Das Gymnasium in Pullach bei München will sich von seinem Namensgeber trennen – Otfried Preußler. Der Autor, dessen Kinderbuchklassiker im Stuttgarter Thienemann-Verlag verlegt werden, hat sich nie offiziell von einem Nazi-Roman distanziert. Bundesweit löst der Vorgang Entrüstung aus.
Kinder brauchen Geschichten“ steht auf dem Grabstein von Otfried Preußler und seiner Frau Annelies auf dem Rosenheimer Friedhof. 2013 ist der bekannte Kinderbuchautor gestorben, er wurde 89 Jahre alt. Unter seinem Namen ist die Skulptur eines Kindes, das auf einem Stein sitzt – und liest. Preußler hatte, so schien es, alles für die Nachwelt geregelt, sein Nachlass wurde anlässlich seines 90. Geburtstages feierlich der Berliner Staatsbibliothek übergeben: 134 Umzugskartons.
Doch so ganz ausgeleuchtet und geordnet ging dieser Vorzeigeautor nicht aus der Welt. Eine Schule in Bayern will sich nun von Preußler distanzieren, der nach dem Zweiten Weltkrieg sein Leben im oberbayerischen Rosenheim verbracht hatte. Grund ist sein Umgang mit einem Nazi-Buch: „Erntelager Geyer“, ein Jugendroman, der die Hitlerjugend glorifiziert – verfasst im Winter 1940/41 von Otfried Preußler. Das Otfried-Preußler-Gymnasium in Pullach bei München hat Ende Januar offiziell den Antrag auf eine „Rückbenennung“ gestellt und will nur mehr „Gymnasium Pullach“ heißen. Dabei ist die Schule erst 2014 zum Otfried-Preußler-Gymnasium geworden.
Kritik, dass Preußler sich nicht vom NS-Werk distanziert hat
Der Schriftsteller, Jahrgang 1923, war in der NS-Zeit ein Nazi, das war bekannt. 1944 erschien „Erntelager Geyer“, herausgegeben vom Junge-Generation-Verlag Berlin. Der Schule geht es aber nicht um das Wirken des Autors als NS-verblendeter junger Mensch, sondern darum, so steht es in dem Antrag, dass sich Preußler „nach dem Krieg nie zu diesem Werk bekannt und erst recht nicht von seinem Inhalt in konkreter Form distanziert“ hat.
Wer kennt sie nicht und hatte sie einst nicht gelesen oder sich vorlesen lassen – die wilden Geschichten vom Räuber Hotzenplotz, der kleinen Hexe oder dem kleinen Gespenst? Seit den 1950er Jahren hat Preußler, dessen Hausverlag Thienemann in Stuttgart war, laut Börsenverein des Buchhandels eine Auflage von 50 Millionen Auflagen, es gibt Verfilmungen en masse und Übersetzungen in 55 Sprachen. Otfried Preußler gehört zum kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik. Auch wird er als begeisterter Pädagoge bejubelt – als Grundschullehrer und späterer Rektor.
Und nun soll der Name weg? Die Schule steht jetzt inmitten eines öffentlichen und medialen Empörungsorkans. „Schwer nachvollziehbar“ findet das die „FAZ“, Preußler werde „gecancelt“, schreibt die „Welt“. Landauf, landab wird über Pullach und den Autor berichtet. Die Sudetendeutsche Volksgruppe echauffiert sich: „Hexenjagd gegen den Vater der ‚Kleinen Hexe‘“. Preußler war Sudentendeutscher aus Böhmen, einem Teil des heutigen Tschechien.
Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) prangert einen „Säuberungsdrang“ an, Geschichte werde „wegzensiert“. Und in der Schulfamilie, wie das immer so schön genannt wird, sieht die Autorin „offenbar stumpf hinterhertrottende Lehrer, Eltern und Schüler“, die dem Rektor folgten. Kritiker erheben den Vorwurf der „Cancel-Culture“, die gerade schwer in Mode ist.
Der Schulleiter Benno Fischbach will zuerst gar nichts sagen wegen der „sehr einseitigen Berichterstattung“, aber dann lässt er sich doch auf ein längeres Gespräch mit unserer Zeitung ein. „Wir haben uns das wirklich nicht leicht gemacht mit Preußler“, sagt er. Seit fünf Jahren diskutiere die Schule in allen Facetten über ihren Namensgeber. Begonnen hat es damit, dass man von dem NS-Roman „Erntelager Geyer“ erfuhr. Die Schule besorgte sich eines der ganz wenigen noch in wissenschaftlichen Bibliotheken vorhandenen Exemplare und las es.
