Schlechtes PISA-Ergebnis und Diskussion um G9: Wir haben uns bei drei Rottweiler Schulleitern umgehört.
PISA hat deutlich aufgezeigt, wo die Schwächen der Schüler liegen: in den Grundkompetenzen rechnen, schreiben und lesen. Nach der Veröffentlichung des Studienergebnisses wird über Ursachen und Lösungsansätze diskutiert. Hinzu schwappt die neuerliche Diskussion um G9. Wir haben uns bei drei Schulleitern der Rottweiler Gymnasien umgehört.
„Wir brauchen G9“
In zwei Punkten sind sich Silke Pach (Leibniz-Gymnasium), Stefan Maier (Droste-Hülshoff-Gymnasium) und Jochen Schwarz (Albertus-Magnus-Gymnasium) alle einig: „Wir brauchen G9. Wir brauchen mehr Lernzeit, um bei den Schülern den Lerndruck rauszunehmen und die Möglichkeit zu bieten, den Stoff zu vertiefen.“ Und: „Wir müssen ein gutes Lernumfeld in unseren Schulen schaffen.“
„Für das PISA-Ergebnis gibt es nicht nur die eine Ursache, sondern die Gründe ergeben sich aus einer ganzen Gemengelage, also mehreren Faktoren, die zusammenkommen“, sagt Stefan Maier.
Pandemie ist nicht der einzige Grund
Der Schulleiter des Droste-Hülshoff-Gymnasiums (DHG), aber auch seine Kollegen sehen einen der Gründe in der Pandemie. „Aber es wäre zu einfach zu sagen, dass dies der einzige Grund sei“, so Maier, der eine weitere Ursache darin sieht, dass Schule und Unterricht im Leben der Schüler nicht mehr im Mittelpunkt stehen – wie noch vor 20 Jahren. Dem stimmen auch seine Kollegin Silke Pach vom Leibniz-Gymnasium (LG) und Jochen Schwarz vom Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) zu.
Die Gesellschaft und die Elternhäuser, ja schlicht der Alltag der Familien, habe sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert. Auch die sozialen Medien und das gesamte Umfeld der Schüler würden heute eine große Rolle spielen.
„Die Wissensvermittlung tritt ins Hintertreffen. Schule ist nicht mehr das Zentrum, sondern ein Teil des Lebens. Deswegen müssen wir Schule ganz neu denken. Und das von Anbeginn“, sagt Silke Pach.
Schon in den Grundschulen ansetzen
Auch bereits in den Grundschulen müssten Fächer wie Mathe und Deutsch mit mehr Stunden unterrichtet werden. „Dafür sollte man anderes aber minimieren, sonst klappt es auch nicht“, ist sich Stefan Maier sicher. „Es ist wichtig in den ersten Klassenstufen ein solides Fundament an Sprachkompetenz in Deutsch (lesen, schreiben, Textverständnis) aufzubauen. Ähnliches gilt für Mathematik (Grundrechenarten, Mathematik im Alltagsbezug). Auch hier sollte ein stabiles Fundament an Basiskompetenzen errichtet werden, bevor es weitergeht“, betonte Maier.
Lehrpersonal schwer zu finden
Fächer zu kombinieren, beispielsweise Geschichte auf Englisch zu unterrichten, könnte ebenfalls eine Lösung sein. Doch hier sei es schwierig, das passende Lehrpersonal zu finden, denn da braucht es dann jemand, der Geschichte und Englisch studiert hat.
Ideen gibt es viele. „Doch man muss gut überlegen, was man macht und wo man zusätzliche Lernzeit einfügt“, gibt Jochen Schwarz zu bedenken. Bereits jetzt gebe es zu wenige Lehrer, bedauert der Schulleiter des AMG und hat Zweifel daran, ob man die benötigte Anzahl an Lehrkräften überhaupt rekrutiert bekommt.
Und doch sind sich alle drei einig, dass G9 an den Gymnasien viele Möglichkeiten biete, mehr Lernzeit, gezielte Förderstrukturen und verbindliche Unterstützungsangebote einzurichten.
Bürokratieabbau kann helfen
„Die PISA-Studie zeigt, dass wir uns pädagogisch und inhaltlich auf die Situation besser einstellen müssen. Wir können die Schüler nur fit für die Zukunft machen, wenn wir alle mit ins Boot holen: Eltern, Umfeld und Schulgemeinschaft“, sagt Silke Pach. Es brauche mehr Stunden, mehr Lehrer und mehr Schulsozialarbeit, „die das auffängt, was nichts mit dem reinen Lernen zu tun hat“, ist sie überzeugt.
Auch der Abbau von Bürokratie würde mehr Spielraum bringen. Ein Ganztagskonzept, das für die Gymnasien verbindlich ist, könnte nach Ansicht von Pach eine gute Möglichkeit sein. „Wir könnten dann in die Schule das Freizeitprogramm integrieren. Denn Abwechslung sorgt auch für eine andere Lernkultur“, sagt sie, hat aber noch viele Ideen, wie auch das Lernumfeld verbessert werden könnte.
Außerunterrichtliche Inseln
Am LG wird derzeit manches umgesetzt. Mit Hilfe der Eltern und Schüler. „Wir müssen aus dem puren Lernort einen Lebensraum machen. Wenn man sich wohlfühlt, dann funktioniert auch das Lernen besser“, sagt Pach.
Und so habe man bereits begonnen, Klassenzimmer umzugestalten und Räume zu schaffen, wohin sich die Schüler auch mal zurückziehen können. „Wir haben sogar schon neue Möbel gekauft. Im Januar geht es dann an die weitere Umsetzung unseres Vorhabens. Es gibt viel zu tun, wir sind mittendrin“, freut sich Pach. Auch am DHG und AMG werden übrigens außerunterrichtliche Inseln geschaffen: Aufenthaltsräume, Lernräume und Betreuung.
An den Stellschrauben „Schule der Zukunft“ müsse sanft aber kontinuierlich gedreht werden, um das Optimale für alle zu erreichen – und das ohne zusätzlichen Leistungsdruck, sondern mehr Bildungs- und Lernzeit, darin sind sich alle drei einig.