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Dornstetten Mutiger Einsatz von Bürgermeister Wößner

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Auf dem Dornstetter Marktplatz , hier ein Bild aus jener Zeit, spielten sich vor 75 Jahren dramatische Szenen ab.Fotos: Ammer Foto: Schwarzwälder Bote

Was hat sich vor 75 Jahren – in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs – in Dornstetten ereignet? Im zweiten Teil der von Andreas Ammer aufbereiteten Aufzeichnungen beschreibt der damalige Bürgermeister Johannes Wößner die Entwicklungen in der Stadt nach dem Einmarsch der Alliierten.

Dornstetten. An diesem Dienstagmorgen, 17. April 1945, hatte das Artilleriefeuer auf Freudenstadt aufgehört. Zwischen 10 und 10.30 Uhr zogen die Truppen der 4. Marokkanischen Division in die Kreisstadt ein. Am Nachmittag kurz nach 13 Uhr setzten sich die französischen Panzer, die schon in der Nacht den ganzen Vormittag beim "Bäumle" oben standen und zeitweise auch von Dornstetten aus zu sehen waren, den Weiler Weg herab dem Städtchen zu in Marsch. Ich war zu Hause und trat nach dem Mittagessen zu Fuß den Gang zum Rathaus an. Wegen der Schießerei der Franzosen mit Maschinengewehren konnte ich nicht den gewohnten Weg zum Marktplatz gehen, sondern nahm den Weg durchs Schulhaus.

In einer Feuerpause betrat ich die Straße, ging mit erhobener Hand dem Marktplatz zu. Dort hatten drei Panzer, Front zum Rathaus, Aufstellung genommen und streiften mit ihren Maschinengewehren die Straßen ab. Ich stellte mich als Bürgermeister vor. Der Panzerkommandant erklärte mir in Deutsch: "Wenn in Dornstetten ein Schuss fällt, werden Sie erschossen."

Ich wurde an die Panzerwand gestellt, vor mir am Haus Roh standen drei Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag gegen mich. Nachdem kein Schuss fiel, senkten die Soldaten auf ein Kommando ihre Gewehre, und ich musste auf den Panzer steigen, mich auf eine Bank, ein Hühnerkäfig mit einem Lattenrost, setzen. Auf dem Panzer stand der Panzerführer, ein Offizier. Er strich mir über die Hand, über den Handrücken. Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und sah ihn an. Da strich er mir noch einmal langsam über den Handrücken. Nun begriff ich, zog meinen Ehering vom Finger und steckte ihn in die Westentasche.

Bald fiel mir auf, dass immer mehr Dornstetter, Männer und Frauen, meist in Sonntagskleidern, vor ihren Häusern in der Sonne saßen, wie an einem schönen Sonntagabend. Erst nachher erfuhr ich, dass sie das auf Befehl der Franzosen getan haben. Viele französische Soldaten machten Fotos davon. Sie sollten die friedliche Einnahme von Dornstetten zeigen. Während der gleichen Zeit durchsuchten andere Soldaten die verlassenen Wohnungen.

Ich saß wohl bald eine Stunde auf dem Panzer, da hielt ein Auto vor demselben. In ihm saß ein höherer Offizier der Versorgungstruppen. Ich musste vom Panzer herab in sein Auto steigen, ihm auf der Fahrt durch das Städtle die größeren Gebäude benennen und deren Zweck angeben. Inzwischen hatten sich im Außenstädtle, beim Postdreieck, alle Kriegsgefangenen Franzosen und Russen und alle ausländischen Zivilarbeiter versammelt.

Es folgte die erste Gerichtsverhandlung. Der Offizier wohnte dem Tribunal bei; ich musste im Auto beim Fahrer sitzen bleiben. Die sehr lauten, teilweise erregten Aussprachen und Verhandlungen ließen mich erkennen, dass man über uns Deutsche verhandelte. Das Ergebnis war, dass mir der Offizier sagte, seine Landsleute hätten gut für mich gesprochen, weil ich sie gerecht behandelt hätte.

Von hier aus fuhr der Offizier auf Jagd nach Schreibmaschinen. Im Hause Haisch fand er eine ihm zusagende neue Kleinschreibmaschine und nahm sie mit, weigerte sich aber, einen Requisitionsschein oder eine Quittung dafür zu geben. In den ersten Wochen der Besatzungszeit wurde jede Bitte um einen Requisitionsschein abgelehnt.

Einen Dienst hat mir dieser Offizier aber doch erwiesen. Er hat mir einen Schutzbrief geschrieben, dass ich seit 1913 Bürgermeister der Gemeinde sei, die gefangenen Franzosen nichts Nachteiliges gegen mich vorgebracht hätten und deshalb mein Haus zu respektieren sei. Dieses Schreiben hat meiner Frau, die meist allein zu Hause war, manch guten Dienst erwiesen.

Am Abend dieses Tages musste noch öffentlich bekannt gemacht werden: "Der Zivilbevölkerung ist Ausgang gestattet von 7 bis 20 Uhr. Alle vorhandenen Waffen, auch Jagdgewehre, sind morgen Vormittag auf dem Rathaus abzuliefern. Morgen, Mittwochvormittag, sind alle Personenkraftwagen, Krafträder, Lastkraftwagen, ob bereift oder unbereift, auf dem Rathaus anzumelden. Die Verdunkelung ist streng und vollkommen durchzuführen. Nichtbefolgung dieser Auflagen wird kriegsgerichtlich bestraft."

