Ablösewald: Im 19. Jahrhundert werden erstmals Verträge über die Holznutzungsrechte geschlossen
Von Winnie Gegenheimer
Dobel. Im Forstbericht taucht er jedes Jahr auf – heute nur noch als Punkt unter vielen. Früher war er immer wieder heiß diskutiertes Thema: der Dobler Ablösungswald.
Er entstand konkret im Jahr 1959, so beschreibt es Ernst Fischer im Heimatbuch "Auf dem Dobel", als vertragliche (Ab)-Lösung für die Nutzungsrechte Dobler Bürger am Wald. Diese Rechte wiederum gehen zurück bis in die frühe Besiedelung des Nordschwarzwaldes, als das Holz Lebensgrundlage war.
Kompliziert wurde es durch die wechselnden Grundherrschaften, die sich die Gemarkung über die Jahrhunderte teilten. Hieraus resultiert übrigens auch die historische Zweiteilung Dobels in Kloster- und Rentkammerseite – heute noch an alten Grenzsteinen mitten im Ort sichtbar –, waren doch über lange Zeit das Herrenalber Klosteramt einerseits und das herzoglich-württembergische Rentkammeramt Neuenbürg andererseits für die Verwaltung zuständig.
Im 19. Jahrhundert wurden erstmals Verträge über die Holznutzungsrechte geschlossen. Stets nach langwierigen Verhandlungen. Die Dobler der Klosterseite erhielten ihr Brennholzrecht als Lose im Wald – so wie Ernst Kraft, echter Dobler Nutzungsbürger, der selbst noch einige Jahre seinen Schlagraum "geputzt" hat. Und er weiß auch: "Die von der Rentkammerseite bekamen ihre ›Wellen‹, also Reisigbündel, sogar ans Haus geliefert."
Die große Wende kam mit dem erwähnten Jahr 1959. Der mittlerweile längst von adeligen oder kirchlichen Eigentümern auf den Staat übergegangene Wald sollte den seitherigen Nutzungsbürgern weiterhin Ertrag bringen – doch nicht mehr als Naturalleistung aus dem Staatsforst, sondern als Gegenwert in bar aus einem festen Gebiet. Nach komplizierten Verfahren erhielt Dobel gesamt knapp über 100 Hektar Wald, im wesentlichen rund um den Ort, vor allem am Brenntenwald, wie der langjährige Revierförster von Dobel-Höhe, Bernd Bischoff, erklärt. Dies als Ablöse für die Brennholz-Rechte im Staatswald – eben ein Ablösungswald.
Nicht abgelöst wurde damals übrigens das im Wildbader Forstlagerbuch von 1682 dokumentierte Bauholzrecht auf der Rentkammerseite, das "nach Nothdurft aus dem Hagelwald zu geben …war". Das Recht besteht theoretisch immer noch, ist aber heutzutage nicht mehr praktikabel.
Eigentümer des Brennholz-Ablösungswaldes wurde die Gemeinde, auch wenn mancher gerne sein eigenes Stückle gehabt hätte. Der jährliche Gewinn aus dieser Waldfläche fiel und fällt den Nutzungsbürgern als Holzgeld, aktuell jährlich 50 bis 70 Euro, zu. Nutzungsbürger waren 1966, so Förster Bischoff, genau 243 Personen. Männliche Nachkommen von Nutzungsbürgern wurden in dem Moment selbst zu solchen, wenn sie – wie Bernhard Kraft als Kenner der alten Aufzeichnungen zitiert - "einen eigenen Rauch hatten", also heirateten und einen Haushalt gründeten.
Frauen konnten nur als Witwen von Nutzungsbürgern das Recht weiterführen. "Reigschmeckte" mussten sich in das Nutzungsbürgerrecht einkaufen wie in das Bürgerrecht – und brauchten dazu den Segen des Gemeinderates. Wie anno 1864 der aus Markgröningen stammende Schmiedmeister Carl-Friedrich Kraft, Bernhard Krafts und Ernst Krafts Urgroßvater, der eine Dobler "Königin" ehelichte. Das Gesetz "über das Gemeindegliedervermögen" von 1966 machte der Ungleichbehandlung Zugezogener – und auch von Doblerinnen! - ein Ende. Nicht ohne Missmut zu wecken. Noch einmal flammte auf, was anno 1932 ein Forstbeamter schrieb: "Dobel als seit alter Zeit streitbare Gemeinde" – wegen der Nutzungsrechte am Wald. Wehrhaft für ihre Rechte traten sie ein. Sogar mit der Mistgabel soll einmal ein Nutzungsbürger zum Rathaus gekommen sein.
Seit 1966 erlischt nun das Recht auf Holzgeld mit dem Tod des Nutzungsbürgers, schrumpft folglich die Zahl derer. Frei werdende Holzgeldrechte fallen an die Gemeinde. Ernst Kraft erinnert sich, dass sein Vater, ebenfalls ein Ernst Kraft, am Wirtshausstammtisch nicht selten zum Thema lebhafte Diskussionen führte. Als das Recht auf Naturalleistung gegen das finanzielle Recht eingetauscht werden sollte, wurden sogar Unterschriften dagegen gesammelt. In den 1980er-Jahren gab es nochmals Unruhe, als für den Bau der Waldklinik Ablösungswaldgebiet von der Gemeinde verkauft wurde. Heute gibt es noch 38 Nut-zungsbürger. In den kommen-den Jahrzehnten wird es irgendwann keine mehr geben – wie heute schon in Neusatz oder Rotensol.