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Donaueschingen In der Kirche schlummert ein Schatz

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Haben die Sanierung angestoßen: Verena Schmidle fragte Pfarrer Erich Loks, ob jemand nach der Mechanik der Orgel schauen könnte. Foto: Jakober Foto: Schwarzwälder Bote

In vielen Dörfern schlummern wahre Schätze: Michael Kaufmann, Orgelsachverständiger für die Erzdiözese Freiburg, kennt die Geschichte.

Donaueschingen (jak). "Oft weiß man gar nicht, was für Besonderheiten in den Kirchen stehen – am allerwenigsten diejenigen vor Ort, weil sie ja täglich damit in Berührung kommen", erklärt Kaufmann. Und so war lange nicht bekannt, welch Schmuckstück in Neudingen zu finden ist.

Den Anstoß für die Entdeckung machte Verena Schmidle. Zehn, 15 Jahre engagiert sie sich in der Kirchengemeinde. Eine Aufgabe darunter ist das Musizieren mit Kindern und Jugendlichen. Keyboard und Gitarre standen da im Fokus. Doch eigentlich war es der Traum von Verena Schmidle, das Orgelspielen zu lernen. Beim Kirchenmusiker Frank Riegger in Bräunlingen hat sie drei Jahre Unterricht genommen und ist begeistert von dem Instrument. Doch als sie in der Neudinger Kirche in die Tasten griff, merkte sie, dass die Mechanik des Instrumentes nicht ganz so gut funktioniert. Ob man das nicht richten könnte, so ihre Frage an Pfarrer Erich Loks.

Die Orgel wurde unter die Lupe genommen, und zwei Experten geraten regelrecht ins Schwärmen, wenn sie von ihr reden. Denn neben Michael Kaufmann ist auch Alexander Eckert, der sich auf Orgelsanierungen spezialisiert hat, hin und weg von dem Instrument. Denn viele Orgeln würden zwar optisch noch alt aussehen, aber in ihrem Inneren wäre nichts mehr ursprünglich. "Ich gehe davon aus, dass 75 Prozent noch im ursprünglichen Zustand sind – vielleicht sogar deutlich mehr", erklärt Eckert. Genaueres könne er aber erst sagen, wenn die Orgel auseinandergebaut wird.

Mehr als 600 Pfeifen werden ausgebaut

Und das soll voraussichtlich Anfang 2021 passieren. Denn das Neudinger Instrument soll aufwendig saniert werden. Das ist keine Aufgabe, die einmal kurz in wenigen Tagen bewältigt wird. "Wir haben in eine Orgel, die drei Register weniger hatte als die Neudinger, 5500 Arbeitsstunden investiert", erklärt der Fachmann. Weniger werden es wohl auch bei dieser Restauration nicht, denn es müssen mehr als 600 Pfeifen ausgebaut und repariert werden.

Über die Jahrhunderte hinweg haben sie doch einiges ertragen müssen. Unsachgemäß wurde beispielsweise in der Vergangenheit auch ein Stück aus der Pfeife herausgeschnitten, um den Ton höher zu machen. Und zum Nachstimmen wurde dann einfach mit einem Stück Tesa abgeholfen. Das funktioniert zwar, aber von einer sachgemäßen Wartung ist das weit entfernt.

Ebenso das Vorgehen, wie in der Vergangenheit der Schädlingsbefall in den Holzteilen bekämpft wurde. "Es wurde Holzschutzmittel verwendet", erklärt Eckert. Das hat zwar die Schädlinge getötet, aber auch giftige Spuren hinterlassen, die nun beseitigt werden sollen. Und es gibt noch einige offene Fragen zu klären. Wie viel des ursprünglichen Zustandes sollen wieder hergestellt werden. Denn beispielsweise wird der Wind, der durch die Orgelpfeifen streicht und die Töne erzeugt, aktuell durch einen Motor und einen Ventilator erzeugt. Als die Orgel 1846 gebaut wurde, war von solcher Technik natürlich noch nichts zu erahnen. Da wurde der Wind mechanisch erzeugt, von einer Person, die hinter der Orgel auf ein Pedal getreten hat. Es brauchte als nicht nur einen, der spielt. Ohne den Treter gab das Instrument keinen Ton von sich.

