Sozialkritik und Affirmation: „Mad Men“ Foto: AMC/Universal/Frank Ockenfels

Noch nie wurden weltweit so viele Serien geschaut wie im letzten Jahr. Das Literaturhaus Stuttgart ist in einer spannenden Diskussionsstaffel diesem Erfolg auf den Grund gegangen.

Stuttgart - Die Beziehung von Serien zur Literatur wird gerne als Konkurrenzverhältnis beschrieben. Und zumindest im Kampf um die Aufmerksamkeit ihrer Adressaten mag das ja auch so sein. Während der Pandemie haben Streamingdienste hier die Marken mit bedeutungsvollen Zuwächsen zu ihren Gunsten verschoben. Doch wenn es darum geht, die dahinströmende Zeit mit Leben und Erfahrung zu füllen, ziehen beide Kunstformen, in deren Mittelpunkt das Erzählen steht, am gleichen Strang.

 

In einer langen Nacht der Serien haben sich im Literaturhaus Stuttgart Wissenschaftler, Praktiker, Serienjunkies, Autorinnen und Autoren in den sich immer weiter ausdehnenden Kosmos serieller Welten begeben. Und unter der klugen Gesprächsregie Felix Heidenreichs vom Internationalen Institut für Kultur- und Technikforschung, das zusammen mit dem Literaturhaus zu den Produzenten dieser Diskussionsstaffel zählt, erfüllt der Abend, was der Drehbuchautor Jörn Precht als oberstes Gebot formuliert: Spannung zu erzeugen.

Spannung und Verlässlichkeit

Doch am besten fängt man ganz vorn an, als die Menschheit sesshaft wurde. Der Literaturwissenschaftler Joachim Küpper schlägt einen Bogen von den ältesten Epen des Gilgamesch, der „Odyssee“ über „Tausendundeine Nacht“, „Don Quijote“ bis hin zu den großen Romanzyklen des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu der schicksalsdurchschütterten Tragödie zeichnet sich serielles Erzählen in diesem historischen Licht, das noch die Ausläufer des Fernsehzeitalters erhellt, durch Verlässlichkeit, Sehnsucht nach Vertrautem, wiederkehrende Figuren aus. Jörn Precht erinnert sich, wie viele Umzüge die familiäre Begeisterung für die Krankenhausserie „Grey’s Anatomy“ überlebt hat. Das Publikum ahndet seiner praktischen Erfahrung nach den Ausstieg von Figuren. Dass die vom Virus verordnete allgemeine Sesshaftigkeit mit einem gesteigerten Serienkonsum einhergeht, erstaunt unter dem Aspekt der Kontingenzbewältigung nicht.

Verlässlichkeit ist das eine, das Bedürfnis nach Spannung das andere. Und hier kann man es auch übertreiben. Dafür gibt es den Begriff „Jumping the Shark“. In der amerikanischen Serie „Happy Days“ wurden alltägliche Situationen immer abstruser gesteigert, bis irgendwann eine der Hauptfiguren mit Wasserski über einen Hai gesprungen ist. Damit war der Bogen überspannt. „Jumping the Shark“-Moment steht seitdem für den Zeitpunkt, ab dem eine Serie ihren Höhepunkt überschritten hat.

Die Nobilitierung hat eine Kehrseite

Dass die Kanonisierung der Serien unter allgemeinen literaturwissenschaftlichen Kategorien ihre Grenzen hat, darauf verweist der Publizist Johannes Franzen. Er schlägt stattdessen vor, bei der Rezeption anzufangen. Und mit Blick auf seinen eigenen Konsum stellt er gerade fest, dass sich etwas verändert. Die Liebe zu den legendären großen Serien, die er früher nur so „weggebingt“ hätte, „Die Sopranos“, „The Wire“, „Breaking Bad“, sei dabei zu erkalten. Die Nobilitierung der Serien habe ihnen auch geschadet. Um der Erzählung vom Gutwerden des Fernsehens zu genügen, überziehe man immer mehr mit den Extremen einer dunklen Anthropologie, die als besonders wertvoll und kritisch gelte. Als Beispiel nennt Franzen „Vinyl“, ein Schokofondue für alle anspruchsvollen Fans, mit einem Protagonisten der implodiert, hurt und mordet. Nach drei Folgen habe er die Lust verloren einer gebrochenen Männlichkeit weiter beim Brechen zuzuschauen. Galt es anfangs, den „Ludergeruch des Fernsehens“ loszuwerden, um für die kulturellen Multiplikatoren interessant zu werden, erlebe man gerade, wie die Konvention überreizt werde. „Man hat sich daran gewöhnt, Qualität mit Gewalt zu assoziieren.“ Dafür stehe „Games of Thrones“ als die letzte große kollektive Kunstrezeption dieser Art.

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Der Erfolg der Serien hängt für Franzen auch damit zusammen, dass sie interessante Pulp- und Genreerzählungen bieten, denen man sich viel lieber aussetzt als unverständlichen Avantgarderomanen. Doch statt sich dazu zu bekennen, versuche man immer mehr, in einer Art produktiven Heuchelei, das kritisch zu verblenden. Franzen nennt als Beispiel einer solcher Zwei-Signale-Serie „Mad Men“: Man zeigt eine sozialkritische Schauseite und bestätigt hinterrücks eine Welt, in der Männer noch Männer sind, den Frauen auf den Hintern schauen und teure Anzüge tragen. Oder „Downton Abbey“, wo durchaus Frauenwahlrecht, unstandesgemäße Beziehungen thematisiert würden, nur um so ungestörter heiler Welt und historischer Pornografie zu frönen. Franzen zieht offenen, klassischen Eskapismus vor: Bruno Hellers Serie „The Mentalist“ zum Beispiel, in der es um einen Mann geht, der Verbrechen aufklärt, weil er so tut, als könnte er mit den Toten sprechen.

Erlösung vom dummen deutschen Fernsehen

Den Schriftsteller David Wagner haben die Serien einst vom „dummen deutschen Fernsehen“ erlöst und als Zuschauer in Amerika eingebürgert. Überhaupt kommt ihm in der Diskussion der Aspekt des Humors zu kurz: Eine seiner Lieblingsserien ist der Anime „BoJack Horseman“ über ein drogensüchtiges Pferd.

Seine Stuttgarter Kollegin Anna Katharina Hahn hat in ihrem letzten Roman „Aus und davon“ eine selbst erfundene Serie eingebaut. Zu den intermedialen Wechselbeziehungen gehört auch, dass die Autorin Kathrin Passig über das gemeinsame Schauen das gemeinsame Lesen entdeckt hat. Davon, dass man sich in einem immer spezieller ausdifferenzierten Angebot zu verlieren droht, will sie nichts wissen: „Mich wundert etwas, dass man bei Serien von Vereinzelung spricht, wo man bei Literatur das Hohelied der Individualisierung singt.“ Wagner tröstet sich in seiner coronabedingten Heimarbeitsisolation mit der Büroserie „The Office“. Doch die gemeinschaftsstiftende Serie werde seltener, ihm begegne sie in negativer Form derzeit in dem einhelligen Missvergnügen an der Neuverfilmung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Hat die Serienkultur trotz ihres gegenwärtigen Höhenflugs vielleicht den Jumping-the-Shark-Moment erreicht? David Wagner sieht den Niedergang eher woanders und geht davon aus, dass das, was wir als Kino kannten, im Streamingformat wiederkehrt. Und auch wenn die klassische HBO-Serie ihren Höhepunkt überschritten haben mag: „Man wird weiter zu Hause rumhocken und irgendwas sehen wollen“, sagt Wagner, „ich freue mich darauf!“