Schuften für die Gesellschaft? Seit dem Ukrainekrieg wird wieder über die allgemeine Dienstpflicht diskutiert. Sechs Jugendliche erzählen, was sie darüber denken.
Für Leo Staritzbichler ist plötzlich alles irgendwie ein bisschen anders. Nahezu sicher ist: Im Juli bekommt er sein Abi-zeugnis. Danach arbeitet der 18-Jährige, der sich als Stuttgarter Jugendrat politisch engagiert, mit benachteiligten Kindern in Kirgistan. Zerschossen aber hat sich die Reiseroute zu seinem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Über Polen, Belarus und Russland wollte Leo ins FSJ reisen, fliegen kommt für den Fridays for Future-Anhänger nicht infrage. Doch dann griff Wladimir Putin die Ukraine an. Jetzt lernt Leo auf seinen 6500 Kilometern von Stuttgart nach Kirgistan nur die Route über die Türkei und den Iran kennen. Sie war eigentlich nur für die Rückreise geplant.
Doch der Ukraine-Krieg hat bei Leo noch etwas viel Grundlegenderes zum Einsturz gebracht als seine ersten großen Reisepläne. „Ich wurde aus der Illusion geholt, dass die Welt pazifistisch ist“, sagt er, „darum brauchen wir leider doch noch immer eine Selbstverteidigung, die entsprechend reformiert werden muss.“ Die Bundeswehr, sie macht für Leo plötzlich doch noch Sinn. Eine Truppe, die er bis zum 24. Februar für „extrem unnütz und ineffektiv“ gehalten hatte und deren Gelder er lieber in die Bekämpfung der Klimakatastrophe gesteckt hätte.
Wie kann Deutschland seine Selbstverteidigung neu aufstellen? Diese Frage stellt sich seit dem Krieg gegen die Ukraine mit ungeahnter Wucht. Politiker unterschiedlicher Parteien führen die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht ins Feld. Dann müssten sich junge Leute nach der Schulzeit für einen bestimmten Zeitraum in den Dienst der Allgemeinheit stellen – sei es bei der Bundeswehr, im Pflege- oder Sozialbereich, beim Technischen Hilfswerk oder in Vereinen. Eine Idee, für die 2019 schon die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) geworben hatte.
Erste Hilfe gegen Planlosigkeit
Auch in dieser Frage ist für Leo nicht mehr alles ganz eindeutig. „Letztlich wäre die allgemeine Dienstpflicht ein Jahr, das viele aus meiner Bubble als FSJ jetzt schon machen“, sagt er. Eine Verpflichtung zum Dienst an der Gesellschaft könne aber durchaus Vorteile haben. „In meiner Schule wissen viele noch nicht, was sie nach dem Abi machen sollen. Die Dienstpflicht würde sie auffangen, bevor sie in Planlosigkeit abrutschen“, meint Leo. Zudem könne diese Pflicht einem die Augen für Bereiche öffnen, mit denen man sich sonst niemals freiwillig beschäftigt hätte. „Andererseits, wenn man Menschen etwas aufzwingt, kann das auch zu Abwehrreaktionen führen“, sagt er. Sein Vorschlag: eine Dienstpflicht einführen, von der man sich aber befreien lassen kann, wenn der eigene Lebensplan klar auf ein gesellschaftliches Engagement ausgerichtet ist.
Berufswunsch: Schulsozialarbeiter oder Soldat
Der Lebensplan von Miran Ildes (15) hat sich kürzlich verändert. Sein Traumberuf: Schulsozialarbeiter. „Ich möchte es denen, die eine schwere Zeit in der Schule haben, leichter machen“, sagt der Zehntklässler. Als Kind, erzählt Miran, habe er immer Polizist oder Soldat werden wollen, sehr zum Kummer seiner Mutter. „Beide Berufe haben mich fasziniert, weil die Menschen ihre Leben für uns aufs Spiel setzen.“ Dann schmunzelt er und sagt: „Und ich fand es beeindruckend, dass die immer so gut trainiert waren.“ Die Idee einer allgemeinen Dienstpflicht gefällt dem 15-Jährigen „sehr gut“, einzige Einschränkung: „Ein Jahr ist zu lang, sechs Monate reichen.“ Er selbst würde im sozialen Bereich arbeiten, kann aber absolut nachvollziehen, dass jemand lieber zu Bundeswehr will: „Die Ausbildung strapaziert die Psyche, du wirst an deine Grenzen getrieben und lernst Situationen zu meistern, die du sonst nie kennenlernen würdest.“
Bundeswehr-Werbung mit Videospiel-Slogans schreckt ab.