Was auf jeden Fall hergestellt werden soll, ist der ursprüngliche Klang der Orgel. "Dann wird das Instrument wieder klingen wie es sich ursprünglich 1850, 1860 angehört hat. Dann herrscht hier wieder die Atmosphäre von damals – nicht nur optisch, sondern auch akustisch", erklärt Kaufmann. Orgelklang, das ist etwas ganz Besonderes. "Er ist mit den Epochen und der gesellschaftlichen Entwicklung geknüpft", erklärt Kaufmann. Auch regionale Unterschiede sind zu hören. Denn ein Orgelbauer konnte natürlich nur das wiedergeben, was er im eigenen Ohr hatte.

Klanglich lässt sich beim Spiel auf der Neudinger Orgel der Übergang vom Barock in die Romantik erkennen. "Es ist die Transparenz des Barocks zu erkennen, und der Farbbereich des Altarbildes wird klanglich aufgenommen", erklärt Kaufmann. Flöten, Streicher und Prinzipale – hier hört man, wie beim Orgelbau versucht wurde, ein ganzes Orchester in einem Instrument abzubilden. "Aber andererseits ist da auch eine Fläche im Klang, die man aus der Romantik kennt", so der Orgelexperte.

Und wie Kaufmann es aus anderen Dörfern kennt: In Neudingen ist man ganz erstaunt, welch Orgelschatz in der Kirche geschlummert hat. "Ich bin ganz baff. Ich wusste gar nicht, dass wir so ein Schmuckstück in unserer Kirche haben", sagt Neudingens Ortsvorsteher Klaus Münzer, der schon ganz gespannt ist, wie die Orgel dann klingt, wenn sie saniert ist. Doch dazu braucht es auch erhebliche finanzielle Mittel. Die Stadt Donaueschingen hat schon im Oktober des vergangenen Jahres ihre Beteiligung zugesagt. Nach langen Diskussionen entschied der Gemeinderat, das Projekt mit fünf Prozent der Sanierungskosten, aber maximal 6000 Euro zu unterstützen – daran geknüpft ist auch ein entsprechender Wartungsvertrag. Denn laut Gutachten ist die Sanierung auch aufgrund der unsachgemäßen Wartung nötig.

Und auch der Bund beteiligt sich. "Wenn es um so eine Förderung geht, dann erkundigen sich die Haushälter ja immer danach, ob das Projekt auch einer Förderung würdig ist", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner, der auch den Schwarzwald-Baar-Kreis betreut. Als er aber von der Bedeutung der Orgel gehört habe, habe er sich für das Projekt eingesetzt. 35 000 Euro steuert der Bund bei. Insgesamt wird mit Kosten in Höhe von 130 000 Euro gerechnet. Fechner nimmt von seinem Besuch in Neudingen eines mit: "Ich bin jetzt ein richtiger Orgelfan geworden."

In keinem anderen Land ist die Tradition des Orgelbaus so ausgeprägt wie in Deutschland. Laut Michael Kaufmann, Orgelsachverständiger der Erzdiözese Freiburg, gibt es in ganz Deutschland rund 50 000 Orgeln und in Baden-Württemberg 7000 bis 8000 Orgeln. "20 Prozent davon gelten als historische Instrumente", erklärt Kaufmann. Die Bedeutung des Instrumentes könne man beispielsweise daran erkennen, dass beim ersten deutschsprachigen Orgelbauhandbuch im Jahre 1511 Kaiser Maximilian das Vorwort geschrieben hat. Auch die Unesco hat diese Tradition erkannt und die deutschen Orgeln und die Orgelmusik zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt.s

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