Katharina Büttgen freut sich über den Kunstpreis der Stadt Donaueschingen. Bürgermeister Severin Graf gratuliert. Foto: Stefan Simone

65 Kunstschaffende stellen 90 Arbeiten bei der Werkschau Regionale aus. Der Preis der Stadt geht an Katharina Büttgen.

Die scheinbare Naturnähe zu einem Wespennest folgt dem strategischen Kalkül künstlerischer Setzung. Natur kann wie Kunst aussehen, wie auch umgekehrt. Mit Naturalismus hat das wiederum wenig zu tun. Jachym Fleig gibt mit seiner raumgreifenden parasitären Wucherung „Anlage“ gleich einmal im Eingangsbereich der Donauhalle eine Lesart vor.

 

Eine Lesart, die freilich auf dem weiten Feld der zeitgenössischen Kunst auf vielfältige Weise ausgelegt werden kann. So bietet die nunmehr zwölfte Ausgabe der alle zwei Jahre stattfindenden Donaueschinger Regionale einen vielschichtigen Einblick in die Baden-Württembergische Gegenwartskunst.

So wie Fleigs Interventionen schlüssig wirken, als hätte das befallene Gebäude selbst das wuchernde wesenhafte Geschehen ausgebrütet, besetzen, reflektieren und repräsentieren die Skulpturen, Malereien, Grafiken, Installationen und Videoarbeiten die Wirklichkeit, lustvoll-einnehmend und mit ernstem Humor.

Eine jurierte Gruppenausstellung ohne thematische Vorgabe kann beliebig wirken, wobei Beliebigkeit ein Kriterium ist, dass den Besuchern durchaus gelegen kommt. Sie erwarten einen abwechslungsreichen, kurzweiligen Parcours und können an den Lebenswirklichkeiten der Kunstschaffenden teilnehmen.

So sind Lara Rottinghaus’ Bilder Teil einer Serie, die sich tagebuchartig mit einzelnen blitzartigen Momenten aus ihrem Leben beschäftigen. Charakteristisch ist die point of view Perspektive, als ob die Bildwelt eine Erweiterung der eigenen Wirklichkeit wäre.

Die Betrachter nehmen den Standpunkt der Künstlerin ein – sie halten die Flasche Bier oder bewundern die frisch lackierten Nägel. Eine Perspektive, die man aus den sozialen Medien kennt. Das Ganze funktioniert besonders gut, weil die Motive stets in Lebensgröße dargestellt sind.

Alltägliche Menschen – Individuen, die dem Betrachter vertraut sind – sind auch Gabriele Schullers Motive. In ihren Arbeiten nutzt sie als Ausgangsmaterial eine abgehalfterte Litfaßsäule, von der sie in Schichten Teile abzieht. Dieser Vorgang führt zu einem lebhaften Untergrund, der den Eindruck von urbaner Räumlichkeit vermittelt.

Es sind zwei für diese Regionale beispielhafte hervorragende malerische Positionen, die das Individuum in seiner Alltäglichkeit thematisieren.

Gregor Kuschmirz und Lu Grompone haben gemeinsam die kinetische „Beziehungskiste“ gestaltet. Foto: Stefan Simon

Wie sich menschliche Vorstellungskraft in die Sternensysteme einprägt, mit Erzählungen und Bildern, die Kulturen und Zeiten überspannen, vergleichbar mit einem Rorschach-Test für die universelle Menschheit, kann man in Matthias Neumanns Zeichnungszyklus „Zodiak“ erkennen.

Im Firmament, sinnigerweise weit oben gehängt, treffen in den Zeichen des Tierkreises Erzählung und Abstraktion auf einer universellen Ebene aufeinander. Von himmlischen Sphären zu ganz irdischen Problemen.

In Karen Bayers „ice ice baby“ intermedialer Arbeit stehen die Silberrücken für die Mächtigen, die mit ihrem Dominanzgehabe unsere Welt gestalten. Sie greifen nach den strategischen und ressourcenreichen Orten.

Lara Rottinghaus lässt bei der Regionale 2026 den Besucher an ihrem Alltag mittels ihrer malerischen Tagebuchimpressionen teilnehmen. Foto: Stefan Simon

Ein Thema, das auch in dem deformierten Globus von Lars Spott anschaulich zur Sprache kommt. Aktuell wird einem schmerzlich bewusst, dass die Erde in Territorien gedacht wird, umkämpft wegen ihrer Bodenschätze.  

Ruth-Rosa Stützle-Kaiser bringt in ihrer  textilen Arbeit „Terra versus Territorien“ das existenzielle Thema in abstrahierter Weise auf den Punkt. Alles hängt mit allem zusammen und irgendjemand hat angefangen.

Elke Zemelka erzählt in ihrer Malerei „Cain y Abel…“ die Geschichte von Kain und Abel, dem ersten Brudermord der Bibel, der somit das Töten zwischen den Menschen symbolisiert.

Elke Zemelka erzählt in ihrer Malerei „Cain y Abel…“ die Geschichte vom ersten Brudermord der Bibel. Foto: Stefan Simon

Was man gegen diesen alltäglichen Wahnsinn machen kann, zeigt gleich gegenüber Katharina Büttgen. Für sie ist „Sprache Widerstand“. Für dieses gleichnamige Werk hat die junge Karlsruher Kunststudentin den mit 2000 Euro dotierten Kunstpreis der Stadt Donaueschingen erhalten.

Wie sich nun in der Ausstellung zeigt, zurecht. Ihre belarussischen Wurzeln spiegeln sich neben dem politisch relevanten Inhalt der Bilder auch im Medium wieder. Das Sticken ist in der belarussischen Kultur stark verankert. In ihren Arbeiten ersetzt das Sticken den Zeichenstrich und verbindet zum Teil verloren gegangene belarussische Kultur mit hoch brisanten politischen Themen. Büttgens zentrale Textilarbeit spannt so im übertragenen Sinne die Fäden zu den anderen sehenswerten Arbeiten der Ausstellung.

Regionale 2026 bis 24. Mai

Die Werke
Aus 268 Bewerbungen hat eine aus Kunsthistorikern und Künstlern zusammengesetzte Fachjury 65 Kunstschaffende ausgewählt, die mit rund 90 Arbeiten die über 1200 Quadratmeter große Halle bespielen. Die Donaueschinger Regionale findet seit 2003 im Zwei-​Jahres-​​Rhythmus statt. Sie ist bis 24. Mai kostenlos zu besichtigen.