Einen Stift richtig halten, ruhig sitzen, sich konzentrieren – das können viele Erstklässler nicht. Kitas müssen besser auf die Schule vorbereiten, sagen deshalb Kritiker und finden deren bisherige Arbeit nicht mehr zeitgemäß. Wolf-Dieter Korek vom Landesverband Katholischer Kindertagesstätten hält im Interview dagegen.
Sie können sich teils schlecht konzentrieren und in eine Gruppe einfügen, auch die Stifthaltung fällt ihnen schwer – weil laut Studien viele Kinder schlecht vorbereitet in die Schulen kommen, geriet zuletzt das so genannte Offene Konzept, nach dem viele Kitas arbeiten, in die Kritik. Der Vorwurf: In den Kitas dürften Kinder den ganzen Tag machen was sie wollen, Rüstzeug für die Schule bekämen sie so nicht. Der Ruf nach einer stärker verschulten Vorschulpädagogik wird laut. Wolf-Dieter Korek vom Landesverband Katholischer Kindertagesstätten fände das falsch. Warum, erklärt er im Interview.
Herr Korek, im Offenen Konzept könnten Kinder den ganzen Tag tun und lassen was sie wollten, sagen Kritiker. Das führe zu Chaos und dazu, dass Kinder nicht gut gefördert werden. Warum ärgert Sie das?
Ärgern ist der falsche Ausdruck. Aber solche Aussagen beruhen auf Missverständnissen. Es stimmt, dass im Offenen Konzept die Räume der Kita geöffnet werden und sich Kinder interessengeleitet aussuchen können, welchen Bereich sie besuchen und bespielen wollen, also etwa das Atelier oder ein Entdeckerzimmer. Die Strukturen werden also an die Bedürfnisse der Kinder angepasst und nicht anders herum. Trotzdem geraten die Kinder nicht aus dem Blick, im Gegenteil.
Wie arbeiten die Fachkräfte?
Sie nehmen sehr aufmerksam die Bedürfnisse jedes Kindes in den Blick. Es gibt feste Bezugserzieherinnen und Beobachtungsverfahren. Die Fachkräfte sind nah am Kind und unterstützt es in dem, was es machen möchte. Auch darin, sich mal zurückzuziehen, wenn es das braucht. In vielen Einrichtungen sind Erzieherinnen im Flur eingesetzt. Sie schauen danach, ob Kinder verloren herumstehen und nicht wissen, was sie machen sollen.
Katharina Kluczniok, Professorin für frühkindliche Bildung an der FU Berlin, hat in ihren Forschungsbesuchen in Kitas festgestellt, dass Kinder in den Häusern teils „allein gelassen und verloren wirkten“. Auch die Sprachförderung komme oft zu kurz. Was läuft da schief?
Man muss unterscheiden zwischen dem Konzept und dessen Umsetzung. Die Ergebnisse der Forschung zeigen: Im Offenen Konzept können Kinder effektiv und nachhaltig lernen. Dazu ist es notwendig, dass sich Fachkräfte auf das Kind konzentrieren, seine Interessen aufnehmen und es sich so im Spiel weiter entwickeln, es lernen kann.
Wie funktioniert das genau?
Es geht darum, die Lernbereitschaft und Lernwünsche des Kindes aufzunehmen und sie mit Themen zu verknüpfen. Also zum Beispiel: Ein Kind findet Traktoren super und sieht sich gern Bilderbücher dazu an. Dann könnte die Erzieherin zum Beispiel mit dem Kind ein eigenes Buch dazu basteln und Buchseiten mit selbst ausgeschnittenen Traktoren gestalten. Dabei würden kreative und motorische Fähigkeiten geschult. Oder ein Kind baut einen Turm, der immer wieder umfällt. Fachkraft und Kind könnten gemeinsam überlegen: Warum fällt ein Turm um? Wie könnte man ihn stabilisieren? Schon ist man spielerisch bei den Grundlagen von Naturgesetzen angelangt.
Gibt es in der offenen Arbeit einen Plan, was ein Kind bis zum Schuleintritt lernen muss?
In der frühkindlichen Pädagogik sprechen wir von Vorläuferfähigkeiten, die Kinder für die Schule brauchen. Dazu gehören zum Beispiel, sich neuen Herausforderungen zu stellen, kreativ zu sein, sich realistische Ziele zu stecken, Dinge beharrlich zu verfolgen, gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln. Aber auch ein positives Selbstbild, Selbstwirksamkeit, das Gefühl, mit einer Gemeinschaft verbunden zu sein, gehören dazu.