Damit war ein ereignisreicher Tag zu Ende gegangen. Aber in vielen Häusern wurde die Nacht schlimm. Die Soldateska hauste unmenschlich, tage- und nächtelang.

Am 18. April wurde das Kaufhaus Rall vollständig ausgeplündert. Diese Plünderung wurde von Angestellten des Hauses in Szene gesetzt. Eine Verkäuferin im Haus gab einen Stoffballen zum halb aufgezogenen Rollladen hinaus. Dort nahm ihn deren Schwester in Empfang. Das geschah unter den Augen der Geschäftsinhaberin. Mann war ja keiner im Haus.

Mit der Begründung "Die Franzosen und Polen holen es ja doch" gab man den Anstoß zu einer radikalen Plünderung des Geschäfts. Und wieder wurden Menschen zu Hyänen, strömten in den Laden, plünderten und stahlen alles, was da war. Mit roher Gewalt ging man über die Besitzerin und deren ehrliches Personal weg, stieß sie zur Seite und plünderte und stahl und stahl. Der allergrößte Teil der Plünderer waren Frauen.

Nachdem diese Plünderung einige Stunden gedauert hatte, schickte die Besitzerin aufs Rathaus. Ich ging sofort zu dem Hause, nahm unterwegs zwei Männer mit, deren Namen ich aber leider nicht mehr weiß. In den Laden gekommen, traf ich die Besitzerin weinend und noch zwei stehlende Frauen an. Diese warf ich hinaus.

Die großen Ladenräumlichkeiten sahen trostlos aus. Alle Regale, Fächer, Schubladen waren leer, die Schubladen standen offen, auf dem Boden der Gänge lagen Schachteln, Verpackungsmaterial meterhoch, darunter auch dann und wann zerstreute Knöpfe oder andere zertretene kleine Dinge. Die ganzen Geschäftsräume boten ein unvorstellbares schauerliches Bild, ein solches Maß von Verwüstung und Grausamkeit, das sich ein gesunder Mensch nicht vorstellen kann. Die raubenden und stehlenden "Furien" rissen alles aus ihren Behältnissen, warfen, was sie nicht mitnahmen und stahlen, einfach auf den Boden, das dann von den vielen wohl über hundert Menschen, die sich an der Plünderung beteiligten, zertreten und vernichtet wurde.

Das Geschäft Kaufhaus Schwarz, Inhaber Dr. Gustav Rall, der wenige Wochen zuvor im Kriege im Westen gefallen und dessen Sohn Konrad schon zu Kriegsbeginn gefallen ist (der einzige Fall in Dornstetten, dass Vater und Sohn im Kriege gefallen sind) war total ausgeraubt. Nicht die Franzosen und Polen haben diese Plünderung begonnen und durchgeführt, sondern die Dornstetter. Der Schaden ist behördlicherweise auf 21 000 Reichsmark festgestellt worden.

Im Erdgeschoss, im Eichraum des Rathauses wurden aus dem vom Arbeitsdienst am 12. April 1945 geräumten Lager im Brunnenberg viele Gegenstände und Vorräte untergebracht. Mindestens 100 Paar Schuhe für Arbeitsmaiden, etwa 160 Leintücher, 160 blau karierte sehr gute Deckbettbezüge, 160 Kissenbezüge, zwei große Kisten Leibwäsche und zahlreiche Kleidungsstücke und Ausstattungsgegenstände aller Art.

Weil der Raum gut abgeschlossen war, schlugen die Plünderer die Oberlichtfenster ein und stiegen so in den Raum. Dieser wurde total geplündert. An dieser Plünderung waren auch nur Dornstetter beteiligt. Das haben nachher nicht nur die Schuhmacher feststellen können, weil die Schuhe besondere Zeichen hatten, es wurde auch aller Welt sichtbar, weil sich die weiblichen Plünderer aus den blau karierten Bettbezügen allerlei Kleidungsstücke machten.

Auch Radiodiebe trieben ihr Unwesen. Unter dem Rathaus befinden sich zwei Keller, einer mit dem Zugang aus dem Rathauseingang und einer mit dem Zugang vom Ratsgässle seitlich. Die beiden Keller dienten als Luftschutzkeller und wurden 1944 durch einen gegrabenen Gang miteinander verbunden. Die Radioplünderer drangen vom Ratsgässle aus in die Keller, stiegen aus dem Nordkeller in den Rathausgang und gelangten so ungesehen in den Ratssaal, in dem die Radios aufbewahrt wurden. Die ganzen Plünderungen geschahen trotz Androhung der Todesstrafe durch die Besatzung.

Von der Bevölkerung wurden die Gegenstände, Kleider, Radios in der Zeit des Umsturzes von den Einen als herrenlos, von Anderen als zu Unrecht erworbenes Gut betrachtet, und deshalb wurde kein Eigentums- oder Besitzrecht respektiert. Hinzu kommt, dass sich die überstürzenden Erlebnisse der Menschen in der zum Kriegsgebiet gewordenen Heimat, außer Rand und Band gebracht haben. Die wahre innere Natur der Menschen setzte sich durch, und damit haben sich viele zu Handlungen hinreißen lassen, deren sie sich nachher schämten. Die Kriegspsychose und der Lebensdurst der Menschen hat sie in der Zeit vielfach nach der bösen Seite abwandern lassen.  Quellen: Dornstetter Heimatbuch und Unterlagen aus dem Stadtarchiv.

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