Der Eingangsbereich der Donaueschinger Diskothek Okay. Was genau geschah in der Nacht vom Dezember 2017, als ein Schuss aus einer Pistole einen Türsteher schwer verletzte? Die Geschehnisse werden jetzt vor Gericht beleuchtet. Foto: Wursthorn

Erster Prozesstag am Konstanzer Landgericht. Es geht um Skelcim K., der 2017 vor der Donau­eschinger Diskothek Okay auf einen Türsteher geschossen hat.

Donaueschingen/Konstanz - Etliche bewaffnete Polizisten mit Maschinenpistolen, penible Kontrollen und ein Angeklagter, der in Handschellen und Fußfesseln in den Verhandlungssaal des Konstanzer Landgerichts geführt wird: Am Dienstag hat dort der Prozess gegen den 25 Jahre alten Skelcim K. begonnen. Er soll im Dezember 2017 im Vorraum der Diskothek Okay einen Türsteher niedergeschossen und dabei schwer verletzt haben.

Im Anschluss soll er geflüchtet sein. Er wurde schließlich mit internationalem Haftbefehl in Albanien festgenommen. Das geschah im Mai 2019, seit Februar ist K. in der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Untersuchungshaft. Angeklagt wird K. unter anderem wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

K. äußerte sich am ersten Prozesstag zu seinen persönlichen Verhältnissen. 1996 geboren, zuerst in Calw gelebt, Scheidungskind. Früh gerät er mit dem Gesetz in Konflikt und verbringt schon bald seine erste Zeit im Gefängnis. So war es auch im Jahr 2017. Im Juli wird er aus der Justizvollzugsanstalt Offenburg entlassen, im Dezember kommt es zu dem Vorfall.

Aber was genau passierte damals in der Diskothek? K. ließ dazu seinen Verteidiger Manfred Gnjidic eine vorab verfasste Erklärung verlesen. Der Angeklagte habe sich vor dem Diskobesuch in einer Donaueschinger Shisha-Bar aufgehalten. Eigentlich habe er daraufhin nach Villingen gewollt und einen Freund gefragt, ob er ihn hinfahren würde. Er habe nicht in die Disko gewollt und auch nichts von einem dortigen Hausverbot für ihn gewusst.

Er habe, sagt K. in der Erklärung weiter, nur zwei Freundinnen abholen wollen, worauf er von den Türstehern sofort zurückgestoßen worden sei. Die seien aggressiv vorgegangen und hätten ihm gesagt, dass sie ihn verprügeln wollten. "Die Türsteher umkreisten mich. Ich hatte Angst", lautet es in der Erklärung. Der Türsteher habe gesagt: "Schieß doch!" Und schließlich sei es zum Schuss gekommen. Skelcim K. ließ verlauten, er habe nie jemanden umbringen wollen. In seiner Panik habe er die auf ihn eindrängenden Türsteher abhalten wollen. Die scharfe Waffe – sie sei ein Fehler gewesen.

"Ich tue mich schwer, wenn einer eine Waffe zieht. Für mich ist keine Bedrohung erkennbar", relativierte der vorsitzende Richter Arno Hornstein. Einen objektiven Blick gewährte schließlich ein Video aus zwei Perspektiven von dem Vorfall. Zu sehen ist der Angeklagte, wie er zielstrebig auf den Eingangsbereich im Inneren des Gebäudes zuläuft. Zwischen ihm und den Türstehern kommt es zu einem minimalen Wortwechsel, dann wird K. vom Türsteher Ralf H. geschubst. Einen Moment danach wird die Pistole gezogen, offensichtlich werden Worte gewechselt. Drei Türsteher laufen auf K. zu, am nächsten dran ist Thorsten S. – ihn trifft schließlich der Schuss.

5,5 Zentimeter unter der Brustwarze trifft das Projektil den Türsteher, zerreißt in der Folge Teile seines Dickdarms: "Ich dachte nicht, dass es sich dabei um eine echte Knarre handelte", sagt S. vor Gericht. Er überlebt den Schuss, trägt jedoch große Narben davon. Auf dem Körper – aber auch psychischer Natur.

