Es gibt etliche Parallelen zwischen Golf und Discgolf. Und dann auch wieder nicht. Während beim Golfen die Wahl des Schlägers ausschlaggebend ist, hängt beim Discgolfen alles von der gewählten Scheibe ab. Ohne die richtige Technik kommt man allerdings bei beiden Sportarten nicht sonderlich weit - oder überhaupt ans Ziel.
Christoph Weiß streckt seinen Rücken durch, rotiert die Schultern leicht nach hinten. Dann pustet er in seine rechte Faust, konzentriert sich und nimmt mit der rechten Hand die Scheibe aus seiner linken. Sein Blick geht über Bahn 3 – genannt „die Tasche“ – im Lörracher Grüttpark, der vor ihm liegt. Keine Kurven, keine Hindernisse – eine schöne, lange Gerade.
Klingt einfach, doch gerade Strecken sind viel anspruchsvoller zu überwinden als solche mit Kurven: Denn Scheiben fliegen am liebsten in Kurven. Der rot lackierte Korb ist gut 120 Meter entfernt. Es folgt ein kurzer Moment des Innehaltens. Dann macht der 35-Jährige vier schnelle Schritte nach vorn, dreht sich in der Hüfte, baut Spannung im Oberkörper auf und schickt die Scheibe nach einer scharfen Drehung mit ausgestrecktem Arm auf ihre Reise. Noch ein Schritt, um sich zu fangen, dann verfolgen seine Augen die Flugbahn. Auf seinem Mund zeichnet sich ein feines Lächeln ab. Richtig deutlich zutage tritt das, nachdem die Scheibe gelandet ist. Ruben Hils steht neben der Startmatte aus Kunstrasen, dem sogenannten Tee-Pad, und nickt anerkennend.
Im Grüttpark ist einer von sechs Discgolf-Kursen im Südwesten Deutschlands zu finden. Es ist der Heimatkurs des Discgolfclubs Lörrach. 2021 wurde dieser gegründet. Seine Geschichte und die des Parcours sind allerdings älter, verrät Vorstands- und Gründungsmitglied Ruben Hils. Vor rund 20 Jahren wurde hier bereits Discgolf gespielt, und es gab mit den Red Hot Chili Putters sogar einen Verein – inklusive enger Verbindungen zum nahen Basel. Die Verbindung gibt es immer noch – der Grüttpark ist auch der Heimatparcours des Discgolf-Clubs Merry Chains aus der benachbarten Großstadt.
Scheibenwechsel gehört dazu
Beim Discgolf geht es darum, die Distanz zwischen dem Tee, also dem Abwurfpunkt, und dem dazugehörigen Korb mit möglichst wenigen Würfen zu überwinden. Das geschieht – im Gegensatz zum Golfen – nicht mit der gleichen Scheibe. Der Punkt, an dem die Scheibe gelandet ist, wird mit einem Marker angezeigt, und von da wird dann entweder mit der gleichen oder einer anderen Disc geworfen. Während der Golfer eine Auswahl an Golfschlägern mitführt, haben die Discgolfer eine – meist bunte – Auswahl an verschiedenen Scheiben dabei. Während der Durchmesser bei allen Scheiben mit grob 20 Zentimetern nahezu gleich ist, unterscheiden sie sich durch ihr Gewicht und das Profil des Rands. Ruben Hils: „Je breiter der Rand und je flacher die Scheibe, desto weiter fliegt sie – zumindest theoretisch.“ Unterteilt werden die Discs in drei Kategorien: Putter, Midrange und Distance Driver. Letztere sind für große Weiten geschaffen, Putter kommen zum Einsatz, wenn die Distanz zum Korb gering ist und ein sehr genauer Wurf benötigt wird – der Name findet sich auch im Golfsport wieder. „In der Mitte dazwischen liegen die Midrange Discs.“
Doch die Einteilung in drei Hauptkategorien ist nicht alles. Ein weiterer Faktor ist das Gewicht. Schwere Scheiben sind weniger anfällig bei Wind, fliegen aber nicht so weit. Maximal 180 Gramm darf eine Disc auf die Waage bringen. Bei leichteren Scheiben ist es umgekehrt.
Dazu kommen noch die Flugeigenschaften. Welche Kurve nimmt die Scheibe wann im Flug? Zieht sie langsam nach innen oder senkt sie sich abrupt? Wie stabil ist sie bei Wind? Aufschluss darüber geben vier Werte, die auf jeder Disc eingraviert oder gedruckt zu finden sind: Speed, Glide, Turn und Fade. Die erste Zahl gibt die Fluggeschwindigkeit an, die zweite die Gleiteigenschaften, die dritte die Flugstabilität inklusive Richtung, und als letzter Wert steht das Verhalten in der Schlussphase bis zur Landung.
