Ein Schluck junges Bier gefällig? Folgen Sie uns durch unsere virtuelle Brauereiführung. Foto: Peter-Michael Petsch

Glänzende Maischbottiche und penible Bierflaschen-Roboter, das kann man bei Dinkelacker-Schwaben Bräu in der Tübinger Straße bewundern. Zweimal wöchentlich öffnet die Stuttgarter Traditionsbrauerei ihre Tore.

Stuttgart - „Gibt’s immer noch nicht auf Hawaii“ – das verkündet das Werbeplakat an einer Seitenwand der Brauerei in der Tübinger­ Straße. Man mag diesen Umstand bedauern oder begrüßen, am Geschmack eines Gerstensafts scheiden sich ja zuweilen die Geister. Unstrittig ist, dass Dinkelacker-Schwaben Bräu Tradition hat. Und seit ihrer Reprivatisierung will sich die Brauerei wieder ins Stuttgarter Blickfeld rücken.

Denn am 2. Januar 2007 fand für die Brauerei eine Zeitenwende statt. An jenem Tag kaufte Wolfgang Dinkelacker, Urenkel des Firmengründers Carl Dinkelacker, das Unternehmen wieder aus dem weltgrößten Braukonzern Inbev zurück. Regionalität lautet seither das Credo. Dafür steht nicht nur die aktuelle Werbekampagne. Regelmäßige Brauereiführungen, wie sie bei der Konkurrenz fast schon ein alter Hut sind, sollen künftig das Marketing ergänzen.

Der Rundgang beginnt im Sudhaus, dem Herzstück der Brauerei, wo silbern glänzende Maischbottiche dem Besucher signalisieren: Hier geht es reinlich zu. „In unser Bier kommen nur Wasser, Hopfen und Malz“, sagt Ralph Barnstein, gelernter Diplombraumeister und Geschäftsführer des Unternehmens. „Hinzu kommt eine weitere Zutat, die trotz Reinheitsgebots zulässig ist: die Leidenschaft unserer Braumeister.“ Die Gerste für das Malz, erfährt der Biertourist, komme zu 100 Prozent aus Baden-Württemberg. Der Weizen, etwa für die ebenfalls im Haus gebraute Marke Sanwald, werde gelegentlich in Frankreich zugekauft.

„Früher hielt das Bier nur eine Heimfahrt lang“

Beim Thema Hopfenextrakt wird Ralph Barnstein einsilbig. Für Bierkenner ist das ein sensibles Thema. Die Beutel mit Hopfen-Pellets aus Tettnang ermöglichten eine gleichbleibende Qualität, erklärt er. Die schwanke andernfalls, wie beim Wein. Qualität und Haltbarkeit ins Gleichgewicht zu bringen sei eine der wesentlichen Aufgaben einer modernen Brauerei. „Früher hielt das Bier nur eine Heimfahrt lang“, sagt Barnstein. „Heute sind zwischen sechs und 18 Monaten möglich.“

Für das Projekt Brauereiführung hat sich das Unternehmen auch den topografischen Herausforderungen gestellt: Treppen und Geländer wurden erneuert, denn durch die Lage unterhalb der Karlshöhe erstrecken sich die Räumlichkeiten über zahlreiche Etagen. Als die Brauerei vor 124 Jahren gegründet wurde, lag diese Gegend noch vor den Toren der Stadt. Diesen alten Charme soll der Besucher spüren. Den vielen „gläsernen Brauereien im Land“, die Mitarbeiter des Unternehmens während der Vorbereitung für die Führungen besucht hatten, konnte und wollte man hingegen nicht nacheifern, betont Geschäftsführer­ Barnstein. Infotafeln und Flachbildschirme sind die einzigen Zugeständnisse an den Zeitgeist.

Vorbei an Station Nummer fünf, wo ein Schild mit der Aufschrift „Entalkoholisierung“ hängt, geht es in einen dunklen, bahnhofshallengroßen Kellerraum. Als es noch keine moderne Kühltechnik gab, wurde dieser tief in den Berg hineingebaut­. Für den Sommer schaffte man Eis aus umliegenden Seen herbei, erklärt eine sonore Stimme aus dem Off, denn für untergäriges Bier wie Pils braucht es konstant kühle Temperaturen. Der kurze Gang in den heutigen Gär- und Lagerkeller zeigt gut 100 Jahre Brauereigeschichte auf. In 39 bis zu 25 Meter hohen Gärtanks reift dort das Jungbier bis zu fünf Wochen lang. Eine eilig vorgenommene Zwickelprobe macht deutlich: Das ungefilterte Getränk braucht noch etwas Zeit.

Am Ende­ der Führung winkt ein Bierkenner-Diplom

Spätestens in der Flaschenfüllerei zeigt sich, wie sehr Computertechnik und Automatisierung in den vergangenen Jahrzehnten Einzug ins Brauereigeschäft gehalten haben. Das spart Personal und beschleunigt die Produktion. Sage und schreibe 66 000 Bierflaschen können stündlich abgefüllt werden, lernen die Besucher. Roboterarme befüllen nicht nur die Kästen, sondern richten die Flaschen auch gleich so aus, dass das Etikett nach außen zeigt. Hier wird nichts dem Zufall überlassen.

Wer es samt deftigen Biertreberfleischküchle durch die Bierprobe mit nur vermeintlich kleinen Mengen von Export, Pils, naturtrübem Kellerbier, Hefeweizen und Schwarzbier geschafft hat, bekommt am Ende­ der Führung ein Bierkenner-Diplom. Beim Bier komme das Detailwissen oft zu kurz, klagt Barnstein. „Wenn man Bier verkostet, sollte man daran riechen – und unbedingt auch schlucken, weil die Bitternerven weit hinten sitzen.“ Ob der „Bierkenner“ danach automatisch gutes Bier von schlechtem unterscheiden kann, ist eine andere Frage­.­ Zumal sich über Geschmack bekanntlich streiten lässt – ob in Stuttgart oder auf Hawaii.

Die Brauereiführungen finden dienstags und donnerstags von 18 Uhr an satt. Dauer etwa zwei Stunden. Start ist in Carls Braukeller in der Tübinger Straße 46. Kosten: 10 Euro mit Bierprobe, 15 Euro mit Bierprobe und Vesper. Anmeldung unter Telefon 07 11 / 64 81- 0 oder im Netz unter www.privatbrauerei-stuttgart.de/brauereifuehrung
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