Didier Cuche 2010 bei seinem Abfahrtssieg auf der Streif in Kitzbühel Foto: dpa

Marco Büchel und Didier Cuche über die gefährlichste Abfahrtsstrecke der Welt: Die Streif in Kitzbühel.

Kitzbühel - Ein außergewöhnliches Gespräch zwischen zwei herausragenden Ski-Rennläufern über eine spektakuläre Abfahrt. Am Samstag (11.23 Uhr, ARD) bittet die Streif wieder zum Tanz

Marco Büchel: In dieser Saison erwarten uns keine Weltmeisterschaften, keine Olympischen Spiele . . . dein Höhepunkt der Saison dürfte die Streif in Kitzbühel sein?
Didier Cuche: Mhm. Ja, ich glaube schon.

Büchel: Erkläre uns diese Faszination von ­Kitzbühel aus der Sicht eines Läufers.
Cuche: Da gibt es viele Dinge. Nur ein kleines Beispiel: Ist dir aufgefallen, dass es in keinem anderen Starthaus so still ist? In Kitz macht niemand Spaß am Start, es ist auch ganz wenig Funkverkehr. Alle Betreuer sind extrem ruhig und achten nur darauf, dass sie niemandem im Weg stehen. Die Atmosphäre ist anders. Der Druck ist größer. Du fühlst dich wie ins Eck gedrängt. Du weißt: Du musst jetzt über dich hinauswachsen.

Büchel: Mehr als bei jeder anderen Abfahrt?
Cuche: Glaube ich schon. Man sucht bei jeder Abfahrt der Saison sein Limit, bei jeder Kurve, bei jedem Sprung. Aber die Spannung am Start ist nirgends so wie in Kitzbühel. Du weißt, dass du ein sehr hohes Risiko eingehst, dass du dir keinen Fehler erlauben darfst. Klar, es gibt den Mittelteil, der eher eine normale Abfahrt ist, aber du hast 35 Sekunden oben und 35 Sekunden unten, die sind extrem. Der Grat ist hier noch schmaler als überall anders.

Büchel: Du hast drei der letzten vier ­Speed-Rennen in Kitzbühel gewonnen, davon die letzten beiden Abfahrten. Was machst du besser als die anderen?
Cuche: Ich glaube, dass mich dieser Druck besser macht. Je mehr Druck sich um mich aufbaut, desto mehr kann ich abrufen, was ich in mir habe. Ich bin auf der Streif noch aufmerksamer bei der Besichtigung, noch präziser im Kopf, wenn ich mir die Fahrt ­vorstelle vor dem Lauf.

Büchel: Diese extreme Stimmung im Ort – lenkt die einen Fahrer nicht ab?
Cuche: Im Gegenteil. Man muss sie genießen. Einer, der sich nur im Zimmer einsperrt und nicht die verrückte Luft von Kitzbühel schnuppert, der ist hier falsch. Das Crescendo vom Training, dass es während der Woche immer mehr Leute werden, dann der Wahnsinn am Wochenende im Dorf und im Ziel, das muss man wahrnehmen und mitnehmen.

Büchel: Bereitest du dich speziell auf Kitz vor? Gehst du etwa im Sommer zur Strecke, wie das manche Läufer machen?
Cuche: Im Sommer war ich nur bei der Gondel-Einweihung (Anm. d. Red.: die Gondeln der Hahnenkammbahn werden nach Kitzbühel-Siegern benannt. Auch Büchel ist Gondel-Namensgeber) in Kitzbühel, wo wir uns ohnehin getroffen haben. Nach der Karriere werde ich im Sommer mal nach Kitzbühel gehen, die neun Löcher im Zielgelände golfen. Aber jetzt nicht. Ich bin keiner, der sich speziell auf ein Rennen vorbereitet. Ich glaube nicht, dass man irgendetwas über zehn Monate planen kann für zwei Minuten. Der Druck, den man auf sich selbst aufbaut, wird irre.

