Das E-Rezept wird in Apotheken eingeführt. Foto: dpa/Jens Kalaene

Praxisärzte, Kliniken und Apotheken müssen auf einen Blick erkennen können, wie es einem Patienten geht. Daher muss die elektronische Krankenakte her, kommentiert Bernhard Walker.

Anstelle von jährlich 500 Millionen Papierrezepten gibt es nun das E-Rezept – also die Lösung, die im Zeitalter der Digitalisierung schlicht besser und zugleich ein höchst willkommener Lichtblick ist. Denn bisher war die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens ein einziges Trauerspiel. Sie hat die Kassenversicherten viel Geld gekostet und trotzdem keinerlei konkreten Nutzen gebracht.

 

Wie sagte der Kanzler aus gutem Grund? Die elektronische Krankenakte sei ein technologisch anspruchsvolles Projekt, das aber dazu beitragen könne, „kostenaufwendige Doppel- und Mehrfachversorgung zu vermeiden und auf diese Weise die Qualität von Behandlungen zu erhöhen“. Der Kanzler hieß übrigens Gerhard Schröder, und das Zitat stammt vom März 2003. Gut 20 Jahre später haben die allermeisten die Krankenakte noch immer nicht. Umso besser, dass die Ampel der elektronischen Patientenakte zum Durchbruch verhelfen will. Ab 2025 soll jede und jeder eine haben, sofern er oder sie dem nicht ausdrücklich widerspricht. Das E-Rezept ist also nur eine Facette, wenn es um eine gelungene Digitalisierung geht. Das Ziel muss sein, dass Deutschland nicht länger Staaten wie Finnland hinterherhinkt, wo längst Alltag ist, was technisch machbar und für die Versorgung enorm wichtig ist. Sprich: Es muss gelingen, dass Praxisärzte, Kliniken, Apotheken und andere auf einen Blick erkennen können, wie es einem Patienten geht. Das ist enorm wertvoll, wenn jemand beispielsweise am Wochenende akut schwer erkrankt und in eine Notfallpraxis geht. Welche Krankengeschichte hat der Patient? Welche Medikamente nimmt er ein? Gab es dabei vielleicht riskante Wechselwirkungen? Liegen aktuelle Laborwerte oder andere Untersuchungsergebnisse wie MRT- oder Röntgenbilder vor? Darüber gibt die Akte zentral und schnell Auskunft, was sie übrigens auch außerhalb des Notdiensts zwingend macht.

Der Datenschutz steht dem keineswegs entgegen

Denn heute ist es ja oft so, dass Ärzte und die Praxis- und Klinikteams Stunden damit verbringen, die nötigen Unterlagen und Informationen zusammenzutragen. Bisher hat noch niemand erforscht, wie viel Arbeitszeit dafür draufgeht. Es dürften jährlich Millionen Stunden sein. So sinnlos und verschwenderisch mit einer kostbaren Ressource umzugehen, ist spätestens dann ein Irrsinn, wenn es anders geht, sprich: wenn eine E-Akte die Informationen sammelt.

Der Datenschutz steht dem keineswegs entgegen. Finnland und andere Staaten, die die Chancen der Digitalisierung genutzt haben, sind EU-Mitglieder und beachten selbstverständlich die entsprechenden EU-Datenschutzregeln. Die eigentliche Hürde liegt vielmehr an einer anderen Stelle. Und die heißt ganz banal: Alltag. Damit eine E-Akte wirkt, muss etwas in ihr drin sein – und zwar idealerweise alle Angaben über einen Patienten. Die Akte werden Ärzte, Kliniken und andere Akteure im Gesundheitswesen aber nur dann konsequent befüllen, wenn dies ohne großen zusätzlichen Arbeitsaufwand geht – wenn also das, was sie eh in ihren Unterlagen über einen Kranken notieren, automatisch auch in dessen Akte landet.

Ärzte sparen Zeit, Geld und Nerven

Zugegeben: Das klingt ein bisschen technisch – ist aber der springende Punkt. Denn viele Gesundheitsberufler sind digitalisierungsmüde – auch wenn diese Neuerung mit dem E-Rezept jetzt erst wirklich an Fahrt gewinnt.

Davor jedoch gab es in den Jahren seit Schröders Rede reichlich Pannen und Verzögerungen, die viele Ärzte einiges an Zeit, Nerven und Geld gekostet hat. Sie werden sich auf den Wandel also nur einlassen, wenn er dieses Mal wirklich funktioniert. Dabei bietet er für beide riesige Chancen. Bleibt es den Medizinern erspart, Unterlagen zusammensuchen zu müssen, haben sie mehr Zeit für die Patienten. Das ist eine Win-win-Situation, wie es neudeutsch heißt, die Deutschland endlich erreichen muss.