Warum viele Kinder mit Behinderung nach wie vor ausgeschlossen werden und warum ein Umdenken der Gesellschaft notwendig sein könnte, berichten die Vorsitzenden des Hechinger Vereins DownTown.
Das Verständnis füreinander sei es, das verbinde, sagt DownTown-Vorsitzende Ulrike Kapala über das Buch „Ein wunderbar anderes Leben“. Autorin Lara Mars erzählt darin von den nicht immer einfachen Erfahrungen mit ihrer Tochter Tilda, die das Down-Syndrom hat und ihrer Mutter einen neuen Blick auf die Welt schenkt.
Eine bewegende Geschichte
So gebe Lars eine „ehrliche Darstellung“ vom Leben mit einem Kind mit geistiger Beeinträchtigung, die Emotionen ließen sich laut Kapala gut auf andere Familien mit ähnlichen Erfahrungen übertragen. Zunächst könne die Situation, ein Kind mit Behinderung zu bekommen, ausweglos erscheinen. Aber: „Es scheint ja Kraft zu geben“, findet Kapala im Hinblick auf die bewegende Geschichte von Lara Mars.
Einseitiger ärztlicher Rat
Nichtsdestotrotz würden viele werdende Eltern einen großen gesellschaftlichen Druck erfahren: Wie Jasmin Jetter, zweite Vorsitzende des Vereins DownTown, berichtet, sei die Allgemeinheit darauf getrimmt, dass heutzutage niemand mehr ein behindertes Kind bekommen müsse. Es gebe demnach zahlreiche pränatale Untersuchungen und eine in den Augen der beiden Vorsitzenden einseitige ärztliche Beratung hinsichtlich möglicher Abtreibungen.
Die beiden Frauen, die selbst Kinder mit Down-Syndrom haben, lehnen den sogenannten „Harmony-Test“ – ein pränataler Bluttest auf Chromosomenstörungen – als Kassenleistung ab. „Wir möchten, dass unsere Kinder als vollwertige Menschen wahrgenommen werden.“
Dass Menschen mit Behinderung ein lebenswertes Leben führen können, sei nämlich auch heutzutage noch nicht in den Köpfen aller Menschen angekommen.
Abgelehnt wegen Diagnose
Zwar gebe es, so Jetter, durchaus Verständnis und verschiedene Lösungsansätze, betroffene Kinder zu integrieren, dieses käme jedoch meist von privaten Initiativen. Einen gravierenden Mangel an Integrationsbemühungen nimmt der DownTown-Vorstand hingegen in Institutionen wahr: Kindergärten und Schulen beispielsweise lehnten Kinder mit geistiger Behinderung oftmals nur aufgrund deren Diagnose ab, ohne den Menschen hinter der Krankheit je gesehen zu haben.
Dieser „Fokus auf Defizite“ sei jedoch auch im Freizeitbereich anzutreffen, sagt Jasmin Jetter. Sie merkt an, dass Kinder beim Fußballspielen, im Klavierunterricht oder während der Tanzvorstellung nach Leistung beurteilt werden, anstatt den Schwerpunkt auf Spaß zu richten. Selbst wenn bei Freizeitangeboten angeblich „jeder willkommen“ sei, gebe es vor Ort oft keine Möglichkeit für sprachgestörte, inkontinente oder Kinder mit sonstiger Beeinträchtigung, daran teilzunehmen.
Ein „exkludierendes System“ nennen es Kapala und Jetter. Sie wünschen sich, dass Kinder mit Handicap in bestehende Strukturen inkludiert werden können, dass sich das System an die Behinderung anpasst und nicht andersherum.
Belastete Familien
Dass betroffene Kinder aus „normalen“ Kindergärten und Schulen und von verschiedenen Freizeitangeboten ausgeschlossen werden, belaste die ganze Familie zusätzlich. Konkret bedeutet das: Wenn das Taxi, das das Kind zur Sonderschule fährt, zu spät kommt – und das sei wohl kein seltener Fall, wie Kapala und Jetter erklären – dann kommen die Eltern zu spät zur Arbeit. Und das wiederum kann zu Problemen im Job führen und widerspreche ihrer eigenen Arbeitsmoral, wie Ulrike Kapala betont.
Sie sagt: „Wir machen dauerhaft Pflege, die man nicht sieht.“ Vielen Außenstehenden sei das gar nicht bewusst. „Du hast ja im Leben keine Berührungspunkte mit Behinderungen, wenn du nicht zufällig jemanden kennst“, erklärt Jetter.
Gesellschaft soll umdenken
Wie ein Umdenken der Gesellschaft trotzdem gelingen kann: Kinder mit Behinderung am „normalen“ Leben teilhaben lassen, sie in die Kita schicken, wo die anderen Kinder früh lernen können, mit den jeweiligen Einschränkungen umzugehen.
„Man muss Menschen mit Behinderung zuhören und das treibt auch Lara Mars an“, bringt es Kapala auf den Punkt. Mars’ Buch trage zur Aufklärung bei und helfe dabei, Berührungspunkte mit dem Thema und einen Lichtblick für Betroffene zu schaffen.
Aus ihrem Buch wird Lara Mars am heutigen Samstag, 9. November, ab 18.30 Uhr im Hohenzollerischen Landesmuseum vorlesen. Tickets für die Lesung gibt es auch an der Abendkasse.