Sie rüttelte Eltern und Lehrer mit ihrem Vortrag auf: Saskia Nakari in der Aula der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule. Foto: Gabriele Hauger

Das Unbehagen rund um die Smartphone-Nutzung Jugendlicher wächst. Welche Gefahren lauern dort auf unsere Kinder? Wie können wir sie schützen? Saskia Nakari gab in Lörrach Tipps.

Das Thema scheint allgegenwärtig: Gefahren im digitalen Raum – insbesondere für Kinder und Jugendliche.

 

Eine RTL-Doku sorgte jüngst für große Aufmerksamkeit – deutschlandweit. Darin wurde offenbart, wie gefährdet junge Menschen im digitalen Raum sind. Die Doku trägt den Titel „Angriff auf unsere Kinder – Der Feind im Chat“. Sie thematisiert digitale sexuelle Gewalt an Kindern und wie Täter über Apps wie Snapchat Kontakt zu Minderjährigen aufnehmen. Für das Experiment hat eine Schauspielerin sich als Zwölfjährige ausgegeben und drei Tage lang mit Unbekannten gechattet, um die Mechanismen von Cybergrooming aufzudecken. Sofort kamen Anfragen von Männern, oft mit sexuellem Inhalt. Im Rahmen der Recherche wurden 17 Anzeigen erstattet.

Erschütternde Doku über Missbrauch in Chats

An der erschütternden Doku mitgewirkt hat Saskia Nakari. Die Mutter zweier Teenager-Jungs ist Expertin: Sie ist Diplom Medienpädagogin. Seit 2011 ist sie am Landesmedienzentrum, seit 2017 Referentin für Jugendmedienschutz am Stadtmedienzentrum Stuttgart. Sie weiß, praxisnah zu berichten.

Der Vortrag in der Aula der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule kam auf Mit-Initiative der Villa Schöpflin und des Kreismedienzentrums zustande. Titel des Abends: „Grenzüberschreitungen im digitalen Raum – Wie erkennen wir Cybergrooming, digitale Gewalt oder andere Grenzüberschreitungen im Netz – und wie können wir Kinder und Jugendliche davor schützen?“ 

Stets am Handy Foto: Pixabay/Pexels

Lehrer sind als Multiplikatoren gefragt

Gekommen waren vor allem Eltern sowie Lehrkräfte, die Initiatoren hätten sich gerne eine noch vollere Aula gewünscht, so wichtig sei das das Thema, lautete der allgemeine Tenor. Aber: Gerade die Lehrer könnten gut als Multiplikatoren agieren.

Denn das Thema brennt auf den Nägeln. Saskia Nakari stellte die experimentelle Doku an den Beginn des Abends. „Wir erlebten hier Grenzüberschreitungen in jeder Form“, so die ernüchternde Erkenntnis.

Ekelhafte Inhalte an Zwölfjährige geschickt

Kaum mit ihrem vermeintlichen Profil online, wird eine „Zwölfjährige“ hundertfach angeschrieben, mit sexuellen Avancen, mit ekelhaften Inhalten.

Nakari empfiehlt dennoch: Reine Verbote digitaler Nutzung sind keine Lösung. Aber: Man muss mit den Kindern reden, sie aufklären, sie warnen. Dazu brauche es unbedingt die Eltern. Die aber geben oft entnervt auf, scheuen die Konflikte. Ein Fehler.

Was in der Pubertät passiert

In der Pubertät gehe es um Identitätsfindung, Gruppenzugehörigkeit, die notwendige Abgrenzung von den Eltern, die Veränderungen des Körpers. In der Vor-Internet-Zeit wurden all diese Bedürfnisse offline befriedigt. Nun aber laufe die Zugehörigkeit über soziale Netzwerke, die Identität über Community-Zugehörigkeit, die Anerkennung über Likes und Follower, Sexualität oft über Flirts im Internet. „Das zu verbieten, funktioniert nicht. Aber Sie können ihren Kindern Tipps geben.“ Dazu gehört die FANTA-Regel: Niemals beim Chatten mit Unbekannten Fotos, Alter, Name, Telefonnummer oder Adresse herausgeben.

