Die Richter beim Einzug in den Gerichtssaal. Foto: Kupferschmidt

Der Prozess gegen den Dornstetter Messerstecher geht weiter. Der Angeklagte spricht über seine Biografie. Pflegekinder in Kalifornien und die "Hells Angels" spielen dabei eine Rolle. Ob seine dubiosen Erzählungen wirklich wahr sind, kann noch nicht geklärt werden.

Dornstetten/Rottweil - "Am Tatort waren die Tür und die Wände mit Blut verschmiert, im Obergeschoss befand sich eine Blutlache", schildert der Polizeihauptmeister den Ort des Geschehens. Er sagt als Zeuge vor dem Landgericht Rottweil aus. Es ist die Fortsetzung des Prozesses gegen den Messerstecher aus Dornstetten, der wegen versuchten Mordes angeklagt ist. Am Prozesstag werden weitere Hintergründe zur Tat bekannt und der Angeklagte spricht über seine Biografie, die Zweifel an seiner Wahrnehmung zulässt.

Der zweite Zeuge, ein Polizeibeamter, der mit dem Opfer unmittelbar nach der Tat gesprochen hat, sagt aus. "Am Polizeirevier hat um 12 Uhr mittags ein blutverschmierter Mann geklingelt." Seine Hände, sein Hals und sein Gesicht seien voller Blut gewesen, in einer Tüte habe er das Tatmesser gehalten, das er seinem Angreifer entreißen konnte. Unter Schock habe ihm der 21-Jährige den Vorfall geschildert, sodass dem Polizeibeamten die Schwere der Verletzungen gar nicht bewusst war.

Angeklagter: "Ich gehöre zu den Hells Angels"

Das Opfer hatte im selben Haus wie der mutmaßliche Messerstecher ein Zimmer. Der Angeklagte habe am Tag der Tat einen Zettel an die Tür des Freundes des Opfers gehängt, mit der Aussage "Ich stech dich ab". Grund dafür sei wohl gewesen, so der Polizeibeamte, dass der Mann behauptet habe, er gehöre zu den "United Tribunes". Das habe er bewusst getan, um den Angeklagten zu provozieren. Denn dieser behauptet, er gehöre zu den "Hells Angels".

"Ich bin nur gereizt, wenn man Menschen, die mir wichtig sind, wie die ›Hells Angels‹, in den Schmutz wirft", sagt der Angeklagte. "Da wirft man mich auch in den Schmutz."

Mit Messer in fremdes Zimmer gestürmt

Das Opfer habe zusammen mit seinem Freund das Gespräch mit dem Angeklagten gesucht, so der Polizeibeamte. Danach sei der 21-Jährige wieder auf sein Zimmer gegangen – alleine. Kurz darauf sei der Angeklagte mit einem Messer in das Zimmer des 21-Jährigen gestürmt und auf ihn losgegangen. Im Rausch habe er gesagt: "Ich wollte dich gar nicht erwischen, ich wollte jemand anderes abstechen." In einer Aussage sagt der Angeklagte später, dass er den 21-Jährigen "nur verletzen, nicht töten wollte, sonst hätte er nicht in die Schulter gestochen".

Staatsanwaltschaft geht von wahnhafter Erkrankung aus

Der 45-Jährige habe die Tat dem Sachverständigen für Psychologie und Psychiatrie auf ganz andere Weise dargestellt. Seine verzerrte Wahrnehmung gibt Aufschluss über seine Psyche. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er an einer wahnhaften Erkrankung leidet. Der 45-Jährige hatte bereits mehrere Aufenthalte in einer Psychiatrie, Ärzte hätten ihm die Diagnose "Psychose" genannt, sagt der Angeklagte während des Prozesses.

Folgendes Bild hat der Angeklagte von der Tat: Das Opfer habe ein Plakat der "Hells Angels" abgerissen, das an seiner Zimmertür hing. Kurze Zeit später habe der 21-Jährige die Tür des Angeklagten aufgebrochen, der gerade Gemüse mit einem Messer geschnitten habe. Der 21-Jährige habe den Angeklagten töten wollen. Als dieser auf ihn zugekommen sei, sei der Angeklagte mit dem Messer am Pullover des Opfers hängengeblieben. Die Tat habe sich aus seiner Sicht in seinem eigenen Zimmer abgespielt, das widerspricht der Zeugenaussage. Diese Wahrnehmung, so der Psychologe, beeinflusse auch die Erzählungen aus der Biografie des Angeklagten.

