Eines der Angebote: Erkunden, was sich im unmittelbaren Umfeld in der NS-Zeit ereignet hat. Foto: /Arolsen Archives

Die interaktive Digital-Plattform „Und heute?“ will das Wissen über die NS-Geschichte mit der Gegenwart auf fast spielerische Art verbinden und so die Demokratie stärken.

Erst jüngst hat die aktuelle Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024 “ Beunruhigendes zutage gefördert: Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene favorisieren rechtsextreme Parteien. Die Forscher sehen die zunehmende Verunsicherung angesichts der aktuellen Weltlage als Grund dieses Rechtsrucks. Dazu kommt, dass die dominierende Informationsquelle für junge Menschen soziale Medien sind.

Zugänge zur Geschichte schaffen

Die Arolsen Archives gehen nun mit einem außerschulischen digitalen Bildungsangebot an den Start, das Jugendliche genau dort abholen will, wo sie von rechten Parteien umworben werden. Im digitalen Raum nämlich. „Und heute?“ (www.undheute.org) heißt die Plattform, welche die Verbindung zwischen NS-Geschichte und Gegenwart niederschwellig herstellen will. Das geschieht konsequenterweise interaktiv. Die in der gleichnamigen hessischen Stadt gelegenen Arolsen Archives, früher bekannt als Internationaler Suchdienst mit Informationen zu 17,5 Millionen Menschen, wissen aus ihrer Arbeit, „dass sich junge Menschen sehr für die NS-Geschichte interessieren“, sagt deren Direktorin Floriane Azoulay. „Wir wollen Zugänge zur Geschichte schaffen und damit die Demokratie stärken“, formuliert sie den Anspruch ihrer Institution. Obwohl für den außerschulischen Bereich konzipiert, biete sich die Plattform auch für Projektwochen in Schulen oder für Vertretungsstunden an, da einige Formate auf 45 Minuten ausgelegt sind. Das macht das Angebot auch attraktiv für Lehrkräfte. Entwickelt wurde das Angebot in den vergangenen zwei Jahren für Jugendliche der neunten Gesamtschulklasse bis hin zu Abiturienten.

Dafür setzt man in Arolsen auf dieser kostenlosen Plattform, die kontinuierlich weiterergänzt wird, auf eine Mischung aus Informationen, Selbermachen, Entdeckungen im eigenen Alltag und daraus resultierende Fragen wie beispielsweise: Wie würde ich mich heute selbst verhalten? Oder: Wie sähe die Welt für mich aus, hätte ich keinen deutschen Pass? Präsentiert wird alles von jungen Moderatorinnen und Moderatoren.

Konkret sieht das so aus: „Landschaft der Verbrechen“ etwa heißt eines der Angebote. Die User begleiten eine Jugendliche bei ihrer Recherche in ihrem unmittelbaren Umfeld im thüringischen Ohrdruf. Dort befand sich eines der vielen KZ-Außenlager. Fast spurlos ist es in der Landschaft mit idyllischem Vogelgezwitscher aufgegangen. Doch im Video sind viele Zusatzinformationen hinterlegt, die sich anklicken lassen. Die Massengräber von 1944/45 mit Häftlingen etwa werden durch historische Fotos dokumentiert, die amerikanische Soldaten nach der Befreiung des Lagers gemacht haben, um die nationalsozialistischen Verbrechen festzuhalten.

Es gibt zudem weitere sogenannte Minigames, in denen man sich etwa selbst einen Pass mit neuer Nationalität ausstellen kann. So erfährt man, dass Afghanistan auf Platz 169 von 191 bei der Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen Leben liegt.

Wie sie Antisemitismus im täglichen Leben erleben und was sich in letzter Zeit verändert hat, berichten junge Jüdinnen und Juden in einem weiteren Angebot namens „Zuhören“. Wie sicher und frei in ihren Lebensentwürfen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland fühlen, kann man unter der Rubrik „ZusammenLeben“ erfahren. In einem Quiz können User ihre Migrationskenntnisse testen. Alles in allem Bausteine zum besseren Verständnis der Gegenwart und zum gegenseitigen Respekt.

So funktioniert die Plattform

Infos
Unter der Internetadresse https://undheute.org ist auch ein Handbuch für die Nutzung der Plattform hinterlegt. Außerdem bieten die Arolsen Archives jeden ersten Donnerstag im Monat, 16.30 Uhr, in Form eines Zoomcalls ein Beratungsangebot, das sich an Lehrkräfte richtet.