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Dornstetten Nach Explosion: Sina Schweikle im Interview

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Im Interview berichtet Sina Schweikle aus Dornstetten von der aktuellen Situation in Beirut. (Archivfoto) Foto: Privat

Freudenstadt/Dornstetten - Acht Wochen liegt die verheerende Explosion im Hafen von Beirut im Libanon zurück. Sina-Maria Schweikle (31) aus Dornstetten, die dort lebt und arbeitet, hat die Katastrophe hautnah miterlebt. Ihre Wohnung wurde zerstört, wie die von schätzungsweise 300.000 anderen Einwohnern der Stadt auch. Wie es ihr und den Menschen dort inzwischen geht, erfahren Sie in unserem (SB+)Artikel. 

Frau Schweikle, die Explosion im Hafen von Beirut beschädigte Ihre Wohnung. Haben Sie mittlerweile wieder ein Obdach?

Es waren hier und da Übergangswohnungen von Freuden und Bekannten, die in Urlaub waren, in die ich zeitweise einziehen konnte. Ich muss mich bei allen bedanken, bei denen ich nach und nach Unterschlupf bekommen habe. Ein paar Tage bin ich auch in einem Hotel untergekommen, um mal durchzuatmen. Es ist nicht so einfach, immer von Haus zu Haus zu ziehen. Wie es aussieht, kann ich vermutlich Ende der Woche in meine alte Wohnung zurückziehen. Wir sind gerade dabei, sie wiederherzustellen und zu renovieren. Es fehlen noch Fenster. Ohne Fenster kann nicht vor dem Winter zunächst noch gut leben. Winter in Beirut beginnt nämlich immer mit viel Regen. Es schneit hier übrigens auch. Dann sieht es anders aus. Aber das betrifft nicht nur mich, sondern viele Menschen in Beirut, deren Wohnungen durch die Explosion zerstört worden sind.

Wie geht es Ihnen?

Ich habe seit der Explosion ein komisches Gefühl in Wohnungen mit viel Glas. Ich hätte in die Wohnung einer Freundin ziehen können, die aufgrund der ganzen Ereignisse das Land verlassen hat. Aber diese Wohnung hatte noch mehr Glas als meine. Ich bin mal gespannt, wie es mir geht, wenn ich wieder einziehe.

Nur Tage später brannte es wieder im Hafen, es gibt Demonstrationen gegen die Regierung. Wie ist Ihrer Einschätzung nach die Lage in der Stadt?

Die Leute verbrennen Müll oder sonst was, und dann brennt wieder was. Heute ist auch im Süden der Stadt noch etwas explodiert. Die Leute sind wütend, enttäuscht, frustriert und müde, sehr müde. Von Seiten der Regierung passiert leider gar nichts, seit Wochen. Auch die Regierungsbildung geht sehr schleppend voran. Die Zivilgesellschaft packt an und macht das, was eigentlich der Staat machen sollte. Die Leute haben auch Angst. Was passiert als nächstes? Sie haben Angst vor dem Ausbruch eines neuen Kriegs. Es ist einerseits eine komische, gespenstische Stimmung hier. Anderseits war ich heute in meinem Stamm-Kaffeeladen, er wird wieder aufgebaut. Der Inhaber hatte Glück und konnte Spenden organisieren. Die Leute besuchen das Café wieder. Das Leben geht irgendwie weiter. Mal schauen, wie sich das entwickelt.

Und wie geht es Ihnen in dieser Gemengelage, wie sieht Ihr Alltag aus?

Ganz o.k eigentlich. Man sieht in Beirut ja täglich den zerstörten Hafen und registriert, was hier eigentlich passiert ist. Ich bin jeden Tag super dankbar dafür, noch am Leben zu sein. Das sitzt tief drin. Angstzustände habe ich allerdings nicht. Mit meinem deutschen Reisepass lebe ich in einer vergleichsweise luxuriösen Situation.

Was machen Sie dort derzeit?

Auch ich bin mit Hilfsorganisationen unterwegs. Wir schauen, wo wir anpacken und was wir tun können. Das ist eine gute Sache. Ich möchte Öffentlichkeitsarbeit machen und der Welt mitteilen, wie es hier aussieht. Mal schauen, wie lange das noch funktioniert.

Freudenstadt und Courbevoie in Frankreich wollen helfen und haben eine Spendenaktion gestartet. Wie finden Sie das?

