DJ Hell hat ein Album mit dem Künstler Jonathan Meese aufgenommen. Im Interview spricht er über Liebeslieder mit Meeses Mutter, das DJ-Zimmer beim FC Bayern, sein Modeverständnis, dass er noch nie Bier getrunken hat und die beste Clubnacht seines Lebens in Heilbronn.
Stuttgart - Helmut Josef Geier (geboren am 6. September 1962 in Altenmarkt an der Alz) ist als DJ Hell bekannt und lebt in München. Er ist Techno- und House-DJ, Produzent und Verleger sowie Gründer einer Plattenfirma. Sein neuestes Album „Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“ (Buback Tonträger) hat er zusammen mit dem Künstler Jonathan Meese und dessen Mutter Brigitte aufgenommen. Der Künstler Daniel Richter hat das Cover gestaltet.
Hallo, bekannt sind Sie als Hell, bürgerlich heißen Sie Helmut Josef Geier. Wie spreche ich Sie am besten an?
DJ Hell oder Hell. Es gibt für mich keinen anderen Namen mehr.
Wie fit sind Sie im Moment?
Nicht fitter. Normalerweise trainiere ich viel neben meinen Tätigkeiten als DJ und Produzent. Vor allem auch als Vielflieger. Es fehlt. Man kann nicht mal Fußball oder Tennis spielen.
Sie waren als Jugendlicher quasi Leistungssportler.
Es waren Profitrainingsbedingungen, tägliches Training und Wettkämpfe. Da würde ich gerne wieder einsteigen: Spitzensport in meiner Altersklasse. Früher wollte ich Zehnkämpfer werden oder Fußballer, dann kam das Nachtleben dazwischen.
Wann war das?
Musik war immer allgegenwärtig, also Lebensmittelpunkt. Als Jugendlicher entdeckte ich Ende der 70er Jahre Punk und zeitgleich noch Disco, was stilistisch nicht vereinbar war. Damals war ich schon als DJ tätig. Dann kamen New Wave und die Neue Deutsche Welle. Die 80er Jahre waren eine Dekade, in der viel neue Musik erfunden wurde. Neben Rap und Hip-Hop gab es Elektro, House, die ersten Acid-Sachen und Techno.
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Sie haben eine Lehre als Betriebsschlosser gemacht – und das Geld für Mode und Musik ausgegeben.
Designermode konnte ich mir damals nicht leisten. Das war alles secondhand: Trenchcoats, Fifties-Anzüge, viel Military-Kleidung, also Tarnbekleidungen, aber auch Mod-Styles und viel Selbstentworfenes. In den Achtzigern bin ich oft nach London geflogen und habe alles Geld in Platten und Kleidung investiert. Modemäßig hat sich eigentlich bis heute nicht viel geändert. Das ist mein Stil geblieben, auch wenn ich im Club gerne mal sportliche Outfits trage.
Die Clubkultur findet seit einem Jahr nicht statt. Wie geht es Ihnen seit Ausbruch der Corona-Pandemie?
Musik hat mich immer durchs Leben getragen. Ich habe eine Plattenfirma aufgebaut und versuche weiter, Musik zu produzieren und zu verkaufen. Eben ist mein neues Album „House Music Box“ veröffentlicht worden, bald kommt das neue mit Jonathan Meese und seiner Mutter Brigitte. Natürlich habe ich ohne DJ-Tour, durch die ich das Geld verdiene, weniger Aufmerksamkeit, weniger Downloads. Diese Alben sind eine Investition in eine ungewisse Zukunft.
Wie kann eine Zukunft des Nachtlebens aussehen?
Ich habe für mein neues Video „Out of Control“ einen Hell-Avatar erstellen lassen. Das kann eine mögliche Zukunft sein. Ich könnte Musik und Videos vorproduzieren und bin gar nicht mehr physisch vor Ort. Mein Hell-Avatar übernimmt die Auftritte. So könnte ich weiterhin Geld verdienen als DJ. Für jede Show gibt es dann eine andere Performance. Damit bin ich mitten in der Zukunft.
Ihr neues Album haben Sie mit dem Künstler Jonathan Meese und seiner 91-jährigen Mutter Brigitte aufgenommen. Wie kam es dazu?
Ich verehre und bewundere seine Kunst schon lange. Er hat auf Anfrage mein Cover für das aktuelle Album gezeichnet. Jonathan hat 60 verschiedene Entwürfe gemalt. Das kann ich natürlich nicht ausgleichen und habe ihm angeboten, mit ihm ins Berliner Trixx Studio zu gehen. Gesang, Sprache und Texte kamen von Jonathan und Brigitte. Er ist ein begnadeter Performer, ein grandioses Sprachgenie und großartig im Improvisieren. Das war magisch! Brigitte war dabei und hat zwei Liebeslieder gesungen: „Power of Love“ und „Erzliebe“. Alles war sehr spontan und intuitiv. Daniel Richter hat das Album für Buback Tonträger unter Vertrag genommen und gestaltet. Aus dieser Konstellation wurde jetzt noch mehr: Daniel Richter wird Geschäftspartner meines Labels International Dee Jay Gigolo Records. Zwischen Daniel, Jonathan, Brigitte und mir gibt es einen Künstlerbund, wie ich es mal vorsichtig nennen will. Es wird weitere Alben geben.
