Die Brüder Christoph und Thomas Freßle (rechts) in ihrer Seilerei Foto: /Andreas Reiner

Paris-Mailand-Ravensburg: Wie aus der Traditionsseilerei der Brüder Freßle eine international gefragte Manufaktur wurde, die Taschen und Rucksäcke für Nobelmarken wie Moncler entwirft.

In der Ravensburger Altstadt, schräg gegenüber der Kirche, hinter einer mintgrünen Fassade und zwei großen Schaufenstern, ist ein kleiner Laden mit ungewöhnlichem Sortiment. Bei Seil Marschall finden sich Socken neben Seilen und Bürsten neben Beilen. Gegenüber der Kasse steht ein Schrank mit edlen Rasierhobeln und ein Korb mit Kernseife. Direkt am Eingang: die von Inhaber Thomas Freßle, 59, selbst designten Rucksäcke.

 

„Des daugt nix. Lieber selber nachwachsen. Einfach mit’m Haushaltsschwämmle eireiba“, ruft Freßle einem Kunden zu, der beim Spray für Wachsjacken steht, und schiebt sich vorbei an Staubwedeln und Handcreme in Richtung Eingang. Dort zwängt sich ein Mann gerade in eine Outdoorjacke. Thomas Freßle schüttelt den Kopf: „Des isch a Daamajäggle.“ Er streckt ihm ein großzügiger geschnittenes Männermodell entgegen und klärt ihn über das Verhältnis von Gewicht und Wärme auf. Der Mann nickt dankend. Das bekommt Freßle nur noch am Rande mit. Er steht schon bei der nächsten Kundin.

Freßle und Moncler

Rückblende. Irgendwann im Jahr 2007. Thomas Freßle steht, wie jeden Tag, in seinem Laden, als das Telefon klingelt. An diesem Tag ruft nicht bloß irgendein Kunde an, sondern der Assistent von Remo Ruffini, dem Geschäftsführer des Luxus-Labels Moncler. Der Chefdesigner habe einen Rucksack von Seil Marschall gekauft und sei so begeistert gewesen, dass er eine Zusammenarbeit vorschlägt. Freßle möge doch bitte in den nächsten zwei Wochen in der Mailänder Firmenzentrale vorbeikommen, um die Details einer Kooperation zu besprechen.

Ein paar Tage später irrt Thomas Freßle mit seinem Sohn Benedikt durch die Mailänder Innenstadt. Es dauert, bis sie das kleine Schild an der Eingangstür zum Moncler-Firmensitz entdecken. Drinnen fügt sich das Bild: Möbel aus Mahagoniholz, Sofas aus weichem Leder. Der Deal ist schnell unterzeichnet. Freßle liefert das Design, Moncler die für die Marke charakteristischen Daunenteile. Produziert wird bei Seil Marschall. Das Ergebnis: Outdoor-Boots und der „Seil Marschall x Moncler Grand Solo Pack“, eine Luxusversion des Bestseller-Rucksacks. Schwäbische Manufaktur trifft auf Mailänder Mode.

Im Laden streicht ein Mädchen über den Ärmel einer Regenjacke. Thomas Freßle bittet sie in den hinteren Teil des Geschäfts, vier Treppenstufen hinauf auf eine kleine Empore. Dort fällt durch die großen Dachfenster Licht auf den Spiegel. Zur selben Zeit betritt eine ältere Dame das Geschäft und fragt nach Seilen für ihre Jalousien.

Gegründet wurde der Familienbetrieb 1896 von Johann Marschall, mittlerweile wird er in der vierten und fünften Generation geführt. Thomas Freßle war 20 Jahre alt, als er ins Geschäft seines Vaters einstieg. Damals kaufte er sich regelmäßig die italienische Ausgabe der „Vogue“ und begann, Produkte, die ihn begeisterten, ins Sortiment aufzunehmen.

So baute er den Seilerbetrieb Stück für Stück, Produkt um Produkt, nach seinen Vorstellungen um. Und das lässt sich heute in drei Kategorien einteilen. Produkte, die Freßle als Händler vertreibt: zum Beispiel Parfüm aus Irland oder Rasierseife aus England. Produkte, die Freßle designt und sich dann anfertigen lässt: zum Beispiel Sakkos aus schottischem Tweed oder rahmengenähte Lederschuhe. Und schließlich Produkte, die Freßle entwirft und produziert, vor allem Rucksäcke und Taschen. 2007 haben er und sein Bruder Christoph, der Seilermeister ist, die Firma übernommen. Während Thomas für Kundenbetreuung und Kreatives zuständig ist, konzentriert sich Christoph auf Handwerk und Produktion.

Freßle-Rucksäcke auf der Pariser Fashion Week

Rund 20 Kilometer von Ravensburg entfernt, in Bad Waldsee, steht Christoph Freßle, 63, schwitzend an der Seilmaschine. In einer Halle, in der sich der Geruch von Metall und Leder vermischt, fertigt er mit seinen beiden Söhnen Seile, die beim Klettern oder in Freizeitparks wie dem Ravensburger Spieleland zum Einsatz kommen. Die Seilerei gehört immer noch zum Kerngeschäft. Darüber hinaus produziert die Firma Planen für LKW, Anhänger und Pfadfinderzelte. Insgesamt hat der Betrieb zehn Mitarbeiter. Sechs davon gehören zur Familie.

