Bei einem Netzwerktreffen in der Kulturinsel Stuttgart besprachen die Künstlerinnen und Künstler der freien Szene im Oktober Wünsche und Perspektiven. Foto: Anton Avdieiev

Ein Haushaltsantrag von Grünen und CDU macht konkrete Vorschläge für Kürzungen im Kulturbereich. Die freie Tanz- und Theaterszene sieht sich darin massiv benachteiligt.

Die vielen freien darstellenden Künstlerinnen und Künstler in Stuttgart sind vertreten durch ihre Interessengemeinschaft, die Freie Tanz- und Theaterszene. Hinter der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft und dem Kürzel FTTS verbergen sich 41 Kollektive und rund 60 Einzelkünstlerinnen und -künstler.

 

Sie alle sind über die derzeit debattierten Kürzungen und vor allem über den Haushaltsantrag zur Kulturförderung, den die Fraktionen von Grünen und CDU gemeinsamen erarbeitet haben, nicht begeistert. „Dieser Antrag zeigt auf, dass insbesondere die Freie Szene unverhältnismäßig hart und unmittelbar von Kürzungen betroffen sein würde“, heißt es seitens der FTTS, die für die freie Szene auf Basis dieses Haushaltsantrags durchschnittliche Kürzungen von 32 Prozent errechnet hat. Besonders hart treffe es alle, die „auf die städtischen Projektförderungen sowie die Aufführungs- und Wiederaufnahmeförderung und die Unterstützung durch die FTTS angewiesen sind, da sie keine eigene institutionelle Förderung haben“.

Offener Brief an die Stadträte von Stuttgart

Über viele Jahre aufgebaute Strukturen würden so beschädigt, die Kulturszene in ihrer Vielfalt und Lebendigkeit bedroht. Deshalb hat sich die durch die Geschäftsführer Tobias Frühauf und Philipp Wolpert vertretene FTTS mit Unterstützung aus den beiden Theatern Fitz und Rampe in einem offenen Brief an die Mitglieder des Gemeinderats gewandt. In diesem Schreiben werden die Kürzungen konkret aufgelistet:

• Die Freie Tanz- und Theaterszene (FTTS) selbst soll eine Kürzung von 20,95 Prozent (52.800 Euro) erfahren.

• Der Jurierte Förderfonds Theater und Tanz (für Produktionen) soll um 33 Prozent (198.000 Euro) gekürzt werden.

• Die Abspiel- und Wiederaufnahmeförderung (für Aufführungen) soll um 25 Prozent (65.000 Euro) reduziert werden.

• Das Festival „6 Tage frei“ soll, wie viele andere Festivals auch, eine drastische Kürzung von 50 Prozent (24.500 Euro) hinnehmen müssen.

Das summiert sich zu einer durchschnittlichen Kürzung von 32,2 Prozent für die direkt betroffenen Bereiche der freien Szene. Hinzu kommt, dass befristete FTTS-Mittel in Höhe von 244.600 Euro auslaufen. Eingesetzt wurden sie für nach wie vor bestehende Aufgabenfelder: die temporäre Anmietung von Proben- und Spielorten (mangels eigener Spielstätte und akuter Proberaumnot), von der FTTS direkt vergebene Aufführungsförderung, Unterhalt der Geschäftsstelle mit zwei Vollzeitstellen. Unterm Strich heißt das für die FTTS: Wird der Antrag von CDU und Grünen angenommen, würde die städtische Förderung von 496.600 Euro für das Jahr 2025 auf 199.200 Euro im Jahr 2026 sinken – ein Rückgang um mehr als die Hälfte.

Dass gespart werden muss, ist auch für die Interessenvertretung der freien Szene klar. Dass der Rotstift in ihrem Bereich besonders dicke Striche macht, stößt aber auf Unverständnis. Auch der Titel des Haushaltsantrags, „Kulturförderung – mit Maß und Mitte sparen, geschaffene Strukturen sichern, Neues ermöglichen“, stößt auf Widerspruch, denn die angedachten Kürzungen würden in der freien Szene gewachsene Strukturen und Existenzen gefährden.

FTTS-Geschäftsführer Tobias Frühauf und Philipp Wolpert Foto: Igor Turin

Beim geplanten Sparkurs sieht sich die freie Szene als eine Art Melkkuh, obwohl sie dafür bekannt sei, wie es in dem Brief heißt, „mit begrenzten Mitteln eine maximale Wirkung zu erzielen“. Da freie Künstlerinnen und Künstler, auch was ihren Lebensunterhalt betrifft, oft am Limit operieren, warnen die Unterzeichner vor disproportionalen Einschnitten: „Diese Kürzungen sind für eine Vielzahl von Künstler:innen existenzgefährdend.“

Bei der fairen Bezahlung von Kulturschaffenden würde deshalb mit zweierlei Maß gemessen: „Das Argument, dass die ,festen Häuser‘ tarifliche Verpflichtung gegenüber ihren Mitarbeitenden haben, ist nachvollziehbar“, heißt es in dem offenen Brief. Und weiter: „Es wirft aber auch die Frage auf, warum Arbeitsplatzsicherung und faire Bezahlung in der freien Tanz- und Theaterszene politisch weniger Gewicht haben.“

Synergieeffekte in Gefahr in der Kulturszene Stuttgart

Bei einer zu großen Schwächung der freien Szene steht für deren Akteure zudem die von den Politikern angedachte Zusammenarbeit mit den privaten Theatern infrage. Die Bühnen könnten die Kürzungen nicht abfangen. „Die vorgeschlagenen Synergieeffekte von Freier Szene und Privattheater führen nur dann zu einem zukunftsorientierten und tragbaren Konzept, wenn die Freie Tanz- und Theaterszene auch noch über entsprechende Ressourcen verfügt“, endet der Brief mit der Hoffnung auf einen ergebnisoffenen Austausch.

Aktion der FTTS im Rathaus

Termin
Zur letzten Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien am nächsten Dienstag (25. November) um 14 Uhr im Stuttgarter Rathaus sind die Künstlerinnen und Künstler der freien Szene aufgerufen, möglichst zahlreich vor Ort zu erscheinen und auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Verein
Die Freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS) wurde 2018 von drei regionalen Vereinen als übergeordnete Interessenvertretung gegründet: vom Produktionszentrum für Tanz und Performance, vom freien Theater Stuttgart und von der Vereinigung freier darstellender Künstlerinnen und Künstler für Stuttgart. Die Geschäftsstelle befindet sich in der Kriegsbergstraße 30.