in Streit. Die eine will die andere davon abhalten, in Tweets den Tod von Kylie Jenner, Mitglied des Kardashian-Clans, zu fordern. Deren Karriere als weißer Reality-TV-Star, Influencerin und Beauty-Queen mit eigener Kosmetiklinie sei verbrecherisch, weil sie auf der Ausbeutung schwarzer Kultur basiere. Schönheitsideale, mit denen Weiße heute Millionen verdienten, seien einst als Makel, als Zeichen der Minderwertigkeit verachtet worden, für die Schwarze sterben mussten. Das ist die echte Welt, die Lee-Jones in der virtuellen Twitter- und Social-Media-Welt verhandeln lässt. Die dort in die News eingebetteten Animationsfilme, sogenannte Gifs, werden von echten Darstellern als Stück im Stück gespielt. Und Komik und Schrecken verschränken sich auf unterhaltsam-verstörende Weise in einem so vermutlich noch nie gesehenen Killerdrama.

Ist ihr Stück wirklich unübersetzbar?

Lee-Jones ging mit 17 auf ihre erste Demo, schreibt und denkt politisch, seit sie denken kann. „Schauen Sie, der Kaffee, den wir trinken“, sagt sie beim sommerlichen Treffen, „woher kommt der? Wer pflückt ihn? Was verdient der?“ Es gibt wohl nichts, worüber sich die Jungdramatikerin keine Gedanken macht, sie nimmt teil an aktuellen Diskursen, von Genderpolitik über Postkolonialismus bis hin zu Black Lives matter, sie ist woke, um es Neudeutsch zu sagen, sensibel für alle Arten von Unterdrückung und Ungerechtigkeit – und hat einen eigenen, poetischen Blick auf die Welt. „Seven Methods of killing Kylie Jenner“ gilt als unübersetzbar. Das müsste sich ändern lassen.