Jens Awe, Geschäftsführer der Volkshochschule Baar, an dem Arbeitsplatz, an dem ansonsten die Kursleiter für die Japanisch- oder Mathe-Aufbau-Kurse sitzen. Foto: Niederberger Foto: Schwarzwälder Bote

Bildung: Wie die Volkshochschule die Corona-Krise meistert / Dieses Semester wohl keine Präsenzkurse mehr

Die Volkshochschule Baar darf laut der jüngsten Version der Corona-Verordnung noch immer keine Präsenzkurse anbieten. Deshalb setzen Geschäftsführer Jens Awe und sein Team auf das Internet.

Donaueschingen (hon). Wenn die Landesregierung ankündigt, ihr Regelwerk zum Umgang mit der Covid-19-Pandemie fortzuschreiben, dann geht es VHS-Baar-Chef Jens Awe so wie vielen Schulleitern, Gastronomen oder Einzelhändlern: Er sitzt am Computer – damit er die neuen Regeln sofort darauf abklopfen kann, was diese denn für seine Einrichtung bedeuten.

Seit Freitag, 8. Mai, liegt die achte Version der Corona-Verordnung vor, die besagt, dass der Kursbetrieb der Volkshochschulen weiter unterbrochen bleiben muss – bis zunächst zum 24. Mai. Awe geht aber davon aus, dass die Angebote, die eine Präsenz von Teilnehmern und Kursleitern verlangen, in diesem bis September laufenden Semester nur in wenigen Ausnahmefällen möglich sein werden. Deshalb setzen er und sein Team voll aufs Internet – mit großem Erfolg.

Das coronabedingte Herunterfahren des öffentlichen Lebens und der Start ins VHS-Semester spielten sich fast zeitgleich ab. Noch am 12. März hieß es aus dem Gesundheitsamt, dass der VHS-Betrieb ganz normal weitergehen könne, nur Veranstaltungen mit über 50 Personen seien nicht gerne gesehen. Awe atmete zunächst durch, wäre somit doch zumindest der Vortrag von Prinz Asfa-Wossen-Asserate am 18. März in den Donauhallen gesichert gewesen. Das Mitglied des äthiopischen Kaiserhauses wollte über die neue Völkerwanderung sprechen. Die VHS hätte halt nur 49 Besucher in die Halle gelassen. Doch auch das klappte nicht, denn am 14. März erfuhr Awe, dass ab dem 16. März auch Vorträge grundsätzlich abgesagt werden müssen.

Der VHS ist es so wie vielen Schulen ergangen: So richtig vorbereitet auf Online-Unterricht war sie nicht. Über den Dachverband hatte man zwar schon einmal zwei Vorträge gestreamt, doch diese hätten sich als "Ladenhüter" erwiesen, so Awe. Umso mehr hat es ihn überrascht und gefreut, dass die in Eigenregie organisierten Online-Angebote sehr gut ankommen: Von 29 selbst konzipierten Digital-Kursen sind 20 mit zusammen 155 Teilnehmern seit Mitte April zustande gekommen. Nur zwei Angemeldete seien abgesprungen: Einer, weil er zu Hause eine zu langsame Internet-Verbindung hat, ein anderer wegen eines wichtigen Termins.

Äußerst beliebt bei der VHS-Klientel sind die Yoga- und Fitnesskurse, aber auch drei Japanisch-Kurse, Mathe-Aufbaukurse und Tastaturschreiben für Schüler sind stark nachgefragt gewesen, ebenso verschiedene Vorträge, darunter einer zum Reiserücktrittsrecht.

Um die guten Buchungszahlen der Online-Kurse zu ermöglichen, sind Awe und seine Verwaltungskräfte (die meisten davon haben Teilzeitverträge, bis jetzt keine Kurzarbeit) in die Vollen gegangen. Da galt es zunächst, die nötige Hardware wie Scheinwerfer, Webcams, Mikrofone und Headsets zu kaufen oder diese Dinge vom Kreismedienzentrum auszuleihen.

Bei der Auswahl der Software musste darauf geachtet werden, dass diese für die Nutzer, also Kursleiter und Kursteilnehmer, möglichst unkompliziert funktioniert. Deshalb ist beim ersten Kurstermin auch immer jemand von der VHS online dabei, der den Techniksupport übernimmt und sich um die Teilnehmer mit technischen Schwierigkeiten kümmert. Zwar werden diesen vor Kursbeginn zwei Techniktests angeboten und bebilderte Anleitungen zur Installation und Nutzung der Webseminar-Technik zur Verfügung gestellt, doch die ersten Schritte in der Online-Seminarwelt fallen nicht jedem gleich leicht.

Und wie kommen die Kursleiter beim eingeschränkten VHS-Programm über die Runden? Die meisten Kursleiter hätten laut Awe ein zweites berufliches Standbein. Anders sehe es allerdings bei den Lehrern aus, die die Integrationskurse für Flüchtlinge und die Kurse Deutsch als Fremdsprache leiten. Offiziell sind diese Kurse seit dem 4. Mai wieder ohne Beschränkung der Teilnehmerzahl möglich.

Aber: Nur einen Tag später habe das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge signalisiert, dass die Wiederaufnahme des Kursbetriebs nicht gerne gesehen werde, so Awe. Stattdessen sollten die Tutorate weitergeführt werden. Und hier wird ein Weiteres aber notwendig: Diese Kurse haben bis zu 20 Besucher und finden zu normalen Zeiten meist in Schulen statt. Die wiederum dürfen laut Corona-Verordnung bis zum 15. Juni aber nicht für nichtschulische Zwecke genutzt werden.

Die VHS Baar hat selbst kaum große Räume, in denen die Abstandsregeln eingehalten werden können, die Öffnung für Integrationskurse ist deshalb nur auf dem Papier vorhanden.

Ist das für Awe ein Grund zur Politiker-Kritik und sich über unlogische oder zweckfreie Regelungen laut zu beschweren? Überhaupt nicht. Der VHS-Chef sieht es im Gegenteil als gefährlich an, dass manche Menschen in diesen für alle leicht verwirrenden Zeiten zu den Prügelknaben der Nation gemacht werden: "Ich wollte zurzeit kein Politiker sein."

Die Finanzlage der Volkshochschule ist angespannt, denn von der Soforthilfe des Landes an die Kommunen erhielt die Weiterbildungseinrichtung keinen einzigen Cent. Die Einnahmenverluste der VHS-Baar belaufen sich auf knapp 9200 Euro die Woche, hat VHS-Geschäftsführer Jens Awe errechnet. Den Kursleitern fehlen fast 5900 Euro an Honoraren pro Woche. Jede Woche fällt ein Fehlbetrag von circa 3300 Euro an. Seit dem Lockdown vor fast neun Wochen sind das gut 30 000 Euro. "Wir haben zwar Rücklagen bilden können", sagt Awe, doch wenn es so weitergehe, dann sei von diesen bald nichts mehr übrig.

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