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Dobel Junge Frau wird kurzerhand erschossen

Von
Deutsche Wehrmachtssoldaten vor dem Gebäude Schlosser, Knöller gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.Foto: Archiv Dobel - über Bernhard Kraft Foto: Schwarzwälder Bote

Am 10. April jährte sich der Tag von Einmarsch und Besetzung Dobels durch die Franzosen zum 75. Mal. Zwei Zeitzeugen erzählen, wie sie diese Tage am Ende des Zweiten Weltkrieges in Dobel erlebt haben.

Helmut Weiß, heute Schömberg, war zum Zeitpunkt des Einmarsches zwölf Jahre alt und Sohn von Förster Ernst Weiß im Forsthaus Dobel-Eschbach. Er erinnert sich:

"Im April 1945 zogen täglich (deutsche) Soldaten durch Dobel – fast immer zu Fuß oder mit Pferdewagen, kaum Motorfahrzeuge. Um den 7. April bezog schwere Artillerie am Waldrand des Mannenbach-Hanges Stellung und feuerte in unregelmäßigen Abständen einzelne Salven gegen Nordwesten. Ich war stolz, jetzt zum ersten Mal wie die Soldaten das Jaulen der Granaten zu hören.

Mein Vater war zum Führer des örtlichen Volkssturms bestimmt worden. Dort hatte jeder männliche Einwohner zwischen 16 und 65 Jahren zu dienen. Sie hatten weder Uniform noch Waffen und bauten eine Panzersperre aus Baumstämmen an der Straße nach Neusatz. Hinter vorgehaltener Hand hieß es: Die Feinde brauchen zwei Stunden und zwei Minuten, um sie zu brechen. Zwei Stunden stehen sie davor und lachen, und in zwei Minuten sind sie durch! Ein Kommando der SS brachte einen Befehl zum Abholen von Gewehren und Panzerfäusten, den mein Vater in seine Manteltasche steckte. Es gab einen Befehl, wonach die Zivilbevölkerung fliehen sollte: ›Kein Deutscher darf in die Hände des Feindes fallen!‹ Aber niemand wusste wohin.

Im Wald hinter dem Forsthaus wurde der Befehlswagen des Divisions-Kommandeurs Generalmajor Erich Seidel aufgestellt. Der Funker des Kommandostandes saß in unserm Keller. Die Feldgendarmerie, ›Kettenhunde‹ genannt, weil sie eine große Plakette auf der Brust trugen mit einer langen Gliederkette um den Hals, waren jetzt ständig präsent. Am Abend saßen die Soldaten vom Stab in unserer warmen Küche, ein Ort der Geborgenheit in dieser feindlichen Welt. Meine Mutter briet ihnen Kartoffeln. Mehr hatten wir ja selber nicht, und sie bedauerte, dass leider kein Fett dran sei. Ein Berliner hatte den Humor noch nicht verloren und sagte: ›Na, Mutter, mach Dir mal kene Sorjen von wejen det Fett, bald wirste jenuch davon haben.‹ Erstaunen ringsum – dann die Erklärung: ›Wat meenste, wie viel Butter et jiebt, wenn all die Führerbilder entrahmt wern.‹ Dröhnendes Gelächter! Und dann eine messerscharfe Stimme aus dem Halbdunkel: ›Ich verbitte mir solche wehrkraftzersetzenden Äußerungen. Unser Führer Adolf Hitler ist immer noch der Garant für den Endsieg.‹ Betretenes Schweigen, die heimelige Stimmung ist dahin. Und draußen lauern die Kettenhunde.

Dobel am 10. April: Der Beschuss konzentriert sich auf den Wald hinterm Forsthaus. Zum Glück explodieren die meisten Granaten in den Wipfeln der hohen Fichten. Am Vormittag kommen immer mehr Nachbarn in unseren großen Gewölbekeller, der einst als Weinkeller für ein markgräfliches Jagdhaus gebaut wurde. Mein Vater kehrt vom Volkssturm zurück. Er hat seine Männer nach Hause geschickt mit den Worten: ›Jetzt geht jeder heim und verteidigt seine Familie und sein Haus!‹ Eine sehr gefährliche Entscheidung, denn kommt die SS noch einmal, ist ihm die Exekution sicher und kommt der Feind und nimmt seine Leute gefangen, können sie alle – ohne Uniform! – jederzeit als Partisanen erschossen werden. Gegen Mittag stürzt atemlos ein blutüberströmter Soldat in den Keller. Der Fahrer des Generals. Er ruft: ›Der General ist tot!‹ Bei der Fahrt an die vordersten Linien der geplanten "Schwarzwaldrandstellung" bei der Schwanner Warte wurde Seidel von einem französischen Panzerstoßtrupp überrascht, der versehentlich in einer Lücke der deutschen Verteidiger durchgebrochen war. Nur der Fahrer konnte sich durch einen schnellen Sprung aus dem Jeep retten. Das Morsegerät hämmert die Nachricht jetzt pausenlos an die nachgeordneten Stäbe. Hier wird in Windeseile abgebaut – Flucht ist angesagt!