Büchel: Erinnerst du dich an dein erstes Mal in Kitzbühel?
Cuche: Besser, als mir lieb ist, obwohl es schon fast 16 Jahre her ist. 1996, beim ersten Training, wollte ich vor lauter Angst gar nicht in die Starthütte. Als ich dann drin war, wollte ich hinten wieder raus. Die Coaches haben sich amüsiert über den Junior, der sich vor Nervosität in die Hose macht, aber mir war gar nicht nach Lachen zumute. Ich wollte mit der Gondel wieder runterfahren.

Büchel: Es braucht noch mehr Mut, retour zu gehen als nach vorne.
Cuche: Ich glaube, jeder Läufer denkt einmal in seiner Karriere dran, das Starthaus in Kitzbühel wieder nach hinten zu verlassen. Aber du willst nicht einer von denen sein, die wirklich zurückgegangen sind. Ich hatte ­damals irgendwann so viel Angst, dass mir alles egal war. Ich sagte zu mir: Die anderen haben es geschafft, du schaffst es auch. Einfach raus – und zwar vorne raus.

Büchel: Kitzbühel zu gewinnen ist eine ­Krönung jeder Karriere, nicht?
Cuche: Sicher. Weltmeisterschaft, Olympia, Kitzbühel . . .

Büchel: Ich hab’ ja jetzt ein bisschen Distanz gewonnen in den zwei Jahren, die ich nicht mehr fahre. Wenn ich mir heute die Pisten anschaue, die ihr runterfahrt, denk ich mir: Die spinnen. Das ist nur noch brutal. Hattest du in Kitzbühel noch nie den Gedanken, ob ihr alle eigentlich spinnt?
Cuche: Die Liste der krassen Unfälle in Kitz ist schon lang, Grugger, damals Dani Albrecht, Ortlieb, Vitalini, das waren schon viele, die es erwischt hat. Aber solange du aktiv bist, blendest du aus, dass du der Nächste sein könntest.

Büchel: Im Vorjahr ist Hans Grugger in der Mausefalle fast ums Leben gekommen. Zwei Tage später bist du an derselben Stelle beim Sprung schon in der Luft in die Hocke gegangen, noch früher als alle anderen. Armin Assinger (An. d. Red.: Ex-Ski-Rennläufer, ­Co-Kommentator des ORF) ist im Fernsehen fast durchgedreht, hat geschrien: Ja, spinnt denn der total?
Cuche: Das hatte eher mit der Situation zu tun, dass ich sehr früh gemerkt habe, dass ich gut in der Luft bin und hier vielleicht noch ein paar Hundertstel holen kann. Aber allgemein gesagt: Das Geile daran – sorry, wenn ich das so sage – ist ja auch gerade, wenn du so etwas Verrücktes beherrschst. Wenn du die Gefahr überstehst. Und wenn du dann noch im Ziel das grüne Licht siehst, Bestzeit, du jubelst und die Zehntausenden Fans jubeln mit dir. Das ist der schönste Moment, den man ­haben kann.

Büchel: Ich wollte meiner Frau Doris einmal den Abfahrtssport erklären. Ich habe ihr ­gesagt, sie soll sich zur Mausefalle stellen und zusehen, dann versteht sie alles.
Cuche: Als du selbst noch gefahren bist?

Büchel: Ja.
Cuche: Uh! Keine gute Idee.

Büchel: Sie hat das auch nicht lustig gefunden. Als ich im Ziel war, hat sie mich am Kragen gepackt und ganz ernst gesagt: „Mach so was nie mehr mit mir. Ihr seid alle verrückt.“
Cuche: Als Fahrer bekommst du die Mausefalle ja nur von oberhalb des Sprungs mit. Du siehst vom Starthaus aus nur, dass der Pilot über die Kante verschwindet, im freien Fall. Aber wenn ich älter bin, stelle ich mich mal an Doris’ Position. Kann leicht sein, dass ich dann auch denke, dass die alle spinnen . . .