„Wahrscheinlich hat sich keine andere Schule in Deutschland so sehr mit Otfried Preußler beschäftigt wie wir“, meint Rektor Fischbach. Es gab Arbeitsgruppen, eine Ausstellung und die Wissenschaftswoche in der 11. Klasse dazu. Niemand spreche Preußler ein großes Werk und ein großes Leben nach dem Krieg ab. Seine Bücher würden weiter gelesen, etwa der Jugendroman „Krabat“.
Dieser ist ein dunkles Werk über die Verführbarkeit durch totalitäre Ideen und die Befreiung davon. Die Tochter und Nachlassverwalterin Susanne Preußler-Bitsch sagt, ihr Vater habe sich darin ganz klar auch von der eigenen NS-Vergangenheit distanziert. In einer längeren Stellungnahme beklagt Preußler-Bitsch, dass sie erst im Herbst 2023 überhaupt „durch die Presse“ von der Debatte erfahren habe. Auf dieser Ebene wolle sie sich „nicht in die mehr als fragwürdige Diskussion ziehen lassen“.
Sie verweist auf zwei „profunde Biografien“ über Preußler – und dass seine Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus ausgiebig aufgearbeitet seien. Die Schule kritisiert sie, „mittels angeblich neu entdeckter, skandalträchtiger Funde“ die Debatte „hoch emotionalisiert aufgekocht und in den Medien verbreitet“ zu haben.
Zum Vorwurf, Preußler habe sein Jugendwerk verschwiegen, meint sie aber: „Dazu kann und möchte ich mich nicht äußern.“ Den Plan der Schulumbenennung kommentiert sie bitter-bissig: Auch für ihren Vater wäre es eine „entsetzliche Vorstellung“ gewesen, „dass die Schulkinder tagein, tagaus in eine Schule gehen müssen, deren Namen sie schrecklich finden“.
Die Schule erhält viele Zuschriften zu dem Thema
Die Preußler-Nachkommen sind, so ist zu hören, tief zerstritten. Die Enkelin Sabine Volk, Lehrerin in der Bretagne, schildert in der „FAZ“, wie sehr sie ihren Großvater liebte und bewunderte und wie sehr sie sein Werk nach 1945 schätzt. Über seine Vergangenheit habe er berichtet, so schreibt Volk, dass er im Nationalsozialismus „mit viel Begeisterung“ mitmarschierte. Dass er aber „Erntelager Geyer“ verschwiegen hat, „nehme ich ihm übel“. Sie sei „enttäuscht“, dass er nicht „sich selbst offen und selbstkritisch mit seiner Vergangenheit“ auseinandergesetzt habe.
Den „Vorbildcharakter“, sagt der Rektor Fischbach, den ein Namensgeber haben sollte, „erkennen die Lehrer und die Schüler nicht“. Diese Debatte „kam von ihnen“. Lehrer, Elternbeirat und die Schülermitverantwortung (SMV) haben sich jeweils getrennt mit übergroßen Mehrheiten für das Ablegen des Namens ausgesprochen. Fischbach und die Schule erhalten derzeit viele Zuschriften, von Kritik bis zur hemmungslosen Beleidigung, vor allem über das Internet.
Die Namensaberkennung wird noch geprüft
Was sagt die Forschung? Der Münchner Literaturhistoriker Peter Becher hat 2015 Preußlers Jugendroman überhaupt erst „entdeckt“ und darüber publiziert. Die Entscheidung der Schule hält er für falsch. Becher hat auch in Pullach mit Lehrern und Eltern diskutiert. Er habe von einer Umbenennung der Schule dringend abgeraten, sagt er. Denn: „Meiner Meinung nach ist ein differenziertes Preußler-Bild, das auch Spannungen enthält, gerade für Schüler lehrreicher als ein lupenreines Idol.“
Die Träger des Otfried-Preußler-Gymnasiums – die Gemeinde Pullach sowie Stadt und Landkreis München – stimmen am 13. März über den Antrag der Schule ab. Dieser geht dann an das bayerische Kultusministerium, das über eine Genehmigung entscheidet. Man werde „mit der nötigen Sensibilität prüfen“, verlautet aus dem Haus der Ministerin Anna Stolz (Freie Wähler). Der Aufruhr kann dem Ministerium nicht entgangen sein.
Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung dieses Textes stand, dass Otfried Preußler mit 17 Jahren NSDAP-Mitglied wurde. Das ist nicht korrekt. Nach Angaben von Susanne Preußler-Bitsch, Tochter des Autoren, war es 1941 nicht möglich, im Alter von 17 Jahren Parteimitglied zu werden. Vielmehr hatte Preußler zu diesem Zeitpunkt einen Mitgliedsantrag gestellt.