„Das sind aber keine wissenschaftlichen Werte“, sagt Christoph Weiß und greift nach seinem Putter. Darauf steht die Kombination „2.3.0 +2“. Im besten Fall sollte die Scheibe langsam, aber nicht sehr lange unterwegs sein und bei der Landung einen leichten Rechtsdrall erhalten. „Es sind mehr Annäherungen. Aber mit der Zeit weiß ich natürlich, wie die Scheibe für mich funktioniert.“ Dann konzentriert er sich wieder, strafft sich und flickt die Scheibe aus wenigen Metern Richtung Ziel. Es rasselt, und die Scheibe landet in den Ketten des Korbs.
Allein oder zusammen
Discgolf hat eine lange Geschichte. Doch den größten Zuwachs, der auch mit zur Gründung des Discgolf-Clubs Lörrach führte, kam während der Corona-Pandemie. „Es ist ein Sport, den man sehr gut für sich allein oder eben auf Abstand ausüben kann“, erläutert Ruben Hils, während im Hintergrund vier Vereinsmitglieder über die beste Taktik für die Bahn debattieren. Christoph Weiß nickt zustimmend. „Und man braucht nicht viel. Die Körbe waren ja auch schon da.“
18 Discgolf-Bahnen gibt es im Grütt. Das ist auch die Zahl an Körben, die bei offiziellen Meisterschaften gespielt werden. Deren Erscheinungsbild ist ebenfalls geregelt, wobei Abweichungen von wenigen Zentimetern zulässig sind. Ein Korb besteht aus einem oben offenen Kettenkranz, im Grütt aus rotem Metall, mit 57 Zentimetern Durchmesser, dessen oberer Rand etwa 1,50 Meter über dem Boden ist. Darunter befindet sich der eigentliche Korb mit 64 Zentimetern Durchmesser und einem Rand, der 18 Zentimeter hoch ist – etwa 80 Zentimeter über dem Boden. Auch er ist rot lackiert. Ziel beim Discgolf ist es, die eigene Scheibe im Korb oder in den Ketten zu platzieren. Ob sie in den Ketten hängt oder in den Korb fällt, spielt keine Rolle.
Unter Par
Gezählt wird beim Discgolf analog zum Golfen: Wer am wenigsten Würfe benötigt, um vom Tee zum Korb zu gelangen, gewinnt. Dazu kommen – analog zum Golf – Richtwerte pro Parcours. Für die „Penny Lane“, die vierte Bahn im Grütt mit einer leichten Linkskurve und Bäumen als Hindernis, sind vier Würfe als Durchschnittswert für einen Profi der höchsten Spielklasse angegeben, für ältere oder jüngere Spieler fünf. „Professional Average Result“ wird Par abgekürzt. Jede Wurfzahl unter Par ist damit ein Erfolg – wie auch beim Golf.
Christoph Weiß wählt für die erste Teilstrecke eine weitfliegende Scheibe mit leichtem Rechtsdrall und legt sie mit einer schönen Flugkurve hinter dem kleinen Wäldchen ab. Den Baum im ersten Drittel hat seine Disc spielerisch umkurvt. Gemeinsam mit Ruben Hils und Michael Klados, der dazugestoßen ist, spaziert er zur Scheibe, die mehr als die Hälfte der 161 Meter langen Strecke zurückgelegt hat. Er legt den Marker ab, steckt die Scheibe ein und wählt eine passendere. Von seinem Standpunkt visiert er den Korb an, nimmt einen tiefen Atemzug und wirft. Die Scheibe segelt Richtung Korb, verfehlt ihn um weniger als zwei Meter. Er schiebt seine Kappe mit dem Logo von RPM, einem Disc-Produzenten aus Neuseeland, etwas zurück und runzelt die Stirn. Dann fischt er seinen Putter aus dem Rucksack und erledigt die fehlende Distanz.
Australien im Visier
Der 35-Jährige hat 2018 mit dem Discgolfen begonnen, nachdem ihm aufgrund einer Verletzung das Handballspielen nicht mehr möglich war. Heute ist er Teil des deutschen Nationalteams und steht vor seiner bisher größten Herausforderung. Diesen November ist er bei den World Team Disc Golf Championships im australischen Perth am Start. Seinen Flug und die Reise muss der Zahntechniker, der fünfmal die Woche trainiert, allerdings selbst finanzieren. „Aber das ist eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen will“, sagt Christoph Weiß mit einem Lächeln. Dann schultert er seinen Rucksack und spaziert zusammen mit seinen Vereinskollegen zur nächsten Bahn.
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Discogolf in der Region
Kurse
Im Südwesten gibt es Discgolf-Kurse (von Norden) in Königsfeld am Schwimmbad, im Freiburger Dietenbachpark, in Kirchzarten bei der Schule, im Kurpark von Bad Krozingen, im Lörracher Grütt und im Badmattenpark in Bad Säckingen. Mehr Infos unter www.discgolf.de.
Vereine
Discgolf lässt sich auch mit einer normalen Frisbee-Scheibe spielen. Oft gibt es bei den Discgolf-Kursen auch Möglichkeiten, richtige Discs kostenlos zu leihen. Die lokalen Vereine helfen hier gern weiter. Mehr unter www.discgolf-loerrach.de, www.headsupfreiburg.de oder www.blackforest-discgolf.de.