Woher kommt Ihr Zugang zur Kunst?
Da muss ich natürlich als erstes Andy Warhol und seine Factory nennen. Aber auch filmische Inspirationen wie Stanley Kubrick, David Lynch, Lars von Trier waren immer wichtige Einflüsse in allen Lebenslagen. Ich denke bereits beim Musikmachen an die grafische Umsetzung.
Also ist alles Kunst?
Ja, Kunst ist Chef. Alles hat eine Notwendigkeit. Auch Schlafen ist Kunst, wie Jonathan sagt.
Kunst, Musik, Sport. Sie haben die Anlage aus dem DJ-Zimmer des FC Bayern, das es unter Jürgen Klinsmann gab. Das müssen Sie erklären.
Da muss ich aufpassen, was ich sagen darf. Jürgen Klinsmann war damals als Erneuerer beim FCB angetreten. Er hatte zum Beispiel eingeführt, dass die Spieler den ganzen Tag auf dem Trainingsgelände verbringen. Für die freie Zeit zwischen den Trainingseinheiten gab es das berühmte DJ-Zimmer mit Plattenspieler, Mixer und CD-Player. Als van Gaal kam, hat der alles wieder umgestellt: die Buddhas, das Mobiliar und eben das DJ-Zimmer. Das stand in der Säbener Straße lange in der Tiefgarage. Ich habe das Equipment zu einem fairen Preis erworben. Alles steht jetzt in meinem Wohnzimmer. Bedingung war ein Autogramm von Franck Ribéry auf dem Mixer.
Vor Corona waren Sie viel unterwegs. Wie viele Tage im Jahr waren das?
Das waren rund 100 Auftritte im Jahr. Die letzten 30 Jahre hatte ich mein Leben in Hotels, Flughäfen und Nachtclubs verbracht. Das Reisen vermisse ich keineswegs. Wenn man so intensiv reist, kommt automatisch irgendwann eine Aversion gegen alles an Flughäfen, Business-Lounges, Kontrollen, Zeittotschlagen, Verspätungen, Umbuchungen und vor allem Flugzeugessen. Das ist über die Jahre ernüchternd oder sogar demütigend.
Und irgendwie Hochleistungssport. Wie viele Auftritte tun einem gut?
Es gibt Kollegen, die haben 200 Shows im Jahr absolviert über einen längeren Zeitraum und sind irgendwann nicht mehr im Geschäft. Alles wird zur Routine, und es wiederholt sich. Dem habe ich immer versucht entgegenzuwirken und lange Pausen zweimal im Jahr eingelegt, um alles zu reflektieren und neu zu justieren.
Sie trinken und rauchen nicht.
An den Wochenenden muss man einen klaren Kopf behalten. Ich arbeite hoch konzentriert. Da bin ich Perfektionist beim Auflegen und lebe von der Erfahrungswissenschaft. Für mich waren Sport und gesunde Ernährung immer wichtig. Alkohol ist mir fremd. Ich habe noch nie in meinem Leben ein Bier getrunken.
Haben sich 35 Jahre Nachtleben aufs Gehör niedergeschlagen?
Automatisch. Ich höre natürlich nicht mehr gut. Meine Tests sagen, dass ich eine hundertprozentige Spracherkennung habe. Ganz hohe Frequenzen höre ich nicht mehr. Ich hoffe auf Wunderwerke der Technik. Es gibt viele Musiker, die Hightech-Hörgeräte tragen.
Was war Ihre beste Nacht?
In einem Club in Heilbronn, vielleicht 1992. Den Namen habe ich vergessen. Ein illegaler Club im Keller. Man musste über eine Treppe nach unten, da war es komplett schwarz, 500 Tanzende, kein Licht. Es war eine der magischsten Partys, die ich je erleben durfte. Man hat die Leute nur gefühlt. Fantastisch.
Davon kann man gerade ja nur träumen.
Ich würde sofort nach Heilbronn fahren, um das Ganze noch mal zu erleben. Auch mit Maske, gerne mit Schnelltest, Temperaturmessen und alle persönlichen Daten Abgeben am Eingang. Es gibt viele Möglichkeiten, relativ sicher Clubs zu bespielen. Doch dieses Jahr habe ich keine Hoffnungen. Es ist abzusehen, dass es keine Öffnungen geben wird in Deutschland. Einzige Ausnahmen werden Outdoor-Events mit limitierten Teilnehmerzahlen sein. Wenn es irgendwann wieder losgeht, wird es eine Explosion an Euphorie geben. Totale Abfahrt.