Die Deutsche Skaterin Lilly Stoephasius in Aktion Foto: AFP/LOIC VENANCE

Skateboard feiert bei den Spielen seine Premiere – und zeigt, welche Perspektiven die neuen olympischen Sportarten haben können.

Tokio - Kurzzeitig hatte Shaun White mit dem Gedanken gespielt, sich ernsthaft auf die Olympischen Sommerspiele 2021 vorzubereiten. Er gab die Idee dann aber schnell wieder auf. In Tokio ist er nun trotzdem, allerdings nicht als Skateboarder. Sondern als Fan. Und natürlich als Botschafter. Weil er dafür steht, was möglich ist.

 

Shaun White ist erst 34 Jahre alt, aber längst eine Ikone. Dreimaliger Olympiasieger mit dem Snowboard in der Halfpipe, 15-maliger Gewinner eines Wettbewerbs bei den X-Games, Social-Media-Star, geschätztes Vermögen: rund 60 Millionen Euro. Und einer, der den Sprung geschafft hat. Aus einer Szene, die lange Probleme damit hatte, sich den Strukturen und Regeln des olympischen Sports zu unterwerfen, hin zu einem der populärsten Athleten im Zeichen der Ringe. Dafür ist White von etlichen seiner Kollegen, die lieber weiter ihr eigenes Ding gemacht hätten, kritisch beäugt worden. Doch er ist seinen Weg gegangen – und Snowboard längst eine etablierte Disziplin bei Winterspielen. Ähnlich wird es nun mit den Skateboardern laufen.

Ermutigende Premiere

Nach der Premiere gibt es jedenfalls keinen Grund, diesen jungen, trendigen Sport wieder aus dem Programm zu nehmen. Ganz im Gegenteil. Der Auftritt der Boarder in der Hitze der japanischen Hauptstadt war nicht nur extrem cool, sondern auch eine sportliche Attraktion. Zum Beispiel am Mittwoch, in der Disziplin Park der Frauen. Die Teenager zelebrierten im Ariake Urban Sports Park in einer Art Bassin mit steilen Wänden höchst kreative Sprünge, Drehungen und Tricks. Zudem lieferten sie, was beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) besonders gut ankommt: spektakuläre TV-Bilder – und Rekorde.

Die zwölf Jahre junge Kokona Hiraki (Japan) sowie die britische Topfavoritin Sky Brown (13) verpassten zwar die Chance, jüngste Olympiasiegerin der Geschichte zu werden, standen aber immerhin als Zweite und Dritte auf dem Podium. Noch nie gab es eine jüngere Medaillengewinnerin als Hiraki, noch nie eine jüngere Britin auf dem Podest. Gold ging an Sakura Yosozumi (19), was ebenfalls eine bemerkenswerte Geschichte ist: Es war der dritte Erfolg der japanischen Gastgeber im dritten Skateboard-Wettbewerb. Auch das gefällt dem IOC.

Die Deutsche scheitert knapp

Als das Finale der besten acht lief, weilte Lilly Stoephasius unter den Zuschauern. Die 14-jährige Deutsche war als Neunte des Vorkampfes ganz knapp ausgeschieden. Unter Tränen. Ein für Skater einfacher Trick, der Frontset Smith Grind, hatte nicht geklappt. „Ich habe mich so geärgert. Es war nicht der Sturz, sondern, dass die Spiele für mich vorbei waren.“ Mit ihrem Board unterm Arm erklärte sie in der Interviewzone die darauf zu sehenden Zeichnungen („Das ist meine Katze, dazu der Spruch ‚Do it‘“), dass sie in Berlin, Hamburg und Schweden trainiert, wen sie im Olympischen Dorf getroffen hat („Malaika Mihambo, das war cool“) und welche Wünsche sie mit diesen Sommerspielen verbindet: „Noch ist Skateboarden als Leistungssport kein großes Ding. Ich hoffe, dass sich das durch Olympia ändert.“ Abschließend wurde sie gefragt, warum ihre Antworten so souverän, abgeklärt und sympathisch klingen. „Ich hatte drei Jahre Training“, meinte sie mit einem Lächeln. Seit ihrem DM-Titel 2018 kamen pro Woche zwei, drei Interviewanfragen. Künftig dürften es noch mehr werden. Denn Lilly Stoephasius ist auf den Geschmack gekommen. Paris 2024, Los Angeles 2028, Brisbane 2032 – sie will dabei sein. Weil sie Spaß an Olympia hat. Aber natürlich auch, weil sie das stetig steigende Vermarktungspotenzial ihres Sports erkennt. Dafür genügt ein Blick auf Sky Brown.

Das Postergirl aus den USA

Die 13-Jährige Bronze-Gewinnerin ist das Postergirl des Skateboardens. Vater Engländer, Mutter Japanerin, in Oceanside in Kalifornien zu Hause. Sie war vier Jahre alt, als ihr Dad ein Skatevideo von ihr ins Netz stellte – es ging um die Welt. Mittlerweile ist Sky Brown nicht nur Gewinnerin einer US-Dance-Show, sondern auch eine Social-Media-Sensation und Werbemillionärin dank lukrativer Verträge (Nike, Billabong). Der Spielzeughersteller Mattel hat sogar eine Sky-Brown-Barbiepuppe auf den Markt gebracht. Zugleich ist sie eine Top-Surferin, die sich auch im Wellenreiten für die Spiele hätte qualifizieren können. Ihre Philosophie ist, Tricks wie Jungs zu zeigen, um andere Mädchen zu motivieren, Grenzen zu überschreiten. Sie selbst ist auf dem besten Weg. Der „Daily Telegraph“ schrieb zuletzt über den Teenie-Star: „Sie hat das Potenzial, eine der bestbezahlten Sportlerinnen der Welt zu werden.“

Das passende Lebensmotto der Skateboarderin lautet: „Sky’s the Limit“. Shaune White könnte das unterschreiben. Der Snowboarder weiß, wie es sich anfühlt, ganz oben zu sein. Andere Athleten aus den jungen, hippen Sportarten werden folgen. Ganz sicher.