Die Stadt Balingen muss wie alle Kommunen eine digitale Barrierefreiheit auf den städtischen Internetseiten ermöglichen. Wie das gelingt, erklärt Hermann Oehrle.
Barrierefreies Internet bedeutet, dass eine Internetseite für jeden Benutzer lesbar und bedienbar ist“, gibt einem ein futuristisch anmutender Avatar auf der Homepage der Stadt Balingen zu verstehen – in Gebärdensprache. Dieses und weitere Tools sorgen dafür, dass sich Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Sprachproblemen sowie Seh- und Hörbeeinträchtigungen auf Balingens Internetseiten zurechtfinden. Wir haben mit dem Kopf hinter diesen digitalen Hilfen gesprochen.
Hermann Oehrle arbeitet bereits sieben Jahre für die Stadt Balingen. Seit 2020 kümmert er sich um die digitale Barrierefreiheit auf den städtischen Internetauftritten – seit der Gesetzgeber diese offiziell vorschreibt. Wer nun glaubt, dass dieses gewaltige Update in einem Aufwasch erledigt wurde, der irrt gewaltig.
„Seit 2020 erweitern wir diese Barrierefreiheit regelmäßig. Es handelt sich hier um einen laufenden Prozess, der noch weit in die Zukunft reichen wird“, sagt der 54-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion.
Personen, die nicht auf sogenannte leichte Sprache, Gebärdensprache oder Bedienhilfen angewiesen sind, werden die entsprechenden Reiter ganz oben auf der Homepage womöglich noch gar nicht entdeckt haben. Auf diese geklickt, erscheinen entweder ein umfassendes Bedienhilfenmenü, Infos rund um die Spracherleichterung oder der geschlechtsneutrale Avatar namens „Livian“.
Diese „Person“ mit Kurzhaarschnitt und dunklem Hemd erklärt in Gebärdensprache Allgemeines zum Thema Barrierefreiheit auf der Seite, die Navigation und einige weitere nützliche Aspekte, „die weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen“, erklärt Oehrle stolz.
Der gelernte Industriemechaniker und erfahrene Informatik-Quereinsteiger kann „Livian“ schnell und einfach die verschiedensten Dinge erklären lassen. Das spart Zeit und vor allem Geld. Die Alternative, die Videos mit echten Gebärdensprachdolmetschern aufzunehmen, habe man damals direkt verworfen, da die Kosten für die Kommune immens gewesen wären. „Die Videos müssen nämlich regelmäßig aktualisiert werden“, so Oehrle.
„Livian“ kann bislang viele vorgefertigte Textbausteine wiedergeben, nicht aber jeden beliebigen Text übersetzen. Irgendwann, da ist sich Oehrle sicher, sei das bestimmt möglich. Allerdings müssen aktuell neben Hörgeschädigten, die nicht lesen können, noch viele weitere Zielgruppen bedient werden.
So können sehbehinderte Menschen auf ein einfaches Menü auf der Homepage zurückgreifen, das ganz banale Dinge wie die Schriftgröße auf Wunsch vergrößern kann. „Zudem steht den Nutzern ein Kontrastmodus zur Verfügung, diverse Farbfilter können aktiviert werden und eine Vorlesefunktion ist ebenfalls vorhanden.“
Noch viel zu tun
Die Homepage balingen.de befindet sich laut dem ITler auf dem am weitesten fortgeschrittenen Stand. Allerdings existieren noch 20 bis 30 weitere Homepages, die betreut und barrierefrei geschaltet werden müssen. „Dazu zählen die ganzen Internetseiten der Schulen. Hinzu kommen städtische Zweige wie die VHS und die Mediothek“, sagt Stadtsprecher Dennis Schmidt.
Diese werden nach und nach upgedatet, bringen jedoch weitere Herausforderungen mit sich. „Die Schulen haben in den 90ern alle eigenständig über unterschiedliche Anbieter ihre Homepages errichtet. Diese werden von mir derzeit alle technisch zentralisiert“, so Oehrle.
Nur so sei es möglich, die entsprechenden Tools auf allen Schulseiten zu adaptieren und einzurichten. Langweilig wird dem ITler, der zudem auch für Datenschutz und Cybersicherheit zuständig ist, in nächster Zeit also nicht.
Rund 14.000 Euro pro Jahr gibt die Stadt hochgerechnet für die digitale Barrierefreiheit aus. Zu dieser gehört auch die sogenannte leichte Sprache. Auf Anfrage der Bürger kann Oehrle gewünschte Texte der Homepage auf leicht verständliche Sprache übersetzen lassen. Diese werden dann auf dem Sprachniveau A1 beziehungsweise A2 angezeigt und bieten etwa Menschen mit Migrationshintergrund eine wervolle Unterstützung.
Getestet werden die Tools von Menschen, die auf diese Hilfen angewiesen sind. Stadtsprecher Schmidt: „Wir haben eine Kooperation mit der Lebenshilfe. Wir sind sehr froh über das Feedback und den stetigen Austausch. Denn von dort erhalten wir den besten Einblick, was funktioniert und wo wir noch ansetzen müssen.“