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Dornstetten Nach Explosion in Beirut: Sina-Maria Schweikle im Interview

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Sina-Maria Schweikle aus Dornstetten berichtet von ihrem Alltag in Beirut. Foto: Privat

Kreis Freudenstadt - ARD, ZDF, SWR, Phoenix: Sina-Maria Schweikle (31) aus Dornstetten, die die verheerende Explosion in Beirut heil überstanden hat, war am Mittwoch viel gefragte Interviewpartnerin und lief auf praktisch allen Sendern. Sie saß am Schreibtisch ihrer Wohnung, als die Druckwelle Teile der Stadt und ihre Wohnung in Schutt und Asche legte. Wie geht es der jungen Frau aus Dornstetten jetzt, und was hat sie vor? In unserem (SB+)Artikel erfahren Sie es. 

Frau Schweikle, wie geht es Ihnen zwei Tage nach der Explosion?

Ich humpele ein wenig, offenbar habe ich doch etwas am Fuß abbekommen. Ich bin noch am herausausfinden, wie es mir geht. Ich bin immer noch geschockt, immer noch traurig. Ich habe es aber heute geschafft, ein bisschen zu schlafen. Das war ganz gut, weil ich die Nacht davor überhaupt nicht geschlafen habe und am Mittwoch wirklich ein anstrengender Tag war. Ich weiß, dass auch heute noch mal ein anstrengender Tag sein wird. Es ist viel zu verarbeiten, viel zu verdauen momentan. Die Stadt und meine Straße, die ich kannte, gibt es nicht mehr. Die Menschen haben alles verloren, ihr Zuhause verloren. Das beschäftigt mich sehr. Es sind viele Gedanken in meinem Kopf.

Wo sind Sie untergekommen?

Meine Wohnung ist zerstört, da kann ich nicht schlafen. Meine Sachen kann ich auch nicht aufsammeln. Ich war am Mittwochnachmittag zum ersten Mal ganz kurz wieder drin und habe festgestellt, ich kann nichts rausnehmen. Ich habe irgendwo zwischen den Trümmerhaufen eine Jeans auskramen können. Eine Freundin hat mir Kleidung ausgeliehen. In der ersten Nacht habe ich bei Freuden geschlafen, ein deutsch-libanesisches Pärchen. Sie sind super lieb, super nett. Für sie war es überhaupt kein Problem, mich aufzunehmen. In der zweiten Nacht bin ich in der Wohnung einer Freundin untergekommen. Die Freundin ist gerade in Deutschland. Wie es weitergeht, wenn sie zurückkommt, muss ich mal schauen. Ich habe wirklich viele libanesischen Freude, die mir anbieten, dass ich bei ihnen ein Zimmer oder Wohnung haben kann. Erst mal abwarten.

Wie sieht es derzeit aus in Beirut?

Es ist nicht ganz Beirut zerstört, wie viele annehmen. Aber ganze Stadtteile, wirklich komplett. Da kann so schnell keiner mehr leben. Es gibt aber auch Stadtteile, die noch intakt sind. Dort sind nur einzelne Fenster durch die Druckwelle zerstört worden. Trotzdem sprechen wir im Moment von 300 000 obdachlosen Libanesen. Das ist eine wahnsinnig große Zahl.

Was bedeutet die weitgehende Zerstörung des Hafens für die Hauptstadt und das Land? Die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Libanon lebt in Beirut.

Was das für die Bevölkerung bedeutet, kann ich nicht so genau beantworten. Es ist natürlich der einzige Umschlagplatz. Für die Wirtschaft wird es schon ein Desaster sein. Es ist schon dramatisch, was sich da zugespielt hat. Schwer zu sagen, wie die Schiffe anlegen sollen, die Materialien in den Libanon bringen.

Seit wann und warum sind Sie dort?

Bei einem Vortrag in München, als ich dort noch Kommunikationswissenschaften studiert habe, lernte ich den Kabarettisten Christian Springer kennen. Er hat eine Hilfsorganisation dort. Ich habe ihn einfach angesprochen. Zwei Jahre lang reiste ich immer wieder zwischen München und dem Libanon hin und her, um für eine Hilfsorganisation zu arbeiten, noch während des Studiums. Mich hat es schon immer nach Nahost gezogen. Es war für mich immer schon eine Region, die mich irgendwie berührt hat. Ich kann nicht beschreiben, warum. Als Christian Springer von seiner Hilfsorganisation erzählt hat, dachte ich, da möchte ich hin, da möchte ich helfen. Humanitäre Arbeit ist für mich wahnsinnig wichtig. Ich habe zunächst PR für den Verein Orienthelfer gemacht, Fotos und Videos. Seit einem Jahr lebe ich jetzt richtig hier und hatte zunächst für eine Stiftung hier gearbeitet. Das habe ich jedoch aufgegeben und bin seither freiberuflich im Libanon unterwegs, und schreibe Geschichten.

