"Komplettes Chaos und Angst": Sina Maria Schweikle in den Straßen von Beirut. (Archivbild) Foto: Schweikle

Dornstetten - Als der Hafen von Beirut in die Luft flog, war Sina Schweikle (32) aus Dornstetten vor Ort. Jetzt steht die Stromversorgung der Millionenstadt vor dem Zusammenbruch. Was bedeutet das?

Frau Schweikle, wie muss man sich den Alltag in einer Millionenstadt ohne Strom vorstellen?

 

Als vor wenigen Tagen die Stromversorgung in Land durch den staatlichen Anbieter komplett zusammenbrach, lagen weite Teile der Stadt im dunkeln. Für die Libanesen bedeutet das komplettes Chaos und Angst. Denn ohne Strom können natürlich auch die Krankenhäuser im Land nur bedingt arbeiten. Meist müssen diese mit Notstromaggregaten versorgt werden. Aber dafür benötigt man Treibstoff, und an diesem mangelt es im Land, beziehungsweise er ist für einen großen Teil der Bevölkerung viel zu teuer. Auf die Menschen wirkt sich das darin aus, dass viele keinen Strom mehr haben, um abends Licht anzuschalten, ihre Laptops und Handys für die Arbeit zu laden oder die Wasserpumpen für Toilette oder die Dusche zu versorgen. Ein Freund aus Beirut schriebt mir heute, dass er nur 30 Minuten mit staatlichem Strom versorgt wurde. Die restliche Zeit läuft der Generator, und von Mitternacht bis 7 Uhr morgens hat er gar keinen Strom mehr.

Nach der Explosion im Hafen vor einem Jahr war die Lage schon angespannt. Wie ist sie heute und wie schätzen sie die öffentliche Stimmung ein?

Die Situation im Libanon ist seit langer Zeit schon äußerst prekär. Kilometerlange Schlangen vor Tankstellen, Lebensmittelengpässe und der Währungsverfall treiben das Land in eine tiefe Krise. Dass dem Libanon nun auch der "Blackout" droht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Stimmung momentan aus der Ferne einzufangen, ist schwer. Aber wenn ich mit meinen Freunden spreche oder die Berichte lese und sie mit meinen Erfahrungen verbinde, kann ich sagen, dass sie versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Viele haben das Land bereits verlassen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber wenn gerade junge Menschen das Land verlassen, bedeutet das auch, dass viel Verantwortung auf ihren Schultern lastet. Denn meist geht damit einher, dass sie das Geld für die Familie im Libanon verdienen. Seit wenigen Wochen gibt es zwar eine neue Regierung im Land, aber die Menschen regieren darauf sehr ernüchtert. Sie haben keine Hoffnung, dass sich die Situation durch die aktuelle Politik verbessert, und helfen sich selbst untereinander.

Spielt Corona eine Rolle im Libanon?

Ich glaube, dass Corona eine untergeordnete Rolle in den ganzen Krisen im Land spielt. Aber natürlich muss man auch hier sehen: Kein Strom bedeutet: keine Beatmungsgeräte. Es sind vor allem die Krankenhäuser, die gerade versuchen, sich und die Menschen am Leben zu halten.

Das letzte Interview mit Ihnen liegt etwa ein Jahr zurück. Wie ist es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen?

In meinen letzten Wochen im Libanon saß auch ich in Kerzenschein in meiner Wohnung und verbrachte lange Wartezeiten mit dem Auto vor den Tankstellen. Es war anstrengend. Aber nun habe ich eben das Glück, einen Reisepass zu besitzen, der mich befähigt, nahezu überall hinreisen zu können. Viele Libanesen haben das nicht und sind gefangen in ihrer Situation mit wenig Aussicht auf eine Veränderung. Das ist schon belastend zu sehen, wie die eigenen Freunde leiden. Das sind ja tolle, schlaue Menschen mit einer Riesenportion Lebensfreude, denen gerade alles genommen zu werden scheint. Ganz zu schweigen von den Syrern, die aufgrund des Kriegs in den Libanon geflohen sind und nicht nach Syrien zurückkehren können, da dort Folter oder gar Tod auf sie warten.

Wo sind Sie aktuell, und arbeiten Sie noch in der Entwicklungshilfe?

Ich bin zur Zeit in Deutschland. Im Juni habe ich den Libanon erstmal verlassen und war für ein paar Wochen in Kurdistan-Irak, bevor ich zurück nach Dornstetten kam. Gerade arbeite ich freiberuflich an verschiedenen Projekten, unter anderem unterstütze ich die Redaktion eines Magazins, das sich auf Nahost-Themen fokussiert. Der Libanon und vor allem die Bevölkerung wird immer in meinem Herzen und ein Teil von mir sein. Dass ich gerade nicht mehr dort bin, hat weniger damit zu tun, dass ich nicht mehr dort sein wollte, sondern viel mehr mit bürokratischen Umständen.