Die Porsche-Chefs Mattias Ulbrich (links) und Lutz Meschke (rechts) wünschen sich, dass Digitalisierung und Innovation auf den Lehrplan kommt. Foto: Porsche AG/Porsche AG

Porsche hat Schulen in der Digitalisierung unterstützt. Die Finanz- und Digitalchefs, Lutz Meschke und Mattias Ulbrich, verweisen auf enorme Schwachstellen im Schulsystem.

Stuttgart - Die Corona-Pandemie hat die mangelnde digitale Ausstattung der Schulen im Land schonungslos offen gelegt. Die Porsche AG hat sich daher sowohl finanziell als auch personell darum bemüht, den Schulen schnelle Starthilfe in Sachen Digitalisierung zu geben. Lutz Meschke, der stellvertretende Vorsitzende des Vorstands, und Digitalchef Mattias Ulbrich berichten von ihren Erfahrungen.

 

Was hat Porsche bewogen, die Projekte „Digital School Volunteers“ und „Digitalturbo“ zu starten?

Lutz Meschke: Grundsätzlich ist es ja leider so, dass die meisten Schulen eine unterschiedliche und ungenügende digitale Grundausstattung haben. Das finde ich bedenklich, denn das Know-how in digitalen Themen wird in allen Bereichen – nicht nur in der Wirtschaft – immer wichtiger. Unser Nachwuchs sollte nach dem Schulabgang einen guten Start in die Zukunft haben und international wettbewerbsfähig sein. Das ist zu selten der Fall. Als nun in der Corona-Pandemie die Schulen vor der riesigen Aufgabe standen, digitalen Unterricht anzubieten, haben sich bei Porsche gleich zwei Initiativen entwickelt: Erstens ist die Porsche Consulting mit dem Programm „Digitalturbo“ pro bono gestartet, weil sie sehr erfahren bei der Digitalisierung ist. Und Geschwindigkeit und Transformation sind unsere Themen. Zweitens kam Mattias Ulbrich, unser Chef der Porsche IT, auf die tolle Idee, ein Freiwilligen-Programm aufzuziehen.

Mattias Ulbrich: Ja, ich bin im Februar auf die Mitarbeiter der Porsche IT zugegangen und habe ehrenamtliche Helfer gesucht. Der Zuspruch auf meinen Aufruf war riesig: Mehr als 180 Freiwillige haben sich gemeldet. Damit waren die „Digital School Volunteers“ geboren. Diese sind dann auf die Schulen ihrer Kinder zugegangen, um dort aktive freiwillige Unterstützung anzubieten.

Sie hatten drei Schultypen klassifiziert – „analoge Nachzügler“, „engagierte Aufbauer“ und „konsequente Aufholjäger“ kamen für die Förderung in Betracht. Hat sich die Gewichtung bewährt?

Mattias Ulbrich: Uns war klar, dass es keinen Masterplan geben kann, der auf alle Schulen passt. Stattdessen haben wir mit den Schulen gemeinsam individuelle Modelle erarbeitet, die Kenntnisstand, Ausstattung und Schulart berücksichtigt haben. Es gibt Schulen, die mit der Digitalisierung unterschiedlich umgehen. So sind etwa im ländlichen Bereich andere Herausforderungen zu bewältigen, zum Beispiel schlechte Anbindung und Netzausbau. Aber auch die Lehrkräfte sind unterschiedlich aufgestellt: Manche Schulen haben den Medienentwicklungsplan umgesetzt – bei anderen sind die Lehrkräfte nur sehr langsam mit den neuen Medien warm geworden. Es gibt auch Schulen, da fehlt es einfach an Geld sowie Fachkräften, um sich auf das neue Zeitalter einzustellen.

Alle Schulleiter von einer digitalen Grundkompetenz überzeugen

Wie lange werden analoge Nachzügler brauchen, um einigermaßen mithalten zu können?