Bald darauf erreichen die Franzosen über den Dreimarkstein den Waldrand beim Windhof Dobel. Auf der Ebene Hardt sind zwei Flakgeschütz in Stellung – eigentlich die optimale Panzerabwehr. Aber ehe die Kanoniere den Feind bemerken, erhält ein Geschütz einen Volltreffer, Flucht in Panik. Oberleutnant Rajko Cibic, der slowenische Anführer der französischen Fremdenlegionäre, ist ein erfahrener Soldat. Er fährt nicht auf der Hauptstraße ins Dorf, die ja möglicherweise verteidigt wird, sondern am Waldrand ums Dorf herum. So kommen sie zuerst an unser Forsthaus. Soldaten mit Maschinenpistolen in den Händen rufen am Kellereingang: ›Soldat hier?‹ Zwei Männer vom Volkssturm müssen sich stellen. Unser nächster Nachbar Richard Betz spricht perfekt Französisch und versucht zu vermitteln. Alle drei werden mitgenommen, müssen als lebende Schutzschilde vor den Panzern den Jägerweg hinaufrennen. Zum Glück passiert nichts – fast alle Dobler haben Bettlaken am Fenster. Eine junge Frau wird am Telefon überrascht – klarer Fall: Verrat! Sie wird kurzerhand erschossen. Das macht Angst. Und die ist gewollt, denn die Franzosen wissen, dass sie hinter die deutschen Linien geraten sind. Männer zwischen 16 und 65 werden in der Kirche eingesperrt. Wenn nur ein Schuss fällt, sollen sie sofort erschossen werden. Sie bleiben dort für eine Nacht voller Sorge um sich und ihre Familien.

In der Abenddämmerung steht plötzlich ein deutscher Offizier mit viel Silber auf den Schultern und dem Ritterkreuz am Hals, in der Hand ein Sturmgewehr, an der Ecke des Forsthauses. Meine Schwester und ich gehen zu ihm. Meine Mutter ist darüber verzweifelt, denn inzwischen wissen auch wir, was im Dorf passiert ist. Der Offizier fragt: ›Wo ist der Ami?‹ Meine Schwester erklärt, dass einige französische Panzer im Dorf eingerückt sind. ›Die nehmen wir hopp!‹ – ›Um Gottes Willen, alle Männer sind eingesperrt und werden dann als Geiseln erschossen!‹ Der Soldat bespricht sich, unwillig, mit einem anderen Offizier am Waldrand. Dann: "Bringt uns was zu trinken!" Wir bringen Gläser und Eimer mit Wasser und Most. Im Wald hocken deutsche Soldaten, müde und durstig. Wir wollen mehr zum Trinken holen, aber der Chef befiehlt: ›Abrücken!‹ Nicht auszudenken, was hätte passieren können. Kein Dobler hat das je erfahren, denn wir hatten Angst, noch nachträglich für unsere ›Kollaboration‹ belangt zu werden.

Die nächsten Tage überrollte uns am Forsthaus eine Lawine von Fahrzeugen, die auf der Wiese am Waldrand aufgestellt wurden. Eine Horde französischer Soldaten, die ins Haus drängten und wenig freundlich waren. Eine Feldküche wurde in unsere Scheuer gestellt und eine Kuh, die bei "Sesselmachers" beschlagnahmt worden war, in unserem Hof mit einem Messerstich in den Hals geschächtet. Wir wurden bedrängt und bedroht und flohen ins Dorf.

Es begann eine Orgie der Plünderung all der vielen Koffer und Kisten, die von besorgten Nachbarn und Verwandten in unserm "bombensicheren" Keller untergestellt waren. Da war kein Vorgesetzter, der für Ordnung sorgte, im Gegenteil, die Soldaten soffen sich voll und schossen in unserem Wohnzimmer mit Pistolen um sich. Und trotzdem – der marokkanische Koch gab mir in einem unbeobachteten Augenblick eine Scheibe Weißbrot. Über den ganzen großen Rundlaib geschnitten, mit einem Stück Fleisch darauf, das an allen Seiten überstand.

Richard Betz holte nach drei Tagen und dem Abzug der Truppe seine Koffer und was noch darin übrig war. Da kam eine große schwarze Limousine den Jägerweg heruntergefahren. Drei gut gekleidete Herren stiegen aus. Es gab eine herzliche Begrüßung mit Betz. Sie brachten ein großes Schild für seine Haustüre: ›Cette Maison est sous la protection du Gouvernement d’Alsace‹. Freunde aus dem Elsass, denen er in vier schwierigen Jahren geholfen hatte, brachten einen Schutzbrief. Sie waren gekommen, um sich zu bedanken, kaum nachdem die letzten deutschen Granaten hier eingeschlagen hatten! Ein allererster Anfang der heutigen guten Nachbarschaft."

