Der Dokumentarfilm „Boom & Crash“ im Ersten verknüpft die Finanzmärkte in London, Chicago und New York mit Kriegen und Elend
Stuttgart - Wenn jemand ruft „Heureka, ich habe die Weltformel gefunden“, muss man nicht unbedingt um seine geistige Gesundheit fürchten. Aber treuherzige Gutgläubigkeit gegenüber dem, was einem nun als Erklärung für alle Phänomene der Welt angeboten wird, wäre auch verkehrt. Wer eine Theorie entwickelt, beginnt meist, die Welt neu zu sortieren, in das, was zur Theorie gut passt und darum in den Vordergrund gestellt wird, und das, was nicht so gut passt und darum immer weiter an den Rand der Wahrnehmung geschoben wird. Auch aufklärerische Dokumentarfilme wie „Boom & Crash“ von Rupert Russel folgen der Methodik fragwürdiger Übersichtlichmachens. Skepsis ist angebracht, spöttische Nichtbeachtung wäre falsch.
Zahlen hier, Kriege dort
Russel hat ein wichtiges Thema: den Zusammenhang zwischen den Krisen unserer Gegenwart und dem entfesselten Handel mit Rohstoffen an den Börsen dieser Welt. Ob es nun um Öl geht oder um Mais: menschliche Spekulanten und leidenschaftsfreie Computerprogramme treiben die Preise solcher Güter abwechselnd in die Stratosphäre und in den Keller, ohne sich weiter darum zu scheren, was das für einzelne Volkswirtschaften, für Millionen Einzelmenschen und die geopolitische Stabilität bedeuten könnte.
Für Russel steht fest, dass der arabische Frühling, der Vormarsch des IS, der Übergriff Russlands auf die Ukraine, die weltweite Flüchtlingskrise allesamt die Folge von Entwicklungen am Rohstoffmarkt sind. An diesem auf eine Ursache fixierten Erklärungsmodell lässt sich vieles aussetzen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russel einen elementar wichtigen Faktor globaler Entwicklungen ins verdiente Licht der Verhörlampe zerrt. Am einen Ort huschen nur Zahlen über Bildschirme, scheint das Wetten auf künftige Ernten oder gegen die Ölfördersteigerung ein Machtspiel verwöhnter Erst-Welt-Karrieristen. Aber anderswo sterben deswegen Menschen.
Bill Clintons großer Fehler
Russel untertreibt, wenn er der Anschaulichkeit halber die Schmetterlingstheorie aus der Chaosforschung – die Bewegung eines Insekts auf der einen Welthälfte kann eine Naturkatastrophe auf der anderen auslösen – als roten Faden nutzt. Finanzspekulanten sind keine Schmetterlinge, ihre Bewegungen haben von vornherein mehr Wucht.
Die leise Suggestion, dass der Rohstoffhandel in New York, Chicago und London früher keine solch schicksalhafte Macht entfaltete, ist ebenfalls eine grobe Vereinfachung. Russel braucht sie, um besser herauszustellen, was er zu Recht für einen fatalen Fehler der Moderne hält: den Commodity Futures Modernization Act, ein im Jahr 2000 auf Betreiben von Bill Clinton beschlossenes US-Gesetz. Dessen Deregulierung der Finanzmärkte, dessen Auswirkungen auf den Rohstoffhandel haben tatsächlich viele Probleme geschaffen oder verschärft. Und da zeigt der so polemische wie analytische Film von Russel seine Macht, zum Denken anzuregen: wenn er Bilder vom zerstörten Mosul und der stolzen Wall Street aneinander legt.
ARD, Mittwoch, 23.45 Uhr