Im Raum neben der Seilmaschine näht Christine, die Frau von Christoph Freßle, Handtaschen und Rucksäcke. Alle Griffe, Knöpfe, Verschlüsse wandern durch ihre Hände. Später baumeln sie am Arm von Models auf dem Laufsteg der Pariser Fashion Week oder landen vor der Kamera von japanischen Influencern, die das „Unboxing“, also das Auspacken, ihres neuen Rucksacks auf Youtube dokumentieren.

„Am Anfang war das gar nicht so einfach mit den Japanern“, sagt Thomas Freßle. Die Naturmaterialien, die er so schätzt, sorgten in Japan zunächst für Irritationen. Denn jede Tasche, jeder Rucksack sieht anders aus, die Patina entwickelt sich immer unterschiedlich. Er reibt mit dem Daumen über ein Stück Leder: „Da hatte die Kuh einen Mückenstich.“

Knapp 400 Euro für einen Rucksack sind ein stolzer Preis. Thomas Freßle hält dagegen, seine Kunden wollen Produkte, die lange leben. Er steht am Verkaufstresen und ärgert sich mit einem Kunden über den Sneakerwahnsinn junger Leute: „Plastikschuh.“ Alle sehen sie gleich aus. Die meisten Designerhandtaschen: „Plastikdäschle“. Seine Vorstellung von Nachhaltigkeit und Qualität ist eine andere: „Ich will einen Pullover, den ich, wenn ich ihn nicht mehr anziehen mag, vergraben kann.“

Leder, Loden, Hanf, Wildschweinborsten oder, wie Freßle es nennt, Naturprodukte, sind ein großer Teil seines Erfolgsgeheimnisses. So besteht der Rucksack „Grand Solo Pack“ aus Segeltuch, Sattelleder, Hanfkordel und Massivmessingschnallen. Jedes Teil von Hand gefertigt, selbst die Reißverschlüsse. Freßles Daumen gleitet reibungslos über die goldenen Zacken. Hätte man den Verschluss von einer Maschine ausstanzen lassen, wäre sein Daumen jetzt aufgeraut. Er bleibt aber glatt.

Freßle und der japanische Star-Designer

Schon bevor Freßle von Moncler entdeckt wurde, stellte er auf Messen in Berlin und Florenz aus. Einer seiner ersten Kunden: das Nobelwarenhaus Manufactum. Wenig später das New Yorker Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman. Im Londoner Concept Store „Dover Street Market“ werden seine Rucksäcke neben Artikeln von Gucci verkauft.

Das Resultat der jüngsten Zusammenarbeit mit Jun’ya Watanabe und dem angesagten Modelabel Comme des Garçons sind Handtaschen aus Oberschwaben. Dass sich der japanische Stardesigner für Seil Marschall interessierte, sei Zufall gewesen, sagt Thomas Freßle. Er verschränkt die Arme vor der Brust und lächelt verlegen: „Also, g’ freut hat mi des scho“.

Seitdem chattet er öfters mit Watanabes Assistenten auf Whatsapp. Der spreche sogar ein bisschen Deutsch. Thomas Freßle schickt ihm neue Entwürfe, bekommt Feedback von Watanabe. Oder zur Fußball-WM: „Hallo Thomas, wie geht’s? Ein Wunder“, als Japan gegen Deutschland gewinnt.

Viel lieber als über Watanabe oder sich selbst spricht Freßle über seine Produkte. Dann kann er sich in Erklärungen darüber verlieren, welche Eigenschaften bestimmte Stoffe haben. Er liebt Loden. Wind- und wasserfest, robust, verlässlich. Er selbst trägt auch eine Jacke aus dem Wollstoff. Sowieso: Sein gesamtes Outfit ist von Seil Marschall. „Bis auf die Unterwäsche, die nicht!“

Er würde sich nie als Designer bezeichnen, nennt seine Entwürfe lieber Produktideen. Sein grünes Notizbüchle, das er immer mit sich herumträgt, erzählt eine andere Geschichte: Die eines Tüftlers, der mit oberschwäbischer Sorgfalt Ideen sammelt. Er kalkuliert Maße, schreibt sich neue Stoffe und Farben auf, entwirft Designs – und verwirft sie wieder. Manchmal schneidet er Fotos aus Modezeitschriften aus und klebt sie in sein Buch. Nur nichts vergessen.

Ein Grund, warum es Thomas Freßle gelungen ist, den traditionellen Seilereibetrieb als Modemarke zu etablieren, ist auch die Angst. Die Angst davor, nicht mehr unabhängig sein zu können. Denn ein wiederkehrender Albtraum verfolgt ihn: bei der Bundeswehr nachdienen zu müssen. Die Wehrpflicht ist eine Zeit, an die Thomas Freßle sich ungern erinnert, obwohl sie so lange zurückliegt. Dauerhaft den Vorschriften von anderen unterstellt sein, das kann Freßle einfach nicht.

Andere Geschäftsführer hätten den Fuß in der Tür zur Luxusfashion-Branche vielleicht genutzt, um sich dort weiter hochzuarbeiten. Thomas Freßle bleibt sich und dem Familienbetrieb treu. In einem größeren Modehaus, in dem es schon für Produktideen und Materialauswahl eigene Abteilungen gibt, hätte er ein Stück seiner Freiheit verloren. Und außerdem macht man da viel zu oft Plastikdäschle.