Mit Beginn des Schuljahrs werden auch Kinder und Jugendlich im Südwesten wieder zu Leidtragenden der Bildungsmisere. Dabei müsste gerade die Schule eine zentrale Stätte der Sensibilisierung und des Zusammenhalts sein.
Die Schule der Nation ist die Schule.“ Willy Brandt, Kanzler einer sozialliberalen Koalition, sprach diesen Satz in der Regierungserklärung von 1969. Vor mehr als einem halben Jahrhundert also. Der liberale Pädagoge Georg Picht hatte kurz zuvor die „Bildungskatastrophe“ ausgerufen. Deutschland fehlten Akademiker, Ingenieure und Fachkräfte. Modernisierung tat not. Brandt versprach eine Reform von Universitäten und Schulen; und er blickte in die Zukunft – sogar bis in unsere: „Die Bundesregierung beabsichtigt, verstärkt Haushaltsmittel für die Förderung der Informatik und der Entwicklung von Computer-Sprachen einzusetzen. (. . .) Man übertreibt nicht, wenn man der Computertechnik eine katalytische Wirkung . . . für die gesamte wissenschaftlich-technische Entwicklung zuspricht.“
Modernisierung tat not: das deutsche Schulsystem war immer noch gegliedert wie nach der ersten industriellen Revolution: Volksschule für die arbeitenden Massen, Mittelschule für die kaufmännischen und technischen Kader, Abitur für die Führungskräfte. 1960 lag die Abiturientenquote bei 5 Prozent, von denen wiederum nur 6 Prozent Arbeiterkinder waren. Der liberale Professor und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf sah in dieser Ungleichverteilung von Bildung eine Gefahr für die Demokratie; er formulierte das „Bürgerrecht auf Bildung“ – und mit der sozialliberalen Koalition von 1969 begann eine Phase von Hochschulgründungen und Schulreformen.
Der pädagogische Frühling mit seiner intellektuellen Unruhe, seinen Aufbrüchen, seinen Generationswechseln, seinen Reformen fiel in die Endzeit der goldenen Jahre der Nachkriegs-Konjunktur mit ihren außerordentlich hohen Wachstumsraten, Wirtschaftswunder genannt. Seit den Siebzigerjahren aber sanken von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Wachstumsraten. Und heute, nach der Wirtschaftskrise von 2008, nach Corona und mit der härteren Konkurrenz auf den Weltmärkten steht nicht länger ein Ausbau von Mitbestimmung, Demokratisierung, Humanisierung der Arbeit und Klimapolitik auf der Agenda der Parteien, sondern die Sicherung der Wachstumsbedingungen.
Stärker als je zuvor formt das ökonomische und politische Weltgeschehen das alltägliche Leben – bei VW in Wolfsburg sind chinesische Elektroautos Mittagsgespräch. Die vor Hunger, Krieg, Klima oder Verfolgung flüchtenden Menschenmassen scheinen die soziale Balance in deutschen Gemeinden zu bedrohen. Die Debatten über klimaverträglichen Konsum spaltet Familien. Mittelschichtler fürchten sich vorm Abstieg und dämpfen lieber ihre moralische Sensibilität als ihr Konsumniveau.
Das ist die Situation, in der seit Jahren die Bildungskatastrophe beschworen wird. Nach einer leichten Verbesserung waren die Ergebnisse der letzten Pisa-Studie wieder schlechter als die vorigen. Schon vor dem Corona-Schock erfüllte mehr als ein Fünftel der 15-Jährigen nicht die Mindeststandards in Rechnen oder Lesen und Schreiben. Selbst nach konservativen Schätzungen fehlen mehr als 20 000 Lehrkräfte; für den ab 2025 geltenden Anspruch auf Gesamttagsschulen rund 50 000 Betreuer; in den Kitas bis 2025 je nach Schätzung bis zu 75 000 Fachkräfte. Bei 40 Prozent der Kinder sind die Eltern keine deutschen Muttersprachler; 40 Prozent der Lehrer arbeiten nur Teilzeit. In der Konsequenz schickt seine Kinder in die Privatschule aus, wer es sich leisten kann, 2023 waren das 9,2 Prozent aller Schüler, 50 Prozent mehr als vor zwanzig Jahren. Und jeder Exodus aus dem öffentlichen Schulsystem zementiert die Ungleichheit der Chancen.