Wie sah vor der Explosion ist Alltag dort aus?

Na ja, das hat sich sehr geändert. Am Anfang war es so, dass ich mich viel mit Freunden getroffen habe. Es gibt viele Cafés, Bars und Restaurants, da ist man viel rausgegangen, hat Party gemacht. Ein ganz normales Leben, wie bei uns auch. Dann kam die Revolution, im Oktober. Da waren plötzlich hunderttausende Menschen auf der Straße und haben sich aufgelehnt gegen den Staat, wollten was verändern in ihrem Land. Das war wahnsinnig beeindruckend und interessant. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Dann kam die Wirtschaftskrise im Land. Die Libanesen haben wirklich alles verloren. Ein Großteil hat keinen Zugang mehr zu seinem Geld. Das Geld ist nur noch 70 Prozent dessen wert, was es zuvor wert war. Sie kommen mit ihrem Reisepass nicht mehr raus. Ich hätte, wenn ich gewollt hätte, trotzdem noch ein gutes Leben weiterführen können. Beirut ist die Stadt der Kontraste, der Libanon ein Land der Kontraste. Man kann sich seine Realität ein bisschen aussuchen. Aber wenn deine Freunde um ihre Zukunft bangen, alles verloren haben, will ich da feiern? Es hat sich danach vieles verschoben. Ich war viel bei den Projekten von Orienthelfern unterwegs und für die Malteser, die ich auch unterstütze. Jetzt schauen wir mal, wie der Alltag aussehen wird.

Fühlen Sie sich sicher im Libanon?

Ja, ich fühle mich schon sicher im Libanon. Ich hatte eigentlich noch nie einen Moment hier, in dem ich mich unsicher gefühlt hätte. Und ich bin wirklich viel herumgereist im Land für meine journalistische Tätigkeit. Ich war an der syrischen Grenze und an der israelischen Grenze. Es herrscht ja offiziell noch Krieg zwischen den beiden Ländern. Die Libanesen, die ich um mich habe, sind wirklich tolle Menschen. Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich fremd oder falsch sei. Es sind wahnsinnige Freundschaften. Ich liebe dieses Land sehr. Man muss hier gewesen sein, um das zu erkennen. Die Stimmung hat sich jetzt ein wenig geändert durch die Wirtschaftskrise. Mir ist beispielsweise mein Fahrrad aus dem Haus geklaut worden.

Werden Sie das Land nach dem Unglück verlassen?

Nein, derzeit ist das nicht geplant. Es kommt natürlich drauf an, wie sich die Situation im Land entwickelt. Es ist aber geplant, hier zu bleiben. Hilfe wird mehr denn je benötigt. Ich fahre wieder für Projekte der Malteser und Orienthelfer, die sehr schnell reagiert und agiert haben. Da möchte ich, soweit es mir möglich ist, helfen und unterstützen.

Bürgerkrieg, Terror, Wirtschaftskrise – das Bild vom Libanon ist hierzulande eher beherrscht von Katastrophenmeldungen und Chaos. Was sollten die Menschen wissen über Land und Leute?

Die Menschen sollen erfahren, dass der Libanon ein wahnsinnig tolles Land ist. Es ist nicht Krieg und Terror. Es ist nicht nur so, dass im Schwarzwald immer nur Frieden ist und im Libanon immer nur Krieg. Die Leute sind freundlich, und das Land ist wunderschön. Was wir tun können, ist zu spenden, oder hierherzukommen und sich selbst ein Bild machen, sich das Land anschauen und die Menschen kennenlernen. Einfach da zu sein auf irgendeine Weise. Hier schaut nicht jeder nur nach sich selbst. Das ist mir durch die Katastrophe richtig bewusst geworden. Mich rufen ständig Freunde an und fragen: Sina, bist zu ok? Ich komm Dich besuchen, ob du willst oder nicht, ich bringe Dir zum Essen und zum Trinken. Sie wissen, dass ich hier keine Familie habe, aber ich bin nicht allein. Familie ist für die Libanesen das Wichtigste. Sie versuchen, für mich da zu sein, so gut es möglich ist. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Ich möchte gerne, dass die Menschen im Schwarzwald, meiner Heimat, das wissen.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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