Das Interesse der Bürger an einer Ortschaftsratssitzung ist rekordverdächtig, als in Böhringen über die mögliche Verfüllung im Gewann "Hinterm Hummelberg" informiert wird. Foto: Pfannes

Soll Gelände "Hinterm Hummelberg" aufgefüllt werden? Experte informiert in Sitzung. Mit Kommentar.

Dietingen-Böhringen - Das ist schon ein imposantes Bild: Etwa 100 Zuschauer verfolgen die Ortschaftsratssitzung in Böhringen, stellen Fragen, argumentieren, klatschen Beifall. Im Mittelpunkt des Interesses steht die mögliche Verfüllung im Gewann "Hinterm Hummelberg". Ein emotionaler Themenkomplex.

Die umfassenden Informationen zu einer Verfüllung, vor gut einem Jahr gestartet, gehen in eine weitere Runde. Dieses Mal steht Hans-Werner Schade, Bauingenieur und Bodengutachter vom Institut für Materialprüfung Dr. Schellenberg aus Leipheim, Rede und Antwort. Seine Botschaft, kurz zusammengefasst, lautet: "Es gibt kein Standsicherheitsproblem." Und mit Blick auf Starkregenereignisse: "Das Risiko ist gering, es ist überschaubar."

Für die Auffüllung sei eine Fläche von etwa 300 mal 340 Meter vorgesehen. Teilweise betrage die Auffüllhöhe in den "Tälern" zehn bis zwölf Meter. Genannt wird eine Menge von etwa 229.000 Kubikmetern oder 412.000 Tonnen mit Material aus dem Bauvorhaben Stuttgart 21, steiniges Material, das eine ähnliche Zusammensetzung wie der Boden bei Böhringen, also Gipskeuper, habe, so Schade.

Die Auffüllungen sollen in vier Abschnitten über die Bühne gehen: erst 43.000 Kubikmeter, dann 50 000, dann 11.000 und zuletzt 126.000. Dieses Vorgehen hängt mit den Zauneidechsen zusammen – eine bedrohte Tierart laut Dietingens Bürgermeister Frank Scholz –, die nach und nach umgesiedelt werden sollen. Drei Exemplare seien bei den Untersuchungen der Naturschutzbehörde gefunden worden, man gehe somit von 15 bis 18 Exemplaren aus.

Die größte Befürchtung, die zahlreiche Bürger vorbringen, betrifft das Wasser. Bei Starkregen würden dann größere Wassermassen Richtung Dorf strömen, meint zum Beispiel Kurt Bühler. Dies verneint der Bodengutachter. Und Hans-Werner Schade sagt auch: "Hangrutschungen schließe ich aus." Er sagt, dass eine Drainage gelegt werde. Und er bemerkt, dass nach der Verfüllung das Gelände flacher sei. Jetzt komme mehr Wasser runter, da es steiler sei.

Ein anderer Kritikpunkt betrifft das "Naturidyll". Jahrzehntelang habe man dieses Gebiet in Ruhe gelassen. Bei einer Verfüllung bleibe "die Natur auf der Strecke", meinen mehrere Bürger. Der Bürgermeister sagt, dass bis auf die Zauneidechse, die weichen müsse, nach der Verfüllung die Natur "besser als vorher" sei, eine "ökologisch wertvollere Fläche" entstehe. Jetzt sei "Hinterm Hummelberg" mit 1076 Ökopunkten vermerkt, hinterher werden es 1363 sein, so Scholz.

Einen weiteren Aspekt bringt Dominik Weißer an: "Die Lärmbelästigung für Anlieger ist nicht gesundheitsfördernd." Hans-Werner Schade merkt an, dass die Verfüllung über den Steinbruch der Firma Bantle kommen soll, sofern "Bantle" den Auftrag erhalte. Das Projekt müsse ausgeschrieben werden, teilt Ortsvorsteher Klaus Weisser mit. "Aufgrund der vorhandenen Infrastruktur im ›Bantle‹-Steinbruch wie Waage, Einfahrt, Maschinen und Reifenwaschanlage stehen die Chancen der Firma Bantle mit Sicherheit gut, bei der Ausschreibung der günstigste Bieter zu sein."

