Gilt als einer der großen Favoriten auf dem DM-Rundkurs in Stuttgart: Maximilian Schachmann. Foto: dpa/Urs Flueeler

In Öschelbronn (Zeitfahren) und Stuttgart (Straßenrennen) trifft sich am Samstag und Sonntag die deutsche Radsport-Elite. Zugleich gibt es Konzepte, weitere Großveranstaltungen in die Region zu holen.

Stuttgart - Albrecht Röder fuhr früher selbst Radrennen, heute ist er Organisator und Streckenchef bei vielen Großereignissen. Von der deutschen Meisterschaft auf der Straße und im Zeitfahren an diesem Wochenende in Stuttgart und der Region erhofft er sich nicht nur spannende Wettbewerbe.

 

Herr Röder, in der Coronakrise eine Sportveranstaltung auf die Beine zu stellen, ist nicht das pure Vergnügen. Wo liegt die Motivation, die deutsche Meisterschaft im Radsport in der Region Stuttgart auszutragen?

Das Ziel war, den Sport zu möglichst vielen Menschen zu bringen – ins Zentrum einer Großstadt. Dass die Pandemie dies 2020 verhindert hat und nun erschwert, ändert nichts an unserem grundsätzlichen Konzept.

Das wie aussieht?

Die Region Stuttgart setzt voll auf den Radsport. 2022 endet die Schlussetappe der Deutschlandtour in Stuttgart, und für die Jahre danach gibt es weitere gute Ideen und auch schon erste gute Gespräche.

Wo kommt diese Begeisterung her?

Sie ist aus meiner Sicht alles andere als verwunderlich.

Inwiefern?

Alle Welt spricht über Mobilitätskonzepte, Radfahren ist ein Musterbeispiel für Umweltfreundlichkeit. Dieser Sport entspricht voll dem Zeitgeist. Er erlebt einen Boom, der noch viel mehr genutzt werden müsste.

Wie?

Zum Beispiel, indem Radrennen mit Breitensportveranstaltungen und einem autofreien Sonntag gekoppelt werden.

In Stuttgart.

(lacht) Am besten. Ich habe in meinem Job als Streckenplaner fast alle größeren deutschen Städte kennengelernt. Was die Topografie und die attraktiven Grünbereiche angeht, ist keine so gut für Radrennen geeignet wie Stuttgart.

„Ein Radrennen ist anders zu bewerten als eine Fußgängerzone“

Normalerweise ist hier auch die Begeisterung der Zuschauer stets sehr groß.

Das stimmt. Allerdings werden diesmal keine Fans an der Strecke stehen können.

Trotz der jüngsten Coronalockerungen?

Würden wir die Genehmigungsunterlagen heute einreichen, würde es vermutlich etwas anders aussehen. Der Vorlauf bei einer solchen Veranstaltung beträgt allerdings sechs Wochen, weshalb bei der deutschen Meisterschaft nur 250 Zuschauer im Zielbereich zugelassen sein werden.

Wie wollen Sie die Fans davon abhalten, an die Strecke zu kommen?

Wir müssen einen 4,5 Kilometer langen Bauzaun aufstellen, haben Sicherheitspersonal im Einsatz. Und appellieren an alle Interessierten, sich die Wettbewerbe im Fernsehen anzuschauen. Aus Sicht der Genehmigungsbehörden ist ein Radrennen eben anders zu bewerten als eine Fußgängerzone.

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Was ist in den DM-Rennen der Frauen und Männer am Sonntag sportlich zu erwarten?

Es werden, wie auch schon die Zeitfahren am Samstag in Öschelbronn, superinteressante Wettbewerbe – das ist sicher.

Warum?

Weil die Strecken sehr selektiv sind und die Besetzung hochkarätig sein wird. Bei den Männern hat Bora-hansgrohe alle seine deutschen Profis gemeldet. Das zeigt ganz klar, dass sich das Team das Meistertrikot holen will, um es sechs Tage später bei der Tour de France präsentieren zu können.

Für die Konkurrenz ...

... wird es gegen diese Übermacht schwer. Schließlich sind auf dem Rundkurs auf der Waldau mehr als 3000 Höhenmeter zu bewältigen. Das entspricht einer anspruchsvollen Bergetappe bei einer Rundfahrt.

„Viele Profis sind bereit, ihre Grenzen zu akzeptieren“

Wo steht der deutsche Radsport aktuell?