Und nun kommt noch die digitale Revolution dazu. „Digitale Bildung für alle“ soll die „Schule von Morgen“ zukunftsfähig machen. Politiker und Bildungsunternehmer wollen die Misere mit verstärktem Computereinsatz lindern: digitaler Unterricht sei keine Notlösung, sondern „Humboldt für alle“. Das ist natürlich Humbug. Nach allen Erkenntnissen ist der Vorsprung der Kinder aus leistungsaffinen Familien kaum einzuholen. Nach wie vor legt das Elternhaus den Grund für Aufstiegskarrieren. Und nach wie vor bestätigt die Studie aller Studien, die Untersuchung des neuseeländischen Pädagogen John Hattie, was jeder weiß, der zur Schule gegangen ist: die entscheidende Größe für das Lernen ist der einzelne Lehrer. Aber immer weiter fließen die Investitionen, wenn überhaupt, eher in Silizium als in Studiengänge, in Verkabelung statt in kleine Klassen, in Monitore statt in Menschenbildung. Das ist billiger, klingt modern und schiebt die notwendigen radikalen Schritte auf. Dazu ist es weltanschaulich unproblematisch, macht also keinen Ärger.
Und wenn heute von Medienerziehung geredet wird, beschränkt sie sich meist auf Nutzungswissen. Was not täte, wäre eine Sensibilisierung gerade der „bildungsfern“ aufgewachsenen Jugendlichen für die Folgen und Verwerfungen der Digitalisierung. Denn Algorithmen sind nicht unschuldig. Die Plattformökonomie untergräbt die Selbstständigkeit des Mittelstands in Handel, Produktion und Dienstleistungen, und die „sozialen Medien“ sind keine neutralen Foren, sondern hyperkommerzielle Unternehmen. Ihre Codierung prämiert das Aggressive, das zersetzt die öffentliche Sphäre. Ihre „Influencer“ haben mit ihrer schrillen Propagierung von Konsum und Narzissmus mehr Einfluss auf die Kinderseelen als Eltern und Lehrer zusammen, gerade in den Unterschichten. Politiker sehen mit Entsetzen, wie die Brutalisierung der politischen Sprache, etwa auf Tiktok, die Politik delegitimiert und Staatsfeindschaft verstärkt.
Das Urteilsvermögen und die Kritikfähigkeit von Heranwachsenden zu schulen, ist nicht nur eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie macht den Lehrer angreifbar. Denn worum geht es bei Fake News und Fälschungen, bei Hate Speech, Trollen und ästhetischer oder zynisch-charismatischer Einflussnahme? Letztlich um Sachverhalte, die gesellschaftlich umstritten sind. Auch deshalb sehen alle – Eltern, Lehrer, Politiker – gern weg.
So kann die Schule ihre zweite und größere Aufgabe immer weniger erfüllen: für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sorgen, in den Zeiten des Umbruchs ein verbindendes Verständnis von Gesellschaft, Welt und Kosmos zu vermitteln und für die kommenden gesellschaftliche Aufgaben zu bilden.
Die Klimadaten, der Artenschwund, das sinkende Grundwasser, die steigende Vermüllung mit Konsumschrott, das alles mutet der Menschheit nun eine Gegenbewegung zu: nicht Fortschritt, sondern Anpassung an die biologische Nische, in der wir leben können, Rücknahme der materiellen Ansprüche an Ressourcennutzung. Kurzum: Nicht nur mehr zu wissen, Neues zu denken, sondern anders zu leben, neue Fähigkeiten zu entwickeln. Und das heißt: Üben. Und für das Üben gibt es, wenn es um die ganze Gesellschaft geht, nur einen denkbaren Ort: die Schule. Aber so wie sie jetzt funktioniert, ist diese Aufgabe kaum zu lösen.
