Die einzige jüdische Grabstelle der Stadt erzählt von Familie Storch
Von Cornelia Spitz
Donaueschingen. Ganz oben auf dem Grabstein prangt der Davidstern, auf der Oberkante liegen sieben Kieselsteine als Symbol für das Gedenken der Toten. Wer in diesem einzigen jüdischen Grab des Donaueschinger Friedhofs seit dem 24. Mai 1945 ruht, ist Willi Storch.
Es sieht aus, als ob lange niemand mehr hier war. Nicht ungepflegt, aber irgendwie einsam. Grünpflanzen überwuchern den Grund, ein Buchsbäumchen steht eisern da. Der in den Grabstein über den vier hebräischen Schriftzeilen als Bild eingelassene Baum hingegen hat einen gebrochenen Ast. Gebrochen – Willi Storch, sagt der Grabstein, ist Opfer des Nazi-Regimes. Er wurde am 28. Januar 1928 geboren und gerade einmal 17 Jahre alt. Sein Todesurteil: Flecktyphus. Er starb in Donaueschingen.
Die Stadtführerin Martina Wiemer ging, durch einen Hinweis der Friedhofsverwaltung neugierig geworden, Willi Storchs Geschichte auf den Grund. Bis in ein jüdisches Museum in Atlanta führten sie ihre Recherchen.
Willi Storchs tragische Geschichte geht so: Die Familie lebte in Polen. Nachdem die Eltern gestorben waren, landeten Willi, sein älterer Bruder Jack und ihre Schwester im KZ in Auschwitz. Wohingegen das Mädchen umgebracht worden ist, wurden die beiden Jungs beim Anmarsch der alliierten Truppen auf den Todesmarsch gen Westen geschickt.
Jack, Willi und einige andere Gefangene flohen. Sie irrten wochenlang umher, durch Felder und Wälder, strandeten am Ende ihrer Kräfte in Donaueschingen. Noch vor dem Kriegsende. Die französischen Truppen griffen sie auf, brachten sie ins Lazarett zur Genesung. Aber Willi schaffte es nicht.
Jetzt legen Fremde Steinchen auf den Grabstein
Sein Bruder wanderte in die USA aus, hatte angeblich für das Begräbnis seines jüngeren Bruders in Donaueschingen gesorgt. Als Jack um 1980 herum erfuhr, dass die Kosten für die Begräbnisse von Opfern des Nationalsozialismus übernommen werden, entstand das Grab in Donaueschingen und somit ein stummer Zeuge, der Geschichte erzählt.
Jack ist mittlerweile nicht mehr. Das Grab seines Bruders kann er nicht mehr besuchen. Jack soll 2001 gestorben sein. Nun legen andere, Gläubige, denen Willis und Jacks Schicksal stellvertretend für die vielen Tausend zu Herzen geht, Steinchen auf den Grabstein – im stillen Gedenken.
Weitere Informationen: Die Geschichte hinter dem einzigen jüdischen Grab in Donaueschingen erzählt Martina Wiemer bei ihren Friedhofsführungen. Die nächste ist am kommenden Samstag, 15. Oktober, 15 Uhr. Anmeldung: VHS Baar, Telefon 0771/10 01.