In Frommern gibt es Möbel aus zweiter Hand zum kleinen Preis. Doch hinter dem Verkauf steckt viel mehr – Helfer erzählen, was sie umtreibt und warum das Angebot so wichtig ist.
Vor dem Eingang des Sozialkaufhauses in Frommern stehen an diesem Morgen bereits 20 Männer und Frauen. Sie strömen ins Gebäude, als Lina Notter die Tür öffnet. Auf mehr als 2000 Quadratmetern wandeln die Besucher zwischen Lampen, Sofas, Kommoden und Geschirr. Eine Frau beäugt den Tisch mit Weihnachtsdeko. Ein Euro steht auf dem Preisaufkleber für einen Porzellan-Weihnachtsmann. Die Menschen, die in das „Domiziel“ kommen, haben einen Berechtigungsschein. Ein Teil der Kundschaft sind geflüchtete Familien, Erwerbslose, alleinerziehende Mütter. Kurzum: Menschen, denen das Geld nicht reicht. Es werden mehr, sagt Nathalie Hahn.
Drei- bis viermal im Jahr öffnet das Sozialkaufhaus für alle: „Dann ist hier wirklich kein Durchkommen mehr. Sie rennen uns die Bude ein“, bemerkt die Vorsitzende des Vereins. Auch der Second-Hand-Boom mache sich bemerkbar. Seit einigen Jahren seien alte Möbel im Trend: Das sind plötzlich junge Menschen, die es cool finden, sich einen 80 Jahre alten Sekretär aus dunklem Eichenholz in das Studentenzimmer zu stellen.
Perserteppiche sind gefragt
Im „Domiziel“ begegnen sich zwei Lebensrealitäten: Die einen suchen Möbel aus Not, die anderen aus Nostalgie. 30 Prozent des Erlöses erzielt der Verein durch den Verkauf an Menschen ohne Berechtigungsschein.
Besonders gefragt seien riesige Perserteppiche, sagt Hahn. Auch Geschirrsets und Tische mit Stühlen seien immer gefragt. Ein Großteil der Möbel stammt aus Haushaltsauflösungen.
„Meistens sind wir zu dritt im Einsatz. Eine kümmert sich um die Auswahl und zwei Männer in der Regel um den Abbau und Transport.“ Auch Spenden bringen die Menschen regelmäßig vorbei. Jede einzelne davon überprüfen Hahn und ihr Team sorgfältig. „Ein Satz, den wir hier nicht leiden können, ist: Für Bedürftige tut es das doch noch.“ Das Domiziel sei kein Müllplatz, betont Hahn.
Mit einer Garage voller Möbel fing es an
Angefangen hat Hahn gemeinsam mit Peter Blechmann vor acht Jahren. „Ganz am Anfang waren wir zu dritt, hatten eine Garage zur Verfügung.“ Dann, wenig später, 100 Quadratmeter. Heute erstreckt sich die Fläche auf drei Stockwerke. Neben der Verkaufsfläche und dem Lager ist eine Fahrrad-Werkstatt Teil des Sozialkaufhauses in der Frommerner Blumentalstraße. Fünf Festangestellte und 35 Ehrenamtliche halten den Betrieb am Laufen.
Das Stück kostet 50 Cent
Hahn wirft einen kurzen, prüfenden Blick auf die Kaffeemaschinen und Waffeleisen, die säuberlich in einem Regal ausgelegt sind. „Jedes einzelne Gerät wird geprüft.“ Einige Meter weiter türmen sich Kleinmöbel, dahinter gelangt man zu Bildern und Plastikpflanzen. Dann: Spiegel in allen Größen. „Die gehen immer gut weg. Im Neukauf sind Spiegel teuer.“ Weiter geht es mit Küchenutensilien. Das Stück kostet 50 Cent. Kleine Servierwagen und Hängeregale gibt es in dem großen Verkaufsraum, Badschränke und Vitrinen. Eine Etage tiefer stapeln sich Matratzen in allen Größen, Einzel- und Doppelbetten, Schränke und Sofas. „Das einzige, was wir nicht haben, sind Küchen“, bemerkt Hahn. Das sei wegen des Ab- und Einbaus zu kompliziert und zeitintensiv.
Es ist unklar wie es weitergeht
Überall kleben kreisrunde Sticker in vier Farben. Sie zeigen den Ehrenamtlichen, wo was hingehört. Wenn ein Stück nach vier Monaten noch immer nicht verkauft wurde, nehmen die Mitarbeiter es aus dem Sortiment.
Zwei Männer sitzen vor dem Lager und überprüfen Lampen. Ein Teil der Mitarbeiter sind Geflüchtete aus der Ukraine und aus Syrien. Andere sind Beschäftige im Rahmen einer sozialen Maßnahme. Wieder andere sind berufstätig und helfen hier ehrenamtlich mit.
Steigende Kosten
Das Balinger Sozialkaufhaus ist weit mehr als ein Ort zum Einkaufen – es ist ein Raum für Begegnungen. „Wir machen das hier mit Herzblut. Anders geht es gar nicht“, sagt Blechmann. Die finanziell angespannte Lage des Landkreises treibt das Team derzeit um. Die Förderung ab 2027 stehe noch in den Sternen. „Wir leisten hier ehrenamtliche Arbeit, die eigentlich Aufgabe des Staates wäre.“ Wie viele andere gemeinnützige Vereine bangt auch das „Domiziel“.
„Wir unterscheiden uns vom Arbeitsaufwand und den Kosten nicht von einer Spedition“, gibt Blechmann zu bedenken. „Nur: einen Zahltag gibt es bei uns nicht.“ Die steigenden Kosten seien erdrückend. Klar ist: Irgendwie muss es immer weitergehen. Und für Blechmann und sein Team ist auch klar: Hier geht es um mehr als Möbel – es geht um Menschen.
www.domiziel-zollernalb.de
Spenden erwünscht
Berechtigung
Im „Domiziel“dürfen Menschen aus dem Zollernalbkreis mit Tafel-Ausweis oder entsprechender Berechtigung einkaufen. Die Möbel werden den Kunden gegen eine kleine Pauschale innerhalb des Zollernalbkreises geliefert. Über gut erhaltene Möbel freut sich das Team. Freuen würde sich das Team auch über weitere Ehrenamtliche sowie über Geldspenden, die in die Arbeit als „Kümmerer“ investiert werden.
Öffnungszeiten
Geöffnet ist das Sozialkaufhaus (Blumentalstraße 6, Frommern) dienstags von 11 bis 16 und donnerstags von 14 bis 17 Uhr.