Carolin Engelhardt mag es klassisch und legt Wert auf Qualität Foto: Frank Stolle / München Tourismus

Carolin Engelhardt designt klassisch bayerische Dirndl und ist Münchens Botschafterin für das Stadtviertel Schwabing. Dabei kommt sie eigentlich aus Oberschwaben.

Carolin Engelhardt amüsiert es jedes Jahr sehr, wenn kurz vor dem Oktoberfest die Medien bei ihr anfragen und den aktuellen Wiesn-Mode-Trend wissen wollen. „Dann muss ich immer sagen: Tut mir leid, keine Ahnung. Ich designe zwar Dirndl und Lederhosen, aber ich folge keinen Trends.“ Lustigerweise scheint der Trend in der Saison 2025 aber ihr zu folgen.

 

Angesagt ist ziemlich genau das, was es bei Carolin Engelhardt gibt: Klassisch geschnittene Kleider aus hochwertigen Naturfasern wie Leinen oder Baumwolle, ohne glitzernden Strass und sonstigen Firlefanz. Dezente Muster, schön schlicht. Lange Röcke, die fast bis zu den Knöcheln reichen. Alles ganz traditionell. Nur diese Blusen aus transparenten Stoffen wie Organza, die gerade total in sind, die kann man nicht in Engelhardts kleinem Laden in München-Schwabing kaufen.

15 Wartesemester für Innenarchitektur – also studierte sie Mode

Dass die heute 55-Jährige mal eine Spezialistin für landestypisch bayerische Kleidung werden würde, hätte sie nicht im Traum gedacht. Sie ist ja noch nicht einmal eine Bayerin. Carolin Engelhardt wurde 1969 in Riedlingen am Südrand der Schwäbischen Alb geboren und wuchs im oberschwäbischen Bad Saulgau auf. Ihre Familie produzierte Fertighäuser, da lag ein Innenarchitekturstudium nahe: „Doch damals hätte ich 15 Wartesemester dafür gebraucht. Also schlug meine Mutter vor, ich könnte ja auch Mode studieren.“

Blau in allen Schattierungen Foto: Susanne Hamann

Carolin Engelhardt ging nach dem Abi nach München an die Esmod, die deutsche Dependance einer Pariser Modeschule. So ein Hauch von großer weiter Welt lässt andere junge Damen aufblühen, das Mädel aus der württembergischen Provinz aber reagierte erst einmal verschüchtert: „Am Anfang hatte ich schlimmes Heimweh und bin jedes Wochenende nach Hause gefahren“, erzählt Carolin Engelhardt und lacht.

Man mag die Geschichte kaum glauben, denn inzwischen hat sie sich an der Isar so gut eingelebt, dass sie sogar für die Stadt München als touristische Botschafterin fungiert. Im Rahmen einer Werbekampagne wurden Gesichter für die einzelnen Stadtviertel gesucht. Die Schwäbin repräsentiert Schwabing, wo sie inzwischen seit Jahrzehnten mit Mann, Sohn und Tochter lebt.

Schon während ihres Studiums jobbte Carolin Engelhardt beim Modelabel Jil Sander und wurde nach dem Abschluss auch übernommen. „Bei dem Unternehmen habe ich gelernt, auf gute Verarbeitung und hochwertige Materialien zu achten“, erzählt sie. Und genau deshalb ist sie auch mit Ende 30 beim Thema Tracht gelandet.

„Allein vier Jahre hat es gedauert, um den perfekten Schnitt zu entwickeln“

Sie wollte sich selbst ein Dirndl kaufen, fand aber kein passendes Gewand in zeitlosem Design, das ihren Qualitätsansprüchen genügte. „Ich musste von München bis nach Salzburg fahren, um das zu bekommen, was ich suchte.“ Schon damals überlegte Carolin Engelhardt, ihre eigene Firma zu gründen. Aber es brauchte noch ein Jahrzehnt, bis sie sich wirklich bereit dazu fühlte. „Allein vier Jahre hat es gedauert, um den perfekten Schnitt zu entwickeln“, sagt die 55-Jährige. Unermüdlich tüftelte sie gemeinsam mit ihren Schneiderinnen, bis die endlich sagten: jetzt passt’s, lass gut sein.

Moodboard im Atelier Foto: Susanne Hamann

2017 gründete Carolin Engelhardt eine Manufaktur und nannte sie „Münchner Dirndl“ – dieser Name war tatsächlich noch nicht anderweitig vergeben. „Da hatte ich mehr Glück als Verstand“, sagt sie und lacht herzlich. Markenzeichen und besonderer Hingucker ist ein herzallerliebstes Muster mit Münchner Motiven.

Der Stoff, auf dem unter anderem gezeichnete Umrisse der Frauenkirche, des Chinesischen Turms, des Karlstors oder des Münchner Kindl abgebildet sind, ist eine Liebeserklärung an ihre Wahlheimat und findet in fast jedem Dirndl Verwendung – als Mieder, als Rock, als Schürze oder als Trachtenborte.

Auffällig: Die Farbe Blau dominiert den Showroom. Sechs verschiedene Töne hat das Label im Programm: Himmelblau, Vergissmeinnichtblau, Veilchenblau, Royalblau, Tintenblau, Nachtblau. „Blau ist die beste Farbe überhaupt für ein Dirndl. Blau lässt leuchten. Blau steht jeder Frau“, sagt Carolin Engelhardt. Außerdem repräsentiere es wie kein anderer Farbton den Freistaat.

Die Dirndl kann man nicht online bestellen. Es gibt sie nur in dem kleinen Atelier im Souterrain im Herzen Schwabings. Und nur mit Termin. „Das muss sein, weil ich extrem auf die Kunden eingehe“, sagt die Designerin. Einmal meldete sich eine Dame aus den USA und kam am Tag vor dem Wiesn-Besuch angereist, um sich einkleiden zu lassen. Da mussten die Schneiderinnen zaubern.

Faible für Barockengel

Jedes Kleid wird genau an die Kundin angepasst und in reiner Handarbeit hergestellt. Auch Nachhaltigkeit ist der Designerin ein großes Anliegen. Carolin Engelhardt arbeitet nur mit Firmen aus Deutschland und Österreich zusammen. Innerhalb der Stadt liefert sie mit dem Radl aus.

Stoff mit Münchner Motiven Foto: Frank Stolle/München Tourismus

Mit einem Startpreis von 979 Euro sind die Dirndl kein Schnäppchen – doch dafür, sagt Carolin Engelhardt, könne man sie auch ein Leben lang tragen und sogar weitergeben. Wenn sich die Figur oder die Besitzerin mal verändert, wird das Kleidungsstück einfach ein bisschen enger oder weiter genäht. „Ein Dirndl ist das Femininste und Kleidsamste was es gibt. Darin sieht wirklich jede Frau gut aus“, sagt Carolin Engelhardt.

Auch Mehrgewichtige, die sonst nur schwer etwas zum Anziehen finden, kommen im Dirndl groß raus. Das sei immer wieder schön zu sehen, sagt Carolin Engelhardt und wird nachdenklich. Sie erzählt, dass sie als Kind so gerne die prunkvollen Kirchen ihrer oberschwäbischen Heimat besuchte: „Ich hatte schon immer ein Faible für Barockengel.“ Vielleicht war der Berufsweg also doch irgendwie vorgezeichnet.