Fridel Knöller geborene Seyfried hat den Einmarsch am 10. April als Zehnjährige miterlebt. Nicht im Elternhaus in der Neuenbürger Straße, denn dieses war, erst sieben Jahre alt, beim Luftangriff auf Dobel im Dezember 1944 so stark beschädigt worden, dass das Mädchen, ihre damals siebenjährige Schwester Edith und die Mutter Unterschlupf auf dem Bauernhof der Großeltern am Ortseingang von Bad Herrenalb her, heute Neue Herrenalber Straße, gefunden hatten. Der Vater war im Krieg. Als die Front immer näherkam, brachte die Familie noch rasch die Kartoffeln in die Erde: "Wir fürchteten, die Franzosen würden sie uns ansonsten wegnehmen." Acht Personen lebten auf engem Raum auf dem kleinen Hof. Am Tag des Franzoseneinmarsches kam im Keller die Nachbarsfamilie dazu. Der "Weinhandel Bott" sei das einzige weitere Haus an der Straße gewesen und besaß keinen Keller. 15 Menschen suchten insgesamt dicht gedrängt Zuflucht im niedrigen Gewölbekeller von Großvater Karl König. Es gab heftigen Artilleriebeschuss. Drinnen harrten sie aus zwischen Krautstand, Mostfass und Kartoffelschütte. Um ein Haar zu lange, wie sich Fridel Knöller erinnert. Draußen hatten sich flüchtende deutsche Soldaten hinter einem Holzstapel im Hof versteckt. Die einrückenden Franzosen mutmaßten, dass es diese seien, die im Keller Zuflucht gesucht hatten und wollten schießen. Einem couragierten Nachbarn, Karl Vischer, der ein wenig Französisch sprach und den Soldaten erklärte, dass Zivilisten im Keller seien, haben Fridel Knöller und die übrigen ihr Leben zu verdanken. "Karl, komm raus, die Franzosen sind da!", habe er Großvater König gerufen. Als sie alle aus dem Keller krochen, waren Gewehrläufe auf sie gerichtet. "Wir ahnten nicht, in welcher Gefahr wir schwebten."

Eine Nacht der Angst durchlebten die Dobler im Anschluss. Die Franzosen bekamen ein Telefongespräch mit und mutmaßten Verrat. Die junge Frau wurde einfach erschossen. Als Geiseln für den Fall, dass es noch zu irgendwelchem Widerstand seitens der Zivilbevölkerung oder durch deutsche Soldaten käme, wurden 25 Dobler Männer eine Nacht lang in der Kirche eingesperrt, so Lisel Knöller. Darunter auch ihr 24-jähriger Onkel Alfred König, der nach schwerer Verwundung erst von der Front nach Hause gekommen war. Zur großen Erleichterung aller wurden die Männer am Folgetag freigelassen. Noch tagelang seien immer wieder Truppen durchgezogen.

Ihre kleine Landwirtschaft habe sie in der folgenden, harten Nachkriegszeit zwar "mehr schlecht als recht", aber doch besser ernährt als viele Städter, so Fridel Knöller. Hasen und Hühner wurden zwar von den Franzosen geholt, doch sie hatten noch die Kühe, also Milch, Butter und auch Kartoffeln. Fotoapparate und Radios – Sämtliches habe auf der französischen Kommandantur im Rathaus, da wo heute der Ratskeller steht, abgeliefert werden müssen. Einmal habe ein marokkanischer Soldat ihre Tante "packen" wollen, weiß die Zeitzeugin. Das laute Schreien der Tochter habe ihn aber davon abgebracht. Ansonsten seien die Soldaten gerade zu ihnen, den Kindern, relativ human gewesen: "Ab und zu haben sie uns sogar Schokolade oder Kekse geschenkt." Trotzdem war die Zeit karg, geprägt von Hunger. Und auch am eigenen Haus, das ja zerbombt lag, bot sich nach dem Einmarsch eine böse Überraschung: Die gesamte Kfz-Werkstatt war ausgeplündert – von wem, das wurde nie abschließend offiziell festgestellt. Als der Vater 1947 aus der Gefangenschaft heimkehrte, musste mit einem mühsamen Wiederaufbau begonnen werden.

Dobel findet in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges auch Erwähnung wegen eines Mannes, der ein höchst dekorierter Militär der Wehrmacht war: Der 1906 in Perouse im östlichen Enzkreis geborene Major der Reserve Otto Vincon, Träger der Nahkampfspange in Gold sowie des Eichenlaubs zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, der sich vor allem an der Ostfront zahlreiche Verdienste erworben hatte. Er war zuletzt Führer eines Regiments von Generalmajor Erich Seidels 257. Volksgrenadierdivision. Seit einer Erkundungsfahrt am 13. April 1945 bei Wildbad galt er als verschollen. In Dobel wurde ein namenloser Major ohne Papiere und Erkennungsmarke als "unbekannter Soldat" beigesetzt, von dem man annimmt, dass es sich um Vincon handelt. Die genauen Todesumstände konnten nie ermittelt werden.

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