Es gibt Forderungen nach einer verpflichtenden Vorschule, in der systematisch Fähigkeiten wie Stifthaltung gelernt werden.
Ich halte nichts davon, die Schule in den frühkindlichen Bereich hinein zu verlängern. Die Kita sollte keine Vorschule sein, sondern vielmehr die Basis für Schulerfolg legen. Und natürlich lernen Kinder dort auch, einen Stift zu halten, aber das darf kein Selbstzweck sein.
Fachkräfte erleben Kinder heute als herausfordernder als früher. Sie könnten sich teils schlecht in eine Gemeinschaft einfügen, reagierten aggressiv, müssten gleichzeitig häufig motorisch oder sprachlich gefördert werden. Ist das Offene Konzept dafür das richtige?
Dass es mehr herausfordernde Kinder gibt, ist richtig. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich geändert, es gibt starke Unterschiede zwischen den Familien. Es gibt jene Eltern, die ihre Kinder gut anleiten, ihnen vorlesen, mit ihnen viel sprechen. Und es gibt Familien, die das selten tun, denen die Unterstützung schwer fällt. Auch wie viel Medienkonsum erlaubt ist, divergiert stark. Aber genau auf diese Unterschiede kann das Offene Konzept gut reagieren, weil es kindzentriert arbeitet und Kinder dort abholt, wo sie stehen. Das ist auch Stand der pädagogischen Forschung. Klar muss auch sein: Nicht alle gesellschaftlichen Probleme können in der Kita gelöst werden.
Aber wäre ein strengerer Rahmen nicht besser, um Kindern zu zeigen, wie soziales Miteinander funktioniert?
Nein, gerade im Offenen Konzept erleben Kinder soziale Eingebundenheit. Aber natürlich ist das für die Fachkräfte eine Herausforderung und man muss das Arbeiten immer wieder an neue Bedingungen und Kinder anpassen. Ich kann außerdem nachvollziehen, dass der Wunsch nach klar überschaubaren Strukturen größer wird, wenn den Menschen in einer stark individualisierten Gesellschaft Orientierung fehlt. Aber ein klarer und Sicherheit vermittelnder Rahmen kann auch im Offenen Konzept umgesetzt werden.
Ist denn diese individuelle Arbeit überhaupt möglich, wenn es in fast allen Kitas zu wenig Personal gibt?
Der Personalmangel ist für jedes Konzept eine Herausforderung! Es ist auch nicht so, dass für das Offene Konzept mehr Fachkräfte nötig sind als in geschlossenen Gruppen. Aber generell gilt es immer wieder zu schauen, ob die offene Arbeit gut umgesetzt wird. Es braucht Fortbildungen und eine Fachberatung. Wenn es nur auf dem Papier steht, bringt es nichts.
Manche Eltern fürchten, dass ihre Kinder in der offenen Arbeit immer nur dasselbe machen.
Dagegen hilft eine intensive Elternarbeit der Kitas. Eltern brauchen Rückmeldungen, was ihr Kind gemacht hat. Wo das passiert, erleben wir, dass Eltern keine Sorge mehr haben, dass bestimmte Dinge nicht gelernt werden.
Arbeiten die katholische Kitas im Land flächendeckend mit dem Offenen Konzept?
Das Feld ist breit. Als Landesverband beraten wir Kitas und unterstützen sie in ihrer pädagogischen Arbeit unabhängig vom Konzept. Wir vermitteln eine am Kind und seinen Bedürfnissen orientierte Pädagogik. Vor dem Hintergrund der Debatte um das Offene Konzept wollten wir eine Lanze dafür brechen, ohne zu sagen, dass es der einzig richtig Weg ist.
Der Interviewpartner
Wolf-Dieter Korek
(Jahrgang 1962) stammt aus Oldenburg. Er machte eine Tischlerlehre und studierte dann Psychologie und Health Care Management. Nach der Arbeit in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sowie für die Kinder- und Jugendhilfe, ist der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder seit 2021 Vorstand Strategie, Entwicklung, Pädagogik beim Landesverband Katholische Kindertagesstätten Diözese Rottenburg-Stuttgart.