Gottvertrauen und Zuversicht haben ihren Lebensweg geprägt. Im Kreis ihrer Familie feiert Irmgard Stahl aus Dornstetten an diesem Samstag ihren 90. Geburtstag. Foto: Günther

Zeitlebens hat sich Irmgard Stahl zugewandt und liebevoll um ihre Mitmenschen gekümmert, an diesem Samstag steht sie nun selbst einmal im Mittelpunkt. Im Kreise ihrer Familie feiert die beliebte und weithin bekannte Dornstetterin ihren 90. Geburtstag.

Irmgard Stahl blickt voller Dankbarkeit auf ein erfülltes, wenn auch nicht einfaches Leben zurück. Zwar erlebte sie in ihrem Heimatdorf in Pommern unbeschwerte Kinderjahre, diese endeten im März 1945 jedoch mit einer abenteuerlichen Flucht. Gemeinsam mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester war die damals Zehnjährige bis 1947 in Flüchtlingslagern in Dänemark untergebracht.

 

Dass ihr weiterer Weg nach Süddeutschland führte, war dem Beruf der Mutter geschuldet, denn in Ebhausen wurde eine Hebamme gesucht. Auch ihr Vater und sie fanden in der neuen Heimat schnell Arbeit. Die erst 14-Jährige Irmgard wurde Stopferin in der Tuchfabrik. Zwar sei sie dort gut behandelt worden, erzählt sie heute, aber sie habe immer gedacht: „Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

Der Beruf der Hebamme kam ihr zunächst nicht in den Sinn, hatte sie doch in ihrer Familie – neben der Mutter waren auch Tante und Cousine Hebammen – erlebt, wie anstrengend diese Arbeit ist. Erst nach und nach habe sie erkannt, dass dies auch ihr Weg sei.

Rad ohne Gangschaltung: Bei der ersten Geburt kam sie nach dem Kind an

Als sie das Schulgeld beisammen hatte, absolvierte sie in der Stuttgarter Landesfrauenklinik ihre Hebammenausbildung. Die Bedingungen waren hart: Gelebt wurde zu sechst in einem Zimmer, das Waschbecken war auf dem Gang. 24-Stunden-Dienste waren keine Seltenheit, Ruheräume fehlten.

1959 wurde in Dornstetten eine Hebamme gesucht. Irmgard Stahl stellte sich im Rathaus vor und bekam die Stelle. Vom ersten Augenblick an habe sie sich in der Stadt wohl gefühlt, berichtet sie, und hier Heimat gefunden.

Die Bedingungen waren anfangs schwierig. Ihr Bezirk umfasste auch viele umliegenden Gemeinden, und die junge Hebamme war nicht motorisiert. Kein Wunder, dass sie, mit ihrem Fahrrad ohne Gangschaltung, bei der ersten Geburt erst nach dem Kind ankam. Ein Mofa brachte Abhilfe. Fortan war die Dornstetter Hebamme Tag und Nacht bei Wind und Wetter pünktlich zur Stelle. Was für die kommenden vier Jahrzehnte so anhielt.

Beleghebamme in den Krankenhäusern Sulz und Horb

Zwar nicht mehr mit ihrem Mofa, sondern bald schon mit Führerschein und ihrem „Käferle“ half Irmgard Stahl 3155 Babys auf die Welt. Anfangs bei Hausgeburten, später als Beleghebamme in den Krankenhäusern Sulz und Horb.

An viele Geburten erinnert sie sich bis heute. Da war etwa das einsam stehende Haus ohne Strom und Wasser. Fortan brachte sie, wenn sie zu Geburten gerufen wurde, vorsorglich Kerzen mit. Unvergesslich ist ihr auch, als Mutter und Tochter in der gleichen Nacht ihr Kind zur Welt brachten. Oder die Geburt, die im Krankenhaus geplant war, aber im Auto unter einer Straßenlaterne stattfand. Bis auf den zweiwöchigen Jahresurlaub war Irmgard Stahl all die Jahre rund um die Uhr im Dienst. Da es noch kein Mobiltelefon gab, hinterließ sie stets in einem beleuchteten Kästchen an der Haustür einen Zettel, wo sie zu finden war. Schmunzelnd erzählt sie, dass ihr Mann ihr oft Hebammenkoffer und Auto bereitgestellt habe, damit sie schneller war.

Ein wichtiges Fundament war Irmgard Stahl stets ihr Glaube

Denn in Dornstetten hatte sie nicht nur Heimat, sondern bald auch eine Familie gefunden. Mit ihrem Ernst verlebte sie glückliche Jahre, ehe er mit 62 Jahren viel zu früh starb. Zum Familienglück gehören auch die Kinder Tobias und Rebekka und die fünf Enkel, die sich alle liebevoll um die Jubilarin kümmern. Jahre später lernte sie auf einer Reise in ihre alte Heimat den inzwischen 101-jährigen Kurt Raddatz aus Baiersbronn kennen. Seit 25 Jahren sind die beiden eng befreundet.

Das wichtigste Fundament – neben Familie, Partnerschaft und Beruf – war für Irmgard Stahl stets ihr Glaube. Bei schwierigen Geburten habe sie oft ein Stoßgebet zum Himmel geschickt, bekennt sie. Viele Jahre lang war sie als Kirchengemeinderätin, in der Hospizgruppe und – bis heute – im Gemeindedienst aktiv. Wann immer möglich, besucht sie sonntags den Gottesdienst – oder sie schaut ihn sich zuhause auf ihrem Tablet an.