In Carsten Schell Zumayas zweiten Heimatland Mexiko müssen alle Männer ab 18 noch zum Militär. Das findet der 15-Jährige, der die deutsche und die mexikanische Staatsbürgerschaft besitzt, schwierig. „Ich habe kein Problem mit Befehlen, trotzdem wäre das Militär nichts für mich. Ich würde für mich mehr Nutzen darin sehen, im Pflegeheim auszuhelfen“, sagt er. Eine allgemeine Dienstpflicht hält Carsten nur „teilweise für sehr sinnvoll“. In seiner zehnten Klasse, schätzt er, würden sich unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges etwa 60 Prozent für die Bundeswehr entscheiden. „Aber reicht ein Jahr, um wehrfähige Menschen auszubilden?“, fragt sich Carsten. Um junge Menschen dauerhafter für die Bundeswehr zu gewinnen, fände er es sinnvoller, deren Imagewerbung neu auszurichten. Slogans wie „Multiplayer at its best“ stoßen ihn ab. „Bisher haben die mit ihren Werbesprüchen so auf Videospiel gemacht. Dadurch hatte ich nicht den Eindruck, dass die verstehen, was Krieg eigentlich bedeutet, und Leute anlocken wollen, die mit Waffen herumschießen wollen.“
Notsituationen managen lernen
Lara Olgun ist eine von Carstens Mitschülerinnen, die angesichts der Diskussion über die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht schon einmal darüber nachgedacht hat, zur Bundeswehr zu gehen. Die Bundeswehr sei schließlich auf sehr vielen Gebieten tätig, sagt die 16-Jährige. „Die Soldaten sind natürlich primär für die Verteidigung da, aber sie helfen, koordinieren und organisieren sehr viel und managen Notsituationen. Das zu lernen interessiert mich.“ Zudem sei für sie seit Ausbruch des Krieges der Gedanke an eine militärische Grundausbildung wichtiger geworden. „Ich möchte wissen, wie Verteidigung funktioniert, nicht nur an der Waffe, sondern auch im Cyberbereich.“
Eine Dienstpflicht lehnt Lara aber ab, auch wenn sie es unbedingt für notwendig hält, den sozialen Berufen und der Bundeswehr mehr Wertschätzung entgegenzubringen. „Das passt einfach nicht bei jedem jungen Erwachsenen in den Lebensentwurf“, sagt sie „außerdem würde ich mich durch eine Pflicht in meiner Freiheit eingeschränkt fühlen. Wenn man gerade 18 geworden ist, will man doch die neuen Freiheiten und Rechte genießen, viel sehen, viel erfahren und sich auf eine neue Art kennenlernen.“
Wie gehe ich mit einer Waffe um?
Anders als Lara ist sich Maja Culum sicher, dass sie von einer Grundausbildung bei der Bundeswehr nicht profitieren würde. „Da lernt man auf alle Fälle viel fürs Leben. Aber ich bin diszipliniert, und Struktur in meinem Alltag habe ich auch“, sagt die 16-Jährige und lacht: „Die Waldwochen in der Kita haben mich schon genug gedrillt.“ Und auch, wenn sie seit den schrecklichen Bildern aus der Ukraine findet, dass es gut sei zu wissen, wie man mit einer Waffe umgeht, bevor man plötzlich eine in die Hand bekommt, würde Maja lieber ein soziales Jahr bestreiten. Mit einer allgemeinen Dienstpflicht, sagt sie, könne sie leben, „denn ich finde es wichtig, dass wir unser Land schützen können und dass jemand in den Jobs aushilft, in denen es zu wenig Personal gibt“.
Menschen in den Krieg zu zwingen, macht keinen Sinn
Wie aufwendig es ist, sich aus eigenem Antrieb in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, erfährt Laila Marx gerade. Der Berufsorientierungstag an ihrer Schule hat der Elftklässlerin in Sachen FSJ wenig weitergeholfen. Wann muss man sich bewerben, wie funktioniert das mit dem Schieben eines Studienplatzes und, und, und? „Ich muss mich ganz schön reinhängen, um mich zu informieren“, sagt sie. Darum fragt sie sich, ob es wirklich eine Dienstpflicht bräuchte, oder ob es nicht reichen würde, angehende Schulabgängerinnen viel stärker dazu anzuregen und darin zu unterstützen, etwas für die Gesellschaft leisten zu wollen. Aus der Dienstpflicht, so befürchtet sie, könne – je nach Weltlage – ganz schnell eine Wehrpflicht werden könnte. „Und ich halte nichts davon, Menschen in den Krieg zu zwingen.“
Auch der Bundeswehr empfiehlt die 16-Jährige einfach mehr Überzeugungsarbeit zu leisten: „Man könnte Jugendlichen in den Ferien freiwillige Camps anbieten, in denen sie, ohne an der Waffe ausgebildet zu werden, ein Gefühl dafür bekommen, wie das gemeinschaftliche Zusammenleben und Arbeiten bei der Bundeswehr funktioniert.“
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