„Die richtige Linie ist fast eine Philosophie“


Büchel: Du stehst am Start, bereit, alles zu riskieren. Und dann crasht der Läufer vor dir. Ich stand am Start, als das mit Dani Albrecht passiert ist. Mich persönlich – das klingt jetzt hart – hat das kaltgelassen. Sobald ich wusste, wo und warum der Crash passiert ist, konnte ich damit umgehen. Wie gehst du mit so etwas um?
Cuche: Wenn es dich nicht kaltlässt, kannst du nicht rennmäßig Ski fahren. Du musst dir sagen können: Die Stelle hab’ ich im Griff, mir kann das nicht passieren.

Büchel: Dennoch wird dir in diesem Moment unweigerlich bewusst, dass es wehtun kann. Das Gefühl muss man unterdrücken. Oder muss man es zulassen?
Cuche: Es ist gut, dass dieses Wissen im Unterbewusstsein ist. Aber es ist auch gut, dass es nicht im Vordergrund ist. So hast du Respekt, aber keine Angst. Jeder von uns weiß, wie schnell ein kleiner Fehler passiert ist und wie ein kleiner Fehler enden kann. Eben weil mir das bewusst ist, macht es mir auch nichts, wenn ein Training oder ein Rennen ausfällt. Ich weiß dann: Ich gehe abends gesund ins Bett. Nach außen drückst du vielleicht die harte Schale raus, aber im Innern musst du die Gefahr spüren. Denn das ist dein Schutz. Verlierst du den, wird es extrem ­gefährlich.

Büchel: Nirgendwo in der Welt ist so eine ­Begeisterung für den Skisport spürbar wie in Kitzbühel. Hier merkt man: Die Abfahrt ist die Königsdisziplin.
Cuche: Da sind wir uns einig!

Büchel: Warum ist sie’s? Ist es der Speed?
Cuche: Es ist die Faszination, die davon ­ausgeht. Die hat viele Aspekte.

Büchel: Meine Frau hat einmal gesagt: „Abfahrer sind einfach sexy.“ Hat sie recht?
Cuche: Das will ich doch hoffen! (Lacht.)

Büchel: Zurück zur Streif. Welche Stellen mag der „Mister Kitzbühel“ der letzten Jahre, welche nicht? Nach Mausefalle und Kompression kommen wir zur Panoramakurve, der ­Steilwandkurve, die im zweiten Teil nach außen hängt, 120 km/h. Den richtigen ­Moment für den Schwungansatz zu finden, hab’ ich immer extrem schwierig gefunden.
Cuche: Die richtige Linie dort ist fast eine Philosophie. Die Österreicher zum Beispiel gehen frech hinein, driften an und steigen dann stark auf die Kante.

Büchel: Steilhang, Steilhangausfahrt, die ­entscheidende Kurve vom ganzen Kurs, weil danach das lange Flachstück kommt. Ich kann mich erinnern, ich hab’ immer nur das Netz unten gesehen – und dann lauert da noch eine Welle drin.
Cuche: Im Steilhang ist es egal, ob man oben spät oder nicht spät war: Man muss probieren, den ganzen Fluss mitzunehmen, den Ski frei lassen, nur ja nicht halten, obwohl es so steil ist.

Büchel: Dann der Weg. Gleiten . . .
Cuche: . . . und etwas durchschnaufen.

Büchel: Ich hatte, sobald ich in der Hocke war, immer zuerst den Gedanken: „Uff. Bis hierher mal überlebt.“ Und dann: „Eigentlich war das alles Wahnsinn bisher. Wollen die uns umbringen?“ Jedes Mal. Bei jedem Lauf dachte ich dasselbe.
Cuche: Im Weg hat das Hirn Zeit, dich wieder einzuholen, ja.