Leibliche Eltern hat er nie kennengelernt

Über seine Lebensgeschichte spreche der Angeklagte "ungern". Seine leiblichen Eltern habe er nie kennengelernt, er ist bei Adoptiveltern aufgewachsen. Der Angeklagte ist auf die Förderschule gegangen, aber sein IQ sei "sehr hoch", das habe ein Intelligenztest ergeben, sagt er.

Einige seiner Aussagen lassen das Gericht an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. So erzählt der Angeklagte beispielsweise überzeugt, dass er eine Ausbildung zum Heil- und Erziehungspfleger gemacht habe. Vorsitzender Richter Karlheinz Münzer: "Zu diesem Zeitpunkt waren Sie gerade in der Psychiatrie, so eine Ausbildung haben Sie gar nicht gemacht."

Regelmäßiger Konsum von Cannabis

Dem Gericht ist bekannt, dass der 45-Jährige ein Alkoholproblem hat. Auch zum Tatzeitpunkt habe er 0,58 Promille gehabt, dieser Pegel sei bei dem Angeklagten allerdings "völlig problemlos" gewesen, so der Polizeibeamte. Auch verschiedene Drogen habe er regelmäßig genommen, sagt der Angeklagte. Cannabis habe er zwei bis vier Mal im Monat konsumiert.

Während des Prozesses hat der Angeklagte immer wieder Erinnerungslücken. Ursache sei ein Autounfall, danach sei er längere Zeit im künstlichen Koma gewesen. Seit dem Unfall könne er sich an "fast gar nichts mehr erinnern".

Bereits wegen Körperverletzung verurteilt

Vor Gericht stand der Mann schon öfter wegen "diverser Dinge", so der Angeklagte. Er sei bereits wegen Körperverletzung im Gefängnis gewesen, auch diese sei nicht beabsichtigt gewesen. "Ich wehre mich nur, wenn jemand auf mich losgeht."

So beispielsweise, wenn jemand etwas gegen die "Hells Angels" sagt. In seiner Jugend sei er im "Motorcycle Club" als "Member" sehr aktiv gewesen. In seinem Nacken hat der Angeklagte eine 81 tätowiert, wie auch eine körperliche Untersuchung beweist. "So ein Tattoo bekommt man nicht einfach so, würde ich Hilfe brauchen, würden sie kommen!" Sein leiblicher Vater sei im Club Präsident gewesen. Auf Nachfrage von Münzer räumt der Angeklagte ein, dass er das nicht wissen könne. Der Richter: "Das ist ein großer Fortschritt, wenn Sie das einsehen können."

Fortsetzung am 18. November

Ebenso fragwürdig sind Erzählungen aus seiner Biografie, die eine Familie in den USA betreffen. Er habe Verwandte in Kalifornien, bei denen er mehrmals im Jahr mehrere Wochen verbracht habe. Die Kinder der Familie bezeichnet der 45-Jährige als seine "Pflegekinder", diese würden ihn mehrmals im Jahr im Kreis Freudenstadt für mehrere Wochen besuchen. Eines der Pflegekinder sei mittlerweile 38 Jahre alt, sagt der 45-Jährige.

In Amerika sei er bei der "Bundeswehr" gewesen. "Ich musste runter", sagt der Angeklagte. Dort sei er mehrere Jahre verpflichtet gewesen. Münzer stellt klar, dass es in Amerika keine Bundeswehr, sondern die Army gebe. Auch wie der Angeklagte nach Amerika gekommen ist, kann er am Prozesstag nicht sagen. Man könne Zweifel haben, ob das wirklich so passiert ist oder ob das dem Angeklagten nach dem Koma erzählt wurde, sagt Münzer. "Dann kann es sein, dass das gar nicht stimmt", räumt der Angeklagte ein.

Es gebe Anzeichen, dass viele der Erzählungen des Angeklagten "nicht der Realität" entsprechen, stellt Münzer fest. Der Prozess wird an Freitag, 18. November, fortgesetzt.