Sollte das Kind doch in eine Falle getappt sein, sei es wichtig, Ruhe zu bewahren, das Kind aufzufangen, lösungsorientiert zu sein. Zum Beispiel, wenn ein Mädchen doch ein Nackt-Foto an einen vermeintlichen Freund geschickt hat und dieser es weiter versendet oder sie mit dessen Veröffentlichung erpresst. „Über KI wird da leider immer mehr möglich.“

Digitale Zivilcourage wird gefordert

Ihr Anliegen: „Wir brauchen mehr digitale Zivilcourage!“ Wenn beispielsweise im Klassenchat eklige Bilder versendet werden, gelte es, klar seine Abneigung hineinzuschreiben oder den Chat zu verlassen. Zur Vorsicht mahnt sie bei der Speicherung kinderpornografischer Fotos als Beweismittel. Im Zweifelsfall sollten sich Eltern direkt an die Polizei wenden. „Versuchen Sie, in solchen Situationen, starke Ansprechpartner für Ihre Kinder zu sein“, so ihr Appell. „Bloß kein Victim Blaming“, das heißt, niemals dem Opfer Mitschuld zu geben nach dem Motto „Wieso hast du nur..?“

Minderjährige werden subtil ausgefragt

Saskia Nakari gab Beispiele, wie perfide die Täter vorgehen, wie subtil Kinder ausgefragt, manipuliert und dann im schlimmsten Fall bedroht und zu sexuellen Handlungen vor der Kamera gezwungen werden. Überall sei Manipulation möglich: bei Snapchat, Instagram, Roblox, sogar Ebay, „eben überall da, wo die Kids sich bewegen.“

Saskia Nakari moderiert auch den Podcast „School crime“. Darin wird regelmäßig anonymisiert über reale Fälle geredet. Die Handlungsweise wird analysiert, Tipps gegeben. Fallbeispiele sind verunglimpfte Lehrer, Fotos auf dem Schulklo oder Gewaltvideos.

Immer jünger werden die Smartphone-Nutzer. Foto: Pixabay/ Mirkosajkov

Daniel Ott von der Schöpfin-Stiftung ergänzte den Vortag, indem er die Gefahr des Gamings herausstellte, das Jugendliche in finanzielle Nöte bringen könne. „Eltern sind die größten Gegner von Insta“, so sein Appell, den eigenen Kindern mehr Zeit zu widmen. Und auch er warnte vor der Perfidität der Täter im Netz und wie diese versuchten, an Fotos und Informationen zu kommen: „Sie bitten, betteln, schleimen und erpressen.“ Mittlerweile sei der Smartphone-Konsum bereits in Kindergärten Thema.

Wo man Hilfe findet

Mut machte er durch den Hinweis auf ein sehr gutes hilfreiches Netzwerk in Lörrach. All diese Stellen unterliegen der Schweigepflicht und sind kostenlos: von der Villa Schöpflin, über die Psychologische Beratungsstelle, die Frauenberatungsstelle, das Kreisjugendreferat und viele mehr. Saskia Nakari hatte zuvor auf Info-Portale wie Klicksafe oder #und Du aufmerksam gemacht.

Wussten Sie, dass...

Kinder
ihr Smartphone durchschnittlich 200 Mal am Tag entsperren, das heißt alle fünf Minuten. 

Jugendliche
auch des Internets überdrüssig sind: 68 Prozent bezeichnen es als Zeitfresser.

Jugendliche
 bis zum Alter von 20 Jahren ihre Bedürfnisse nach dem Lustprinzip befriedigen, Selbstregulierung beim Handykonsum also nicht funktioniert.