Büchel: Bernhard Russi hat einmal über die Hausbergkante gesagt: „Rechts geht’s nach Kitzbühel, links zum Sieg.“ Wer rechts springt, hat genügend Platz für die Traverse – die Safety-Linie. Wenn du aber mutig bist, springst du links. Die schnellere Linie, aber sie führt zu 50 Prozent ins Netz.
Cuche: Zu 50 Prozent? Das ist übertrieben. Und es ist ja auch jedes Jahr ein bisschen anders gesteckt. Die Rechnung von Russi ist im Ansatz korrekt, aber sie geht nicht jedes Jahr auf!

Büchel: Traverse . . .
Cuche: Die erste Phase geht über die Kuppe, in der zweiten visiert man schon den Zielsprung an. Da brauchst du eine gute Mischung aus halten, drücken, Druck wegnehmen, wieder halten, sofort wieder lösen und ins Loch hineinspringen. Nicht leicht. Es ist da dunkel, unruhig, es ist wieder eine ­Kompression . . .

Büchel: . . . und es ist schnell . . .
Cuche: . . . sauschnell. Also Hocke, tief, dann nach vorne kommen mit dem ganzen Gewicht nach der Kompression, ansonsten fällst du rückwärts.

Büchel: Und dann der Zielsprung. Über den wurde immer sehr viel diskutiert, nach den Unfällen von Dani Albrecht (2009) oder auch Scott Macartney (2008).
Cuche: Man könnte schon oben, bei der Kurve, das Risiko minimieren, wenn man höher stecken würde. Es wäre dann die ganze Schlusspassage viel einfacher zu fahren. Aber wenn die Strecke einfacher wäre, wäre es viel schwerer, zu gewinnen, weil alle viel enger zusammenlägen.

Büchel: Noch ein Wort zum Zielsprung. Ist er nötig?
Cuche: Ich will einen Zielsprung in Kitzbühel, ja, auf jeden Fall. Aber man muss den auch mit Vernunft bauen. Es muss eine abfallende Kante sein, damit man kontrolliert ­fliegen kann . . .

Büchel: . . . und kein Kicker, bei dem man ­rausgeschleudert wird. Dann endlich heil im Ziel. Was machst du als Erstes?
Cuche: Ich schaue auf die Menschen, ob sie am Jubeln sind. Dann auf die Tafel. Wenn dort ein grünes Licht ist, schaust du auf den Vorsprung, ob er knapp ist – oder wie letztes Jahr fast eine Sekunde, 98 Hundertstel. Wow! Das ist dann schon ein sehr warmes Gefühl im ganzen Körper. Man könnte in diesem ­Moment fast weinen. Wirklich.

Büchel: Ich sage immer: An einem Tag in Kitzbühel erlebt man emotional mehr als ein normaler Mensch in einem Jahr. Und wenn du dann noch gewinnst . . .
Cuche: . . . dann sind es Jahrzehnte. (Lacht.)

Büchel: Ich habe in meinem Leben nicht viel Schöneres erlebt, als im Ziel der Streif zu stehen. Das ist erfüllend, fast nicht in Worte zu fassen. Wenn du jetzt nach Kitzbühel kommst, Ende Januar, mit welchem Gefühl wird das sein?
Cuche: Ich freue mich drauf. Und ich hoffe, dass ich mich nicht zu sehr unter Druck setze. Dass ich meine Leistung normal abrufen kann, dass ich es nicht übertreibe. Man weiß nie. Die Nerven spielen immer mit in Kitz­bühel.

Büchel: Du hast den großen Vorteil, dass du in Kitzbühel niemandem mehr etwas beweisen musst.
Cuche: Ja, ich muss nicht mehr gewinnen.

Büchel: Du musst nicht. Du darfst.
Cuche: Ich muss nicht gewinnen, ich darf. Ja, das ist der Gedanke. Mit dem muss ich rein­gehen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von „The Red Bulletin“. Alle Infos über die Protagonistendes Gesprächs auf: www.didiercuche.ch www.marco-buechel.li www.hahnenkamm.com