Dieter Roth: Szenenbild Foto: Katalog

„Im Zwischenraum von Wort und Bild“ suchte Dieter Roth (1930–1998) seine künstlerischen Äußerungswege. Heiter, verspielt, hintersinnig und nicht selten gänzlich aus Materialresten des Alltags entwickelt. Das Kunstmuseum Stuttgart präsentiert Roths Werk von diesem Samstag an auf drei Kubus-Etagen.

Der Grenzgänger

Hätte Dieter Roth nur volles Vertrauen in Worte gefasst, dann wäre er wohl Schriftsteller, ja Dichter geworden. „Die Hauptsache war für mich immer die Schriftstellerei“, bekannte er einmal, „also die Dichtung, die sogenannte.“ Tatsächlich wurde er als Künstler bedeutend, weil sich kaum einer so wie er „im Zwischenraum von Wort und Bild“ bewegte (Julia Gelshorn in ihrem Katalogbeitrag). Jetzt präsentiert das Kunstmuseum Stuttgart Roths vielschichtiges Werk so umfangreich wie ­selten.

„Dieter Roth. Balle Balle Knalle“ nennt sich die Schau in Anlehnung an den Kinderreim mit „Backe, backe Kuchen“. Mit rund 160 Exponaten, die sich auf drei Ebenen im Kubus verteilen, gibt es viel zu sehen, zu lesen, auch zu hören und, wem das gefällt, sogar zu denken. Kuratiert hat die neue Sicht auf Dieter Roth Sven Beckstette. Roth habe die Kunst nicht so sehr mit dem „Ausstieg aus dem Bild“ als vielmehr mit dem „Ausstieg aus dem Buch“ vorangebracht.

Stuttgarter Spuren

Fast nirgends habe Roth so gute Chancen auf Verständnis wie in Stuttgart, gibt Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos zu verstehen. Hier hat Roth von 1972 bis 1983 zeitweise gelebt. Hier hat der Verleger Hansjörg Mayer Konkrete Poesie gefördert. Von Markgröningen aus hat Hanns Sohm mit seiner Sammlung intermediärer Kunsttendenzen der 1960er und 1970er Jahre das einzigartige Archiv Sohm begründet, das sich im Besitz der Staatsgalerie befindet und in dem Roth prominent vertreten ist. Nicht zuletzt ist das Kunstmuseum mit Recht stolz auf seine eigene Roth-Sammlung.

Konkret

„Ich habe meistens Biergläser gezeichnet“, heißt eine frühe Roth-Zeile. Die Ausstellung setzt mit Werbegrafik für Brauereien ein. Der 17-jährige Roth hatte in Bern eine Lehre als Werbegrafiker absolviert und sich mit Druckgrafik vertraut gemacht. Doch schon die Entwürfe für die Brauerei Egger konzentrieren sich auf ­abstrakte Muster. Und schon 1953 gründete Roth zusammen mit Marcel Wyss und Eugen Gomringer das „Magazin spirale. Internationale zeitschrift für junge kunst“. „Ja, das war echte konkrete Poesie. (. . .) Da habe ich gewisse, möchte ich sagen, Erfindungen gemacht, wenn ich mich mal selber loben darf.“

In den „Ideogrammen“ verselbstständigten sich die Silben und Buchstaben und gruppierten sich zu Mustern. Vollends perfekt scheint die Auflösung der Wörter in dem „Letter“ benannten Film und in den „Stupidogrammen“. Ihren Verbleib in Büchern hinderte das aber nicht.

Verwurstetes

„Die Bücher“ lägen ihm mehr am Herzen als die Objekte, beschied Roth einen Fragesteller: „Da kann ich mich ausweinen, da kann ich schimpfen. „Also schlug sich „das täglich stattfindende Gelebe“ in zahllosen Künstlerbüchern nieder, die wie ein Generalbass das Gesamtwerk begleiten. 128 Monitore vergegenwärtigen den Künstler auch simultan in „Solozenen“. Abgesehen von Tagebüchern, Notizbüchern, Kopiebüchern, einem „Tränensee“ und einer Reihe von Büchern, die an Ketten hängen, staunt man über „Ladenhüter“, vor allem aber über „dieDie Die GESAMTE SCHEISSE von Dieterich Roth“. Der ehrgeizige, doch auch sensible Künstler-Dichter kam Kritikern gerne zuvor, seit Gomringer Roth-Texte einmal als sentimental eingestuft hatte. Ganz drastisch verkörpern seine Literaturwürste, was er von diesem oder jenem dachte. Zerhäckselt, nach Wurstrezepten gewürzt und in Därme gehüllt: So hat Roth den „Daily Mirror“ konserviert und die „Neue Revue“, ebenso aber auch Martin Walsers „Halbzeit“. Die „Poeterei 3–4“ von 1968 erinnert an den Anfang des Johannesevangeliums: „Das Wort ward Fleisch.“ Die Vorzugsausgabe im gelben Holzkasten hüllt statt Worten Hammelkoteletts in Stanniolpapier.