Die Spendenaktion finde ich super. Auch weil hier alles ankommt und jede Unterstützung hilft, und wenn sie noch so klein ist. Ich freue mich wahnsinnig, dass meine Heimatstadt ein Auge für die Lage hier hat und sich dafür interessiert. Ich bin so stolz darauf, dass Stadt und Kreis Freudenstadt und vielleicht auch Dornstetten gemeinsam was auf die Beine stellen. Ich bin jedem dankbar, der irgend was gibt, ob fünf Euro, drei Euro oder zwei Euro. Die Menschen hier sind wie die Menschen in Freudenstadt auch. Solche Katastrophen könnten auch bei uns passieren, und dann wären wir auch dankbar für Hilfe. Vielen Dank an Freudenstadt!

Wie kam dabei der Kontakt zu Ihnen eigentlich zustande?

Durch den Artikel im Schwarzwälder Boten. Außerdem bin ich mit OB Julian Osswald über Facebook vernetzt. Herr Osswald und ich haben dann einfach mal telefoniert. Er wollte wissen, wie es hier aussieht, und hat dann von sich aus eine Spendenaktion angeregt. Ich finde es super.

Welche Art von Hilfe braucht Beirut?

Das werde ich oft gefragt, und ich habe viel darüber nachgedacht. Die Leute hier brauchen Glas, viel Glas, und Geld. Lebensmittelpakete und Hygieneartikel werden auf Dauer nicht reichen. Die Probleme sind zu groß und tiefgreifend. Die Leute verlieren hier derzeit jeden Tag viel Geld, und die Lebensmittelpreise steigen. Viele haben gar kein Einkommen mehr. Es geht für mich darum, ihnen unter die Arme zu greifen, damit sie weiterhin ein würdevolles Leben führen können. Die Leute haben Angst vor der Ungewissheit und dem Winter. Und der Winter kommt.

Die Stadt Freudenstadt erklärt, sie könne mitfühlen, die Stadt habe das Trauma eines Wiederaufbaus aus Trümmern 1945 ebenfalls durchmachen müssen. Heute gehe es der Stadt sehr gut. Welche Hoffnungen haben Sie für den Libanon?

Ich habe große Hoffnung für den Libanon. Denn es gibt hier viele Menschen, die selber Hoffnung haben. Ich glaube, so lange es junge Leute gibt, die bleiben und zu ihrem Land stehen, die etwas verändern wollen, so lange wird das möglich sein. Der Vergleich mit Freudenstadt in Trümmern: Das war zwar im Krieg, aber die Leute hier empfinden die Lage irgendwie auch als Krieg. Es ist eine Art Krieg gegen die eigenen Leute, weil die Regierung hier gefühlt gegen ihr eigenes Volk arbeitet. Aber Libanon und Beirut haben wahnsinnig viel Potenzial. Ich möchte jedem sagen: Komm vorbei und schaut selbst, wie schön diese Land ist und wie toll die Menschen hier sind. Wir müssen den Leuten die Chance geben, ihr Potenzial weiterzuentwickeln.

Wie geht es für Sie dort weiter, beruflich und privat?

Gute Frage. Das frage ich mich selber grade auch oft. Für mich ist klar, dass ich hier bleiben und weiter arbeiten möchte. Ich habe gute, enge Freude hier, die ich nicht verlassen will. Beruflich entwickele ich mich weiter. Ich habe Kommunikationswissenschaften studiert und wollte danach eigentlich immer Journalistin werden. Derzeit bin ich auch journalistisch tätig, merke aber auch, dass der Beruf seine Tücken hat. Ansonsten arbeite ich freiberuflich für Nichtregierungsorganisationen. Mal schauen, wie es alles weiter geht. Privat möchte ich hierbleiben. Zurzeit habe ich allerdings ein wenig Heimweh, weil ich Besuch von einem anderen Freudenstädter hatte, er hier zufälligerweise ebenfalls lebt und arbeitet. Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Er hat auch eine Hilfsorganisation.

Kommen Sie über die Runden?

Von Dornstetten haben mir ein paar Leute spontan Geld gespendet und es bei meiner Familie vorbeigebracht. Das fand ich so super süß. Ich habe auch Briefe dazu bekommen. Das hat mich sehr berührt. Von der Hilfsbereitschaft bin ich sehr angetan. Dafür möchte ich einfach nur danke, danke, danke sagen. Ein Teil des Geldes habe ich an Menschen in Not weitergegeben.

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