Warum die Türsteher auf K. eingedrängt haben? "Ich wollte ihn entwaffnen", erklärt Thorsten S. Vor dem Schuss sei er sportlich sehr aktiv gewesen, habe Thai-Boxen trainiert. Das sei jetzt nicht mehr möglich. "Als er geschossen hat, bin ich zusammengesackt. Es hat sich wie ein dumpfer Schlag angefühlt. Ich bin jedoch davon ausgegangen, das ist eine Schreckschuss-Waffe. Wer rennt denn schon mit einer scharfen Waffe herum?" S. sagt, er habe sich aufgerappelt und man habe ihn ins Restaurant der Diskothek gebracht. Erst als er Stichweste und Hemd auszieht, erkennt er: "Da ist Blut." In einer Notoperation kann sein Leben gerettet werden.

Was die Türsteher beschreiben, das ähnelt sich. So auch die Ausführungen von Nenat B. "Er hatte Hausverbot und als er reinkam, wurde er von Ralf weggeschubst", beschreibt B. Nach dem Schuss sei Skelcim K. die Treppe der Diskothek hinab geflüchtet, sei dort in ein Auto gestiegen und davongefahren. "Wir wussten nicht, ob das eine echte Pistole ist."

B. sagt, er habe im Nachgang des Vorfalls noch ein Erlebnis in einem Fitnessstudio gehabt. Dort sei die Schwester von Skelcim K. aufgetaucht: "Weißt du, wer ich bin? Ich bin schlimmer als mein Bruder. Überleg dir, was du aussagst, sonst bringe ich dich um" – das habe Nenat B. zu hören bekommen. Er arbeite mittlerweile nicht mehr als Türsteher: "Da wird man sofort über einen Kamm geschoren." Zudem sei es mittlerweile zu gefährlich. "Die Jugend hat keinen Respekt mehr."

Großes Thema im Prozess war die Frage, ob K. überhaupt Hausverbot erhalten habe – und wenn ja, von wem. Maximilian H., auch ein ehemaliger Türsteher im Okay, bestätigte, dass Skelcim K. regelmäßig in der Disco für Ärger gesorgt habe. Er habe etwa gedroht: "Ich hole Albaner und dann mache ich alle an der Tür platt." Es sei schließlich er selbst gewesen, sagt Maximilian H., der das Hausverbot ausgesprochen habe. K. habe sich auch an anderen Orten nicht mehr aufhalten dürfen. "Die Gäste haben sich über ihn beschwert. Er ist wie ein Bulldozer durch die Disko gelaufen", so H. K. habe auch an dem Abend des Schusses ganz sicher gewusst, dass er nicht in die Disko dürfe: "Man braucht kein Abitur, um ein Hausverbot zu verstehen."

Als Zeuge geladen war auch Ahmed A., der an jenem Abend Skelcim K. zur Diskothek gefahren hatte. "Das ist vier Jahre her, ich habe einen Großteil davon vergessen", so A. An jenem Abend im Dezember habe K. ihn angerufen und gefragt, ob er ihn mit nach Villingen nehmen könne. Beim Okay habe man nur gehalten, um einen Schlüssel abzuholen, den die Schwester von A. in der Diskothek mit dabei gehabt haben soll. Skelcim K. habe gesagt, dass er schnell den Schlüssel hole. Nach kurzer Zeit sei er ins Auto zurückgekehrt und man sei losgefahren.

Bei den Fragen des Richters tauchen immer mehr Gedächtnislücken auf: "Es wirkt so, als ob Sie bei Fragen, die für Herrn K. unangenehm werden, Erinnerungslücken haben", so Richter Hornstein. Die Aussagen, die von der Polizei aufgenommen wurden, klangen da deutlich anders. Darin habe Ahmed A. behauptet, K. habe in der Disko "noch schnell was klären wollen". Daran, dass er K. kurze Zeit später wieder habe aus dem Auto aussteigen lassen, will A. sich nicht erinnern.

Im Prozess sollen jetzt noch weitere Zeugen und Sachverständige gehört werden. So soll noch der Türsteher Ralf H. befragt werden. Er ist derjenige, der Skelcim K. in der Diskothek gestoßen haben soll. Daneben werden sich verschiedene Sachverständige zum Fall äußern und es wird erörtert werden, wie die Haftbedingungen von K. in Albanien gewesen sein sollen.