Der Zweifler

Seine fundamentalen Zweifel an der Eignung von Worten, der „Welt“ oder irgendwem gerecht zu werden, hat Roth im 1967 in Köln erschienenen „Mundunculum“ dargelegt. Im Band 1, „Das rot’sche Videum“, dem theoretisch-philosophischen Hauptwerk, wird das Verhältnis zwischen Bild und Wort untersucht. Vom Alphabet werden Symbole abgeleitet, den Buchstaben Tiere zugeordnet, einzelne Motive zu Stempeln ausgearbeitet, mit denen wurmartige Kreaturen entstehen, die entfernt dem Ebola-Erreger ähneln. Vielleicht meint das aber auch den elend langen Satz-Wurm, der im Bemühen um perfekte Beschreibung entstehen müsste, bis er, so die Befürchtung des Skeptikers, „in der Mitte zwischen Allem und Nichts zerreißt“.

Die Lust am Verfall, an Verwesungsprozessen, hing durchaus mit der Empfindung des Scheiterns zusammen. Was ihm misslungen schien, überschüttete Roth mit Speiseresten und wurde der Schönheit gewahr, die etwa Schimmelblüten entfalten. Auch da griff er zu Gewürzen wie bei der „Anisuhr“ (1970), die dem Prinzip einer Sanduhr folgt. Bei einem „Käserennen“ wurde erprobt, welche unter den „laufenden“ Käsesorten am schnellsten ist. Die „Doppelkäseplatte“ zwischen Glas und im Messingrahmen wirkt wie ein düsteres Aquarium. Im „Portrait of the Artist as Vogelfutterbüste“ kommt Schokolade zum Einsatz. Die „Flache Dichterbüste“ ist ein Schokoladenrelief im Kartonrahmen. Das „Rotkohlbild“ ist, wer wollte das leugnen, von erhabener Schönheit.

Künstlerbünde

„Drauflos schmieren und etwas sagen, ich glaube nicht, dass das ein wichtiger Unterschied ist.“ Im Kapitel „Schrift und Bild“ beeindrucken über die wahrhaft beherzte Verwendung bildnerischer Mittel hinaus die Titel der Bilder: „Angefangenes Bild“, „Bild mit Rahmen“, „Mit Titel“ „Bald gemaltes Bild“. „Pseudo-Doesburg“ (1983–1989), eine Arbeit von imponierender diagonaler Dynamik, soll von einem Doesburg-Werk inspiriert sein. Die Zusammenarbeit Dieter Roths mit anderen Künstlern darf nicht unterschätzt werden. Er übersetzte „Anekdoten“ von Daniel Spoerri und fertigte eine „Topographie des Zufalls“ daraus, indem er den zuvor schon ins Englische übertragenen Text von Emmett Williams zugrunde legte. Auch „Life and Letters“, die mit Tierchen charakterisierten Buchstaben, verdanken sich der „Kollaboration“ mit Williams. Mit Richard Hamilton war Roth befreundet, hatte nur ein Problem mit der Akribie des Engländers. Mit Stefan Wewerka zusammen entstand „Im Walde“, vor dem eine Salami liegt.

Eine Textcollage mit dreiteiligen Bausteinen wie „ich sitze uns“ ist „zum laut lesen“ gedacht, so wie das Buch „Murmel“ ein Theaterstück meint, in dem ausschließlich dieses eine Wort gemurmelt wird. Bekanntlich hat Roth viele Lesungen durchgeführt, Texte aus dem Scheisse-Zyklus deklamiert und seine Auftritte wie Performances, mit Ironie garniert, in Szene gesetzt. „Lorelei, die Langstreckensonate“, ist ein Materialbild mit Kassetten und Rekorder und mit Björn und Vera Roth zusammen entstanden. Ein „Stummes Relief“ (1986/1988) spricht für sich selbst und sorgt im Kapitel „Klang im Werk“ für eine Pointe.

Sozialer Netzwerker Seiner Zeit voraus ist Dieter Roth auch als Verleger gewesen. Aus gutem Grund publizierte er schon 1956 ein Bilderbuch im Selbstverlag. Der Veröffentlichung der „Gesammelten Werke“ widmete er sich zusammen mit Hansjörg Mayer. In „Dieter Roth’s Familienverlag“ kamen Familienmitglieder zum Zug. Die sind auch beim Aufbau der das ganze Stockwerk füllenden „Grosse(n) Tischruine“ beteiligt gewesen. Die gigantische, intermediäre Installation vergegenwärtigt Roths Arbeitsweise, die kein Ende findet und seit 1978 bis zu seinem Tod weiterwucherte.

Weit über den Kreis von Angehörigen und Freunden hinaus reichte Roths verlegerischer Versuch einer „Zeitschrift für Alles“. Sie erschien zwischen 1975 und 1987 und lud gegen Ende buchstäblich alle ein zu publizieren. Das will so lange vor Twitter und Facebook etwas heißen.

Alle Termine im Kunstmuseum finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: