Medienbildung muss bereits bei den Kleinsten ansetzen, sagen Bildungsexperten. Foto: Edurino

Die Corona-Pandemie hat große Mängel im deutschen Bildungssystem offenbart. Für Vorschulkinder gilt das verstärkt. Medienbildung müsse bereits bei den Kleinsten ansetzen, sagt Wolfgang Kreißig, Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg.

Unternehmensgründerin Irene Klemm aktiviert auf ihrem Smartphone die Edurino-App und stellt Juki darauf ab. Das ist eine daumengroße Katzenfigur, die jetzt eine Lernspielwelt öffnet. Juki ist für Kreativität und Malen zuständig. Die Figur animiert mittels Spezialstift zum Nachzeichnen von Katzenohren also Zackenlinien, wie man das ähnlich von analogen Malbüchern her kennt. „Aber das Digitale birgt Möglichkeiten, die wir vom Analogen her nicht kennen“, findet Klemm. Ein Hingucker ist die Lern-App fraglos. Sie soll gegen die Schwächen digitaler Bildung ankämpfen, an denen Deutschland vor allem bei den Kleinsten krankt. Deshalb haben die Wahlmünchnerin und Mitgründerin Franziska Meyer 2021 das Start-up Edurino gegründet.

 
Franziska Meyer (li.) und Irene Klemm haben das Bildungs-Startup „Edurino“ gegründet Foto: Edurino

Eigentlich hatten die beiden Frauen als Unternehmensberaterinnen der Boston Consulting Group (BCG) einen gut bezahlten Job, den man nicht unbedacht kündigt. Dann kam Corona und offenbarte im deutschen Bildungssystem gravierende Schwächen. „Lehrkräfte haben mit dem Fahrrad Lernmaterial zu ihren Kindern gebracht, während in anderen Ländern digitale Plattformen zur Verfügung standen und You Tube-Kanäle eingeführt wurden“, erinnert sich Klemm. Pädagogisch vorgebildet seien sie und Meyer zwar nicht gewesen. Aber durch Mitarbeit in BCG-Bildungsinitiativen war klar, dass der Schuh vor allem bei digitaler Bildung im Vorschulalter drückt.

„Im frühkindlichen Bereich sind Eltern oft auf sich allein gestellt“, sagt die 32-jährige Gründerin. Wlan oder Tablets gebe es in den wenigsten der rund 60 000 deutschen Kindergärten und Kitas, wogegen etwa in Großbritannien dort Vollversorgung herrsche. Zugleich verfügt nach einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest in Stuttgart heute jedes fünfte Kind zwischen zwei und fünf Jahren in Deutschland über ein eigenes Tablet.

In jungen Jahren werde eine problematische digitale Nutzung sozialisiert

„Realität ist, dass das vor allem zu passiver Bildschirmzeit genutzt wird, um Fotos oder Videos zu schauen“, bedauert Klemm. Schon in jungen Jahren werde eine problematische digitale Nutzung sozialisiert, die später in der Schule nur schwer aus den Köpfen zu verdrängen sei. Edurino steuere mit aktiver Beschäftigung dagegen. Mit ihrer Fehleranalyse ist die Gründerin nicht allein.

So fordern Verbände wie Bitkom und Didacta oder Bildungsexperten einen deutschen Digitalpakt Kita, um die Defizite zu beheben. Angesichts Erzieherinnenmangel biete Digitalisierung eine riesige Chance, wirbt Bitkom. Kitas lägen das Fundament für erfolgreiche Bildungskarrieren, betont die Stiftung Kinder forschen. „Medien sind für Kleinkinder heute fester Bestandteil ihres Alltags“, erklärt Wolfgang Kreißig als Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg. Damit sei klar, dass auch Medienbildung bereits bei den Kleinsten ansetzen müsse.