Eine Schule mit Küche und Medizinunterricht
Wo sonst als in der Schule könnte trainiert werden, was schon heute immer weniger von einem gut gepufferten Sozialstaat übernommen wird: Pflege der Alten, Verantwortung für den Zustand der Nachbarschaft und der Stadt. Praktiken einüben, die früher im Haushalt gelernt wurden und jetzt zu Dienstleistungen geworden sind: medizinische, gastronomische, kulturelle. Keine Schule ohne eine Küche, in der die Kinder ihr Essen selber kochen; keine Schule ohne einen Acker oder Garten, von dem sie die Rohstoffe dafür beziehen, kein Curriculum ohne Medizinunterricht, theoretisch wie praktisch. Schulen, die sich öffnen: für nächtliche Hallenfußballturniere und Kiezkonzerte, Computerkurse für Rentnerinnen, Schuldnerberatung, Lesegruppen und Reparaturworkshops. Die Schule als Gemeindezentrum könnte die Gesellschaft als Ganzes ein wenig zukunftsfähiger machen.
Eine Utopie? Eher eine Notwendigkeit, wenn wir die Zukunft als Nation bestehen wollen. Denn die allgemeine öffentliche Schule ist der letzte Ort, an dem, wenn überhaupt, Kinder aus verschiedenen Klassen, Schichten und Milieus regelmäßig zusammenkommen können.
Die Förderung ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein
In den letzten Jahren sind die Klagen über die Misere der Schule zum Dauerton geworden. Geschehen ist wenig bis gar nichts. Am Bildungsföderalismus wird nicht gerührt, die Zahl der Lehramtsstudenten stagniert, und das stolze Programm der Bundesbildungsministerin, nach dem 4000 Problemschulen zehn Jahre lang eine halbe Million bekommen, reicht vielleicht fürs Renovieren und ein paar Sozialarbeiter.
Auch die Forderung nach einem obligatorischen Sozialjahr ist wieder populär, wenn über den fehlenden Zusammenhalt geredet wird. Ein Jahr in der Pflege, in den Einrichtungen der Bildung und des Naturschutzes, eine Spezialisierung auf digitale Themen oder auf den Umbau der Städte könnte Qualifikationen formen, in die Gesellschaft einüben und, wo nötig, Grundfähigkeiten nachschulen. Gefordert wird es aber meist nur in den Sommerpausen der Politik. Zu kompliziert, zu teuer und zu gegenläufig zum Individualismus des „Rette sich nun, wer kann“.
Doch wenn wir jetzt nicht handeln, werden die Schüler von heute in zehn Jahren in einer wenig attraktiven Welt leben, und ihre Chancen für ein selbstbestimmtes Leben in Sicherheit und Frieden stünden nicht gut. Die Einschränkung von Lebenschancen aber ist eine Einschränkung von Freiheit – so die Argumentation, mit der das Bundesverfassungsgericht vor drei Jahren das unzulängliche Klimagesetz der Regierung kippte und das Recht auf „intertemporale Freiheitssicherung“ in die Runde warf. Aber ist nicht auch die Verweigerung von Bildung eine Freiheitseinschränkung?
Muss die Schulreform juristisch auf den Weg gebracht werden?
In der Coronazeit hat das Verfassungsgericht das Recht auf den „unverzichtbaren Mindeststandard von Bildungsangeboten“ proklamiert, auf „gleichen Zugang zu Bildungschancen“, welche die „Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu Persönlichkeiten ermöglichten, die ihre Fähigkeiten und Begabungen entfalten können.
Wo bleibt also die Forderung einer aufgeweckten Tochter der dritten Einwanderergeneration aus Essen-Altenessen oder des dreijährigen Sohns einer alleinerziehenden Mutter aus München-Milbertshofen: nach einer Schule mit der bestmöglichen Ausstattung, und Lehrer-Schüler-Quote? Wenn die parlamentarischen Prozesse im Parallelogramm der gelähmten Kräfte verharren – vielleicht hilft ja die Besinnung auf die Gewaltenteilung und das Verfassungsrecht.
Mathias Greffrath ist Soziologe, Schriftsteller und Journalist. Er schreibt u. a. für „Die Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die deutsche Ausgabe von „Le Monde diplomatique“.