Lutz Meschke: Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an: Als Gesellschaft sollten wir uns nicht nur auf die Vorreiter-Einrichtungen verlassen, die bei Projekten wie unseren gerne mitmachen und sie aktiv mitgestalten. Nein, wir müssen alle Schulen mitnehmen. Insbesondere müssen wir auch jene Schulleiter überzeugen, die noch nicht erkennen, dass eine digitale Grundkompetenz zukunftsrelevant für alle Kinder ist. Denn auch in deren Klassenzimmern sitzen Kinder, die eine faire Chance verdient haben.

Bis zu zehn Tage konnten 15 Schulen von der Porsche Consulting beraten werden. Reicht das nach Ihren Erfahrungen?

Lutz Meschke: Die Porsche Consulting hat die zehn Tage nicht am Stück an jeder der Schulen verbracht, sondern verteilt über jeweils einige Wochen. In dieser Zeit kann man ein solides Fundament legen, auf dem die Schule dann aus eigener Kraft weitermacht.

Und die Porsche School Volunteers haben sehr vorsichtig geschätzt mehr als 500 ehrenamtliche Stunden in 200 Schulen eingebracht. Wir verstehen uns nicht als jemand, der einen Plan auf den Tisch knallt, ein bisschen Staub aufwirbelt und dann wieder geht. Unsere Projekte bauen immer darauf auf, gemeinsam mit allen Beteiligten passende Lösungen zu erarbeiten und sie zu befähigen, aus eigener Kraft weiter zu machen. Das Thema Empowerment ist Teil unserer sozialen gesellschaftlichen Vision. Ein Projekt von Porsche Consulting ist dann gelungen, wenn die Berater am Ende überflüssig sind, weil das Wissen vor Ort vorhanden ist.

Was passiert mit den 170 anderen Bewerbern?

Lutz Meschke: Leider können wir nicht alle interessierten Schulen mit gleicher Intensität beraten. Die Kollegen von Porsche Consulting haben aber an den 15 Schulen gelernt, dass es übergreifende Herausforderungen und Lösungsansätze gibt. Diese dokumentieren sie gerade, damit Schulen ihre Digitalisierung eigenständig weiter vorantreiben können. Ich glaube, den Kollegen von der Consulting ist es gelungen, das Thema Digitalisierung ein gutes Stück voran zu bringen. Jetzt geht es darum, dass die Schulen voneinander lernen – und an guten Beispielen geht das bekanntlich am besten. Zusätzlich fördert die Ferry-Porsche-Stiftung mit ihrem Spenden-Wettbewerb „Ferry Porsche Challenge“ 31 Schulen aus Baden-Württemberg und Sachsen. Die Gesamtfördersumme beträgt 1,2 Millionen Euro.

Auf dem Papier ist viel Geld da, aber es fehlt das Konzept

Was waren die wichtigsten Erfahrungen?

Mattias Ulbrich: Unseren Leuten hat es riesigen Spaß gemacht mit Lehrern und Schülern zu arbeiten, denn sie sind auf viele überaus motivierte und fähige Menschen gestoßen. In unserem Bildungssystem steckt viel Potenzial, das wir nur rauskitzeln müssen. Zu den Erfahrungen gehört aber auch, dass wir Schülerinnen und Schüler ausstatten konnten, die kein Endgerät zuhause hatten und somit sehr schwer am Homeschooling teilnehmen konnten.

Sie haben sich nach den Erfahrungen, die Sie gesammelt haben, kritisch über den Digitalpakt des Bundes und des Landes geäußert. Warum?

Lutz Meschke: Es herrscht leider noch zu viel Bürokratie. Die bewilligten Mittel kommen nur sehr langsam dort an, wo sie benötigt werden. Auf dem Papier ist viel Geld da, aber es fehlt das Konzept, das sicherstellt, dass die Hardware und das Know-how bei den Schülern ankommen.