Die ältere Generation um Tony Martin, John Degenkolb oder André Greipel ist an ihrem Zenit angekommen. Deren Nachfolger wie Emanuel Buchmann, Maximilian Schachmann, Pascal Ackermann oder Lennard Kämna sind mit guten Verträgen ausgestattet und haben erste größere Erfolge eingefahren. Diese gilt es nun zu bestätigen. Und zugleich müssen die Jungs dabei die Glaubwürdigkeit bewahren, für die sie stehen. Das ist angesichts der starken internationalen Konkurrenz keine leichte Aufgabe.

Ist der Radsport tatsächlich glaubwürdiger geworden?

Aus meiner Sicht auf jeden Fall.

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Woran machen Sie das fest?

Die Kontrollmechanismen scheinen zu greifen. Zugleich wird in vielen Bereichen – Material, Ernährung, medizinische Betreuung – extrem professionell gearbeitet, was natürlich das Leistungsniveau erhöht. Und auf der anderen Seite überwachen die Teams ihre Fahrer teilweise rund um die Uhr, das hat sich extrem gewandelt. Zu betrügen ist heute wesentlich schwieriger als früher, da bin ich mir ganz sicher. Und noch etwas habe ich festgestellt.

Bitte.

Es macht für mich den Eindruck, als ob viele Profis bereit sind, ihre Grenzen zu akzeptieren. In den 90er Jahren gab es noch Sprüche wie: ‚Wirf dir was ein, dann geht es schon weiter’. So etwas ist heute nicht mehr möglich.

„Die Zahl der Rennen nimmt stark ab“

Will der deutsche Radsport auch in Zukunft konkurrenzfähig bleiben, müssen vielversprechende Talente nachkommen. Gibt es genügend Nachwuchs?

Das große Problem ist, dass die Starterfelder im Jugend- und Juniorenbereich immer kleiner werden. Dafür kommt bisher noch ziemlich viel Qualität nach.

Aber es fehlt an Masse?

Das ist offensichtlich. Mit ähnlichen Sorgen haben im Zeitalter der elektronischen Medien abseits vom Fußball ja viele Sportarten zu kämpfen. Beim Radsport kommt aber noch hinzu, dass die Zahl der Rennen stark abnimmt, da die Organisation durch die vielen Auflagen sehr aufwendig und teuer geworden ist – auf Vereinsebene ist das kaum mehr zu leisten. Und noch ein Problem gibt es: Es ist extrem schwierig geworden, ehrenamtliche Trainer und Betreuer zu finden, die die Verantwortung übernehmen, sich mit Jugendlichen dreimal in der Woche in den Straßenverkehr zu wagen. Da bräuchte der Radsport mehr Unterstützung.

Wie könnte die aussehen?

In Berlin gibt es rund um den Wannsee Trainingsstrecken für Radsportler. Solche Strecken bei uns in der Region Stuttgart auszuweisen, wäre natürlich eine tolle Sache und würde engagierten Vereinen wie dem RSV Vaihingen oder dem RSV Öschelbronn enorm helfen.

„Ich sehe leider keine Konzepte“

Sind bei der deutschen Meisterschaft auch Profis aus der Region am Start?

Klar. Franziska Brauße aus Eningen zum Beispiel, der Schorndorfer Jannik Steimle, der für Deceuninck-Quickstep fährt und direkt aus der Tour de Suisse kommt. Oder auch Alexander Krieger aus Vaihingen/Enz, der zum Giro-Team von Alpecin-Fenix gehörte. Das ist absolutes World-Tour-Niveau.

Trotzdem sind es keine Namen, die den Nachwuchs anziehen.

Das stimmt, da wäre natürlich ein Team Stuttgart, wie es früher existierte, eine andere Nummer. Aber man darf das auch nicht überbewerten.

Wie meinen Sie das?

Radsport ist ein globaler Sport. Natürlich sind bei der Entwicklung von Talenten die Topografie der heimatlichen Umgebung, die Unterstützung durch Vereine und Stützpunkte und die regionalen Strukturen im U-23-Bereich wichtig. Am Ende spielt aber keine Rolle mehr, woher die Profis stammen.

Hat da eine deutsche Meisterschaft unterm Fernsehturm mehr Strahlkraft?

Davon bin ich überzeugt. So ein Event schafft Anreize, allerdings bräuchte es parallel Konzepte, um die Nachwuchsarbeit wieder auf eine breitere Basis zu stellen. Und die sehe ich leider nicht.