Wirklich in Sicht ist ein solcher Digitalpakt Kita staatlicherseits nicht, was den Erfolg von Edurino mit erklärt. Rund eine Million Produkte, der auf 15 Figuren und damit ebenso vielen Lerninhalten angewachsenen App habe man seit Ende 2021 verkauft, bilanziert Klemm. „Im Bereich Vorschule sind wir damit die wohl meistverkaufte Lernapp im deutschsprachigen Raum“, sagt die gebürtige Bonnerin. Zweistellige Millionenumsätze bringe das mit sich, die sich zuletzt jährlich mehr als verdoppelt hätten. 2023 haben sich die Gründerinnen erfolgreich nach Großbritannien und damit an die englische Sprache gewagt. Finanziert wird das Wachstum durch Wagniskapitalgeber wie DN Capital und Tengelmann Ventures oder an Bildung interessierten Privatpersonen wie Verena Pausder, die bislang 14,5 Millionen Euro in das Münchner Start-up gesteckt haben.

Ein halbes Dutzend Partner-Kitas

An dessen App-Entwicklung seien nicht nur Eltern, sondern auch Pädagoginnen und Pädagogen sowie bundesweit ein halbes Dutzend Partner-Kitas beteiligt, betont Klemm. Edurino kooperiert mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. In rund 1500 Bildungseinrichtungen ist die App im Einsatz. Die Bonnerin verweist auf diverse errungene Preise für Kindersoftware. Besonders stolz ist sie auf eine Nominierung zum deutschen Gründerpreis und den Pädagogischen Medienpreis 2024.

Bildungswissenschaftlerin Helen Knauf von der Hochschule Bielefeld ist dennoch kritisch, was Lernapps für Vorschulkinder angeht. Die auf Bildung und Sozialisation spezialisierte Professorin findet es wichtiger, dass Eltern sich persönlich um ihren Nachwuchs kümmern, ihm vorlesen und mit Gleichaltrigen in Kontakt bringen. Verteufeln will sie Edurino aber nicht. „Das ist erst einmal positiv zu beurteilen und kann Lernprozesse, die sowieso stattfinden, unterstützen“, sagt die Expertin. Aber Lernapps würden auch an Elternängste anknüpfen, ihre Kinder seien nicht gut genug auf die Schule vorbereitet. Einen Digitalpakt Kita fordert ebenfalls sie dringend.

Klemm verweist auf die Realitäten des Lebensalltags. Oft seien Eltern überlastet, gerade wenn beide einem Beruf nachgehen. „Es ist ein Irrglaube, es allein dem Elternhaus überlassen zu können“, sagt die Jungunternehmerin, die seit fünf Monaten selbst einen Sohn hat. Im Digitalen sieht sie aber auch nicht den alleinigen Heilsbringer. „Idealerweise brauchen wir einen hybriden Ansatz“, sagt Klemm und meint damit digitale Lernapps sowie analoges Lernen mit Hilfe von Eltern, Pädagogen und Pädagoginnen sowie anderen Kindern.

Die beiden Betriebswirtinnen und Ex-Unternehmensberaterinnen Irene Klemm und Franziska Meyer haben Edurino 2021 in München mit Schwerpunkt auf digitales Lernen im Vorschulbereich gegründet. Vor allem in diesem Alter sind staatliche Angebote in Deutschland Mangelware. Im Digitalpakt Schule, der nach den Corona-Erfahrungen geschmiedet wurde, ist der Vorschulbereich nicht enthalten. Damit zielt Edurino mit heute rund 100 Beschäftigten auf eine weitgehende Marktlücke.

Das Portfolio umfasst bislang 15 Figuren, von denen jede für einen eigenen Lerninhalt steht. Adaptiv an die Lernstärke der Kinder angepasst wird damit spielerisch klassisches Schulverständnis wie Lesen und Schreiben, logisches Denken, Kreativität oder Zahlen vorbereitet. Die App ist kostenlos. Eine Figur kostet 25 Euro, das Startset, bestehend aus einer Figur und ergonomischem Eingabestift 45 Euro. Die Nutzungsdauer ist auf 20 Minuten beschränkt. Danach versetzt sich die App nach Vorwarnung in einen Schlafmodus. tmh