Schwäbisch: Dialektforscher Rudolf Bühler von der Uni Tübingen befragt junge und ältere Weidener
Schwäbisch ist nicht gleich schwäbisch: Von Region zu Region, bisweilen sogar von Ort zu Ort kann die Aussprache eines bestimmten Worts anders sein. Rudolf Bühler vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen untersucht derzeit die gesprochenen Dialekte im Landkreis Rottweil.
Dornhan-Weiden. Rudolf Bühler hat einen langen Fragenkatalog mitgebracht. "Wie sagen Sie dazu daheim?", will er von den Gesprächspartnern wissen. Das sind Robert Killguss (Jahrgang 1945), Eugen Schaible (1946), Luis Schütz (2004) und Lisa Günther (2001). Mit am Tisch im Rathaus sitzt Ortsvorsteher Wolfgang Vielsack, der allerdings, weil er kein Ur-Weidener ist, nicht interviewt wird.
In Weiden gibt es jedenfalls nicht den "Schultis", sondern den "Schultes". Man schafft "zemme", füttert die "Küa", füllt den "Kratta mit "Oier" oder "strealt" sich mit dem Kamm die Haare. Die Mehrzahl von Steinen sind "Stoaner". Dazu hat Eugen Schaible auch gleich einen Spruch parat: "A stoanegs Äckerle, a stompfa Pfluag, a grätegs Weib, dann hot ma Ärger gnuag." Der Dialektforscher notiert in Lautschrift die Antworten. Fast zwei Stunden lang stellt er Fragen. Manchmal müssen die alteingesessenen Weidener überlegen, wie man den auf Hochdeutsch vorgegebenen Begriff richtig im Dialekt ausspricht. Wie sagt man zum Löwenzahn? Es dauert einen Moment: klar, "Gaggelesbosch". "Knella", nein, das sagt man in Rottweil. Das kennt man nur von der Fasnet, die in Weiden aber keine Tradition hat.
Für Jauche haben die Weidener gleich zwei Wörter: "Brüa" und "Mischtlacha". Und was ein "Bibbeleskäs" ist, wissen sie auch. Das sei mit Salz angemachter, abgeschöpfter Rahm. Kartoffeln sind "Krombiera" und Erdbeeren "Preschtling". Ein Laib Brot ist ein "Loab" oder "Loable", und der Teig dazu wird "doaget".
Wie sagt man zur Oma und zum Opa? Auch da müssen die älteren Weidener zuerst nachdenken, bis es ihnen einfällt – "Ehne" und "Ahna". Die Patentante ist die "Dote" und der Patenonkel der "Dete".
Robert Killguss erzählt im Weidener Ur-Dialekt, wie es früher im Dorf war. Kartoffeln, Weizen, Gerste und Hafer wurden in der Landwirtschaft angebaut. Die schweren Fruchtsäcke mussten steile Stiegen hochgetragen werden. Beim Sauerkrautmachen waren die Kinder gefragt: Sie mussten sich die Füße waschen und dann das Kraut im Fass stampfen, zuerst daheim und dann noch beim Nachbarn. Gekriegt habe man dafür nichts, "aber das Sauerkraut war gut und gesund."
Lisa Günther besucht in Sulz das Albeck-Gymnasium: "Bei uns wird der Dialekt wegtrainiert", verrät sie. Die Lehrer wollten ein korrektes Hochdeutsch hören. "Ich spreche immer gleich", meint die 19-Jährige, allerdings mehr hochdeutsch als Dialekt. Luis Schütz spricht dagegen breitestes Schwäbisch, auch in der Schule.
Bühler untersucht den Dialekt in 70 Ortsteilen von 21 Kommunen im Landkreis Rottweil. Neben den Lauten und dem Wortschatz interessiert ihn dabei auch die Grammatik. In Dornhan und in Sulz hat Bühler kaum Unterschiede im Dialekt feststellen können: Hier verlaufe keine Sprachgrenze. Die Ergebnisse der Befragungen werden in einem Sprachatlas zusammengefasst und voraussichtlich 2022 präsentiert.