Unter freiem Himmel schlafen und ohne Blick auf die Uhr den Tag genießen – das bedeutet für Simon (links) und seine Frau Sandra Heidemann (auf dem Rollstuhl) das größte Maß an Freiheit. Gefunden haben sie das bei der Jörg von Nördlingen Ritterschaft Durlach, denn für Christian von Jörg, Dritter von links, der diese Ritterschaft gegründet hat, besteht zwischen behinderten Menschen und anderen Menschen kein Unterschied. Foto: Zoller

Zum zwölften Spectaculum auf dem Dobel strömten Besucher aus nah und fern. Auch Simone Heidemann lebte hier ihre Leidenschaft aus. Sie ist Tetraspastikerin und sitzt im Rollstuhl.

Das Mittelalter ist für viele Menschen eine spannende Zeitreise, doch für Simone Heidemann bedeutet es viel mehr.

 

Die Informatik- und Bürokauffrau aus Worms, sitzt seit Jahren im Rollstuhl, denn als Tetraspastikerin ist sie auf ihren elektrischen Begleiter angewiesen.

Doch das hält sie nicht davon ab, sich regelmäßig auf Wiesen und Auen in die Welt der Ritter, Handwerker und Märchenerzähler zu begeben. Mit leuchtenden Augen erzählt sie: „Ich werde nichts mehr aufschieben. Wenn ich etwas will, dann mache ich das auch.“

Gemeinsam mit ihrem Mann Simon, der ebenfalls mit dieser Einschränkung lebt, ist sie seit 2014 in der Mittelalterszene unterwegs.

Eine Herzensangelegenheit

Was mit einem kleinen Marktbesuch begann, entwickelte sich zu einer Herzensangelegenheit, zumal sie die Jörg von Nördlingen Ritterschaft Durlach mit offenen Armen in ihr Lager aufgenommen hat. „Für mich ist das eine Zeit zum Entschleunigen. Keine Uhr, kein Handy, einfach nur leben“, beschreibt sie ihr Glück, für wenige Tage im Jahr in eine andere Welt einzutauchen.

„Menschen helfen einander“

Dass dies möglich ist, verdankt sie ihrem Elektrorollstuhl, den sie liebevoll ihren „magischen Hexenstuhl“ nennt. Er ist mehr als ein Hilfsmittel. Er ermöglicht es ihr, dabei zu sein und sogar über Nacht im Lager zu bleiben. „Das Gerät kann ich verstellen, sogar ganz flach, so dass ich darin schlafen kann. Ohne ihn wäre das Lagern gar nicht möglich.“

Doch es ist nicht nur die Technik, die ihr diese Freiheit schenkt. Es ist vor allem die Gemeinschaft. „Wenn ich im Mittelalter unterwegs bin, weiß ich: Ich bin sicher. Menschen helfen einander, auch völlig Fremde.“

Besonders eindrücklich erinnert sie sich an einen Unfall, bei dem sie schwer stürzte. Während ihr Mann alles fallen ließ, um zu ihr zu eilen, sammelten wildfremde Leute ihre Ausrüstung ein, riefen Sanitäter und kümmerten sich um beide. „So etwas habe ich in der normalen Welt nie erlebt“, sagt sie leise.

Geschichten schenken

Auf dem Dobel war Simone Heidemann als Tagesgast beim Spectaculum dabei und genoss es als Gewandete, inmitten von Handwerkern und Musikanten dabei zu sein. „Das Mittelalter ist das, was den Weg bereitet hat zu dem, was wir heute haben. Ohne diese Zeit hätten wir viele Kunstfertigkeiten nie erlernt. Vieles davon ist heute leider im Verschwinden und genau das fasziniert mich so sehr.“

Das Schönste

Und manchmal, wenn die Stimmung passt, erzählt sie sogar selbst geschriebene Märchen. „Das ist für mich das Schönste: den Menschen Geschichten zu schenken und dabei selbst ein Stück Freiheit zurückzubekommen.“

Simone Heidemanns Botschaft ist klar: Einschränkungen entstehen nicht durch den Rollstuhl, sondern oft durch die Blicke und Barrieren anderer. „Wir sind nicht behindert. Behindert werden wir von der Umwelt.“ Im Mittelalter dagegen fühlt sie sich angenommen, wie sie ist, als Teil einer großen Gemeinschaft, die über die Jahrhunderte hinweg verbindet.