Wo sehen Sie die größten Defizite?

Mattias Ulbrich: Der wichtigste Erfolgsfaktor ist eine klare Vision gepaart mit einem nachhaltigen Gesamtkonzept, das auch den Betrieb der digitalen Technik und die Kompetenzen von Lehrkräften sowie den nötigen Kulturwandel einbezieht.

Die Schulen gehen unterschiedlich mit den Herausforderungen um. Wichtig ist für mich, dass jeder Schüler mitgenommen wird und Einzelne nicht aufgrund sozialer Nachteile ausgeschlossen werden. Oft geht es nicht um einen Mangel an Ressourcen generell, sondern darum, dass Dinge nicht zusammenpassen. Nicht selten liegt es eher an der Software als an der Hardware oder es mangelt an simplen Dingen wie einem soliden Stativ für die Kamera, die den Lehrer filmt. Da das nicht digital ist, gibt es dafür oft keine Mittel. Zudem ist die inhaltliche Vermittlung eine große Herausforderung. Ein Lehrbuch als PDF-Datei zur Verfügung zu stellen, nutzt die Chancen des digitalen Lernens pädagogisch nicht aus. Viele Lehrkräfte mussten hier individuell aktiv werden.

Wie ließe sich aus Ihrer Sicht die Digitalisierung an den Schulen verbessern?

Lutz Meschke: Generell gesagt, müssen wir endlich viel mehr Geld in die Hand nehmen und die Fragmentierung der Systeme zwischen den Schulen, den Kommunen, Landkreisen und Ländern prozessual in den Griff bekommen. Bildung ist einer der wenigen Rohstoffe, den wir in Deutschland haben. Und wir lassen ihn sehenden Auges darben. Mattias kann davon ein Lied singen: Die Porsche IT sucht die fähigsten Frauen und Männer, um für unsere Sportwagen eine coole Software und andere digitale Produkte zu programmieren. Wir haben einen Riesenbedarf. Aber wir finden nicht genügend gut ausgebildeten Nachwuchs an unseren deutschen Standorten. Und nochmals: das betrifft in Zukunft alle Berufszweige.

Mattias Ulbrich: Auch deshalb müssen wir entschlossen den Ausbau der Infrastruktur anpacken. Wir brauchen die bundesweite Abdeckung mit einem schnellen Netz. Für die Schulen gilt: Wir müssen alle Ressourcen bündeln und alle Betroffenen einbeziehen, sie am Prozess teilhaben lassen – also Lehrer, Eltern, Fördervereine, Schulträger, Landesregierungen. Und nicht zu vergessen die Schüler.

Schulen brauchen eine IT-Abteilung

Wie viel Offenheit sehen Sie dafür auf Seiten der Landesregierung?

Lutz Meschke: Die Offenheit der Landesregierung ist sicherlich sehr groß. Die Attraktivität Deutschlands als erfolgreicher Wirtschaftsstandort ist maßgeblich von der Digitalisierung und deren Geschwindigkeit abhängig. Das gilt auch und vor allem für Baden-Württemberg. Das weiß auch die Landesregierung. Dennoch könnte es in vielen Dingen schneller vorangehen.

Wofür sollten die Mittel des Digitalpaktes nach Ihrer Erfahrung am dringendsten genutzt werden?

Mattias Ulbrich: Natürlich brauchen alle Schüler einen Zugang zu digitalen Endgeräten – in welcher Form auch immer. Wichtiger wäre es aber, nicht nur in Hardware zu investieren, sondern auch Mittel für den Betrieb der Technik vorzusehen. Auch Schulen brauchen eine IT-Abteilung, die Software, WLAN und Server für hunderte oder sogar tausende Nutzer bereitstellt und pflegt.

Stimmt die Prioritätensetzung in der Schulpolitik?