Bodengutachter: "Es gibt kein Standsicherheits-problem"

Und dann gibt es einige Fakten im Zusammenhang mit der gesamten Thematik. Der Gedanke, eine Verfüllung des Geländes prüfen zu lassen, sei im Zuge des Projekts Stuttgart 21 aufgekommen, als Standorte für die Ablagerung von Abraum gesucht worden seien, informiert der Ortsvorsteher. Die Firma Bantle sei an die Gemeinde diesbezüglich her­angetreten. Und weiter: "Aus den ersten Gesprächen mit dem Landratsamt ergab sich, dass eine Verfüllung nur in Verbindung mit dem Ausweis von technischen Anlagen genehmigt wird."

Diese seien ein neues Schuppenbaugebiet – derzeit gebe es laut Weisser einen Interessenten für einen Schuppen – und der Festplatz. Letzterer müsse wegen Gipsvorkommen möglicherweise verlegt werden. Bisher seien die Vereinsvertreter des TSV von einem Standort unterhalb des Kinderspielplatzes ausgegangen. Doch sie wissen auch, so Weisser, dass für eine komplette Verfüllung des Grundstücks der Ausweis einer Festwiese erforderlich sei.

Für die Verfüllung bekommt die Gemeinde Geld. Für den Bürgermeister "keineswegs" das wichtigste Argument dafür. "700.000 Euro" sind jedoch in vier Jahren kein Pappenstiel, findet zumindest ein Bürger, der das Projekt befürwortet. Ein anderer, der Gefahren befürchtet, spricht dagegen von einem "fast unmoralischen Angebot".

Fakt ist jedoch, dass die 700.000 Euro der Gesamtgemeinde zugute kommen sollen. Klaus Weisser: "Die Investitionen richteten sich bisher nach dem Bedarf und der Notwendigkeit. Und so soll es laut Bürgermeister Scholz auch bleiben." Allenfalls könnte sich der Bürgermei­ster, so Weisser, vorstellen, die Einnahmen in den allgemeinen Hochwasserschutz für die Gesamtgemeinde zu investieren. An den Kosten für eine mögliche Autobahn-Behelfsausfahrt auf Höhe des Parkplatzes Harthausen werde sich die Gemeinde nicht beteiligen, betont der Bürgermeister.

Scholz selber merkt außerdem an, dass im Falle "Hinterm Hummelberg" der Gemeinderat entscheiden könne. Anders sei es bei Verfüllungen von Steinbrüchen mit Rekultivierungsverpflichtungen. Wie jener in Dietingen. Doch dieser ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eine andere Baustelle.

Wie geht es nun weiter? Bis auf Ortsvorsteher Klaus Weisser, der sagt, dass er für seine Person einer Verfüllung nur zustimmen könne, sofern die breite Mehrheit der Bürgerschaft hinter einer Verfüllung stehe, gibt es an diesem Abend des Meinungsaustausches und der Information keine klare Aussage anderer Ortschaftsräte.

Angeregt wird von Harald Breusch eine "Volksumfrage auf Dorfebene". Etwas, was es für den Bürgermeister nicht gibt. "Diese müsste man auf Gemeindeebene machen." Dennoch: Wegen des Erhalts eines breiten Meinungsbildes hat der Ortsvorsteher bereits bei der Verwaltung vorgefühlt. An diesem Abend dominieren auf jeden Fall nicht die Befürworter einer Verfüllung.

Vorgesehen ist, dass der Ortschaftsrat wahrscheinlich im Januar eine Entscheidung trifft. Unter Zeitdruck sieht er sich auf jeden Fall nicht.

Kommentar: Nur Mut

Andreas Pfannes

Kaum gewählt, schon steht eine kritische Entscheidung an: Der Böhringer Ortschaftsrat wird zu Beginn der neuen Legislaturperiode gefordert. Soll er dem Dietinger Gemeinderat die Verfüllung des Gewanns "Hintern Hummelberg" empfehlen oder nicht? Auf der einen Seite winkt ein netter Betrag für den Gemeindesäckel – im Gespräch sind 700 000 Euro über vier Jahre –, auf der anderen Seite gibt es viele Bürger, die sich für dieses Vorhaben partout nicht erwärmen können, zusätzliche Belastungen und Probleme für Böhringen sehen. Die Bürgerinformation ist bemerkenswert. Ein Ortstermin fand statt, ein Fachmann kam in die jüngste Sitzung. Jetzt fehlen eigentlich nur noch Aussagen aus dem Ortsgremium. Doch der Ball wird den Bürgern zugeworfen. Verständlich bei diesem heiklen Fall. Doch von gestandenen Ortsvertretern kann man auch Mut zur Meinung erwarten.