Lutz Meschke: Wenn Sie mich fragen: Nein. Wir brauchen einen Lehrplan, der auch die zukünftig relevanten Kompetenzen abdeckt. Ganz konkret sind das DigitaIisierung und Programmieren, Innovationen und auch Wirtschaftskompetenz. Schauen Sie in die baltischen Staaten. Die machen uns vor, wie digital Verwaltung und Schulbildung sein können. Deutschland fehlt hier ein umfassendes Konzept mit klaren Vorgaben für jede Schule: Diese Hardware und jene Software müssen zur Verfügung stehen, WLAN ist Pflicht, die Wartung muss sichergestellt sein. Eine ambitionierte Grundausstattung sollte einfach vorgegeben sein. Und die pädagogischen Chancen des digitalen Lernens müssen in die Breite getragen werden. Das kann nur die Politik, Bildung liegt zurecht in der staatlichen Verantwortung.

Manche Kinder werden ausgebildet wie vor 50 Jahren

Die Steuereinnahmen werden in den kommenden Jahren mutmaßlich nicht mehr steigen – welche Realisierungschance sehen Sie für Ihre Forderungen?

Lutz Meschke: Da stellen Sie eine sehr wichtige Frage. Ich bin überzeugt: Derartig wichtige Investitionen kann man nicht aussetzen, die müssen auch in schwierigen Zeiten getätigt werden. Denn die Investitionen von heute sind die Steuereinnahmen von morgen. Sicherlich sind in solchen Zeiten auch die Fördervereine, Schulträger und die Wirtschaft gefordert, um bessere Voraussetzungen zu schaffen und Vorbild zu sein. Hier kann ich nur an alle Unternehmen und Bürger appellieren, mitzumachen.

Porsche ist vorangegangen – wie viel private Initiative sehen Sie sonst, die Digitalisierung an baden-württembergischen Schulen voranzutreiben?

Lutz Meschke: Lassen Sie es mich positiv formulieren: Wir haben hier ein großes Potenzial in der Wirtschaft, das wir schleunigst heben sollten. Andernfalls werden wir in nicht mehr allzu ferner Zukunft abgehängt von anderen Ländern, die Jahr für Jahr Milliarden in die Bildung ihrer Kinder investieren. Unsere Kinder sind unsere Zukunft, wir sollten da viel mehr machen. Kinder werden hierzulande mancherorts noch genauso ausgebildet wie vor 50 Jahren. Mit Kreide-Tafeln und Kopien. Damit bringen wir ihnen aber nicht bei, eine Präsentation mit digitalen Medien zu halten.

Turbo für den Unterricht: Wie Porsche Schulen berät und fördert

Digitalturbo
 Schnelle Hilfe bei der Digitalisierung an Schulen will die kostenfreie Initiative „Turbo für den digitalen Unterricht“ leisten. Mit zehn Beratertagen haben Experten der Porsche Consulting GmbH Schulen bei der Ausarbeitung folgender Schwerpunktthemen unterstützt: Aufstellung eines Strategieplans, Erarbeitung eines Konzepts zur Steigerung der Digitalkompetenzen und Aufbau eines Hybridunterrichts, bei dem ein Teil der Schüler im Klassenzimmer sitzt und der andere zugeschaltet ist. Für die Beratung haben sich 183 Schulen aus Sachsen und Baden-Württemberg beworben, 15 wurden ausgewählt.

Finanzchef
 Lutz Meschke (55) ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Vorstand für Finanzen und IT der Porsche AG. Er sitzt auch in der Jury der Ferry-Porsche-Challenge. Mit diesem Wettbewerb wurden in diesem Jahr Digitalisierungsprojekte an 31 Schulen in Baden-Württemberg und Sachsen mit 1,2 Millionen Euro gefördert.

Digitalchef
 Mattias Ulbrich (54) ist als CIO der Porsche AG zuständig für die Informations- und Telekommunikationstechnologie. Zugleich ist er Sprecher der Porsche Digital GmbH.