Deutschland schneidet in der Pisa-Studie so schlecht ab wie nie. Jetzt muss sich vieles ändern. Geld allein wird das Problem nicht lösen, kommentiert unser Redakteur Tobias Peter.
Die deutsche Bildungspolitik erinnert an einen Schüler, der sich auf eine wichtige Prüfung nur höchst unzureichend vorbereitet hat. Gehofft hatte er auf eine schwache Vier, die Fünf aber insgeheim erwartet. Jetzt liegt eine Sechs auf dem Tisch. Die deutschen Pisa-Ergebnisse sind so schlecht wie noch nie. Heute 15-Jährige liegen in Mathematik und bei der Lesekompetenz im Vergleich zu 2018 um ein ganzes Schuljahr zurück.
Fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler scheitert an einfachen Matheaufgaben. Auch beim Lesen ist ein Viertel der Kinder so leistungsschwach, dass sie später Probleme bekommen werden, im Alltag und im Beruf gut zurechtzukommen. Und das in Zeiten, in denen wegen des demografischen Wandels jeder Einzelne gebraucht wird. Das ist eine Katastrophe – aber eine mit Ansage.
Die Corona-Erklärung
Eine Erklärung für den Absturz sind die Coronajahre. In Deutschland war die Zeit der Schulschließungen besonders lang. Das Bildungssystem war schlechter darauf vorbereitet als in anderen Ländern, die Kinder und Jugendlichen mit digitalem Unterricht zu versorgen. Dennoch dürfen sich die Kultusminister nicht darauf zurückzuziehen, das Problem sei im Wesentlichen eine Folge der Pandemie. Das wäre großer Unsinn.
Das Grundproblem ist spätestens seit dem Pisa-Schock aus dem Jahr 2001 bekannt. Alle wissen seitdem: Das deutsche Bildungssystem versagt insbesondere bei denjenigen, die zu Hause nicht so gut gefördert werden können. Nur verändert hat sich viel zu wenig. Das ist beschämend. Jetzt kommt noch obendrauf, dass Deutschland auch bei den leistungsstarken Schülern nachlässt.
Es wäre ein Fehler, die schlechten Ergebnisse darauf zu schieben, dass der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund stark gestiegen ist. Natürlich ist die Vielfalt eine Herausforderung für die Schulen. Nur: Darüber zu jammern, ist sinnlos. Es ist der Job von Politik und Bildungssystem, sich auf die neue Situation einzustellen. Wer meint, die Schule könne nicht die Probleme der Gesellschaft lösen, muss sich fragen lassen: Welche Probleme denn sonst? Und: Welche Institution sollte es sonst tun?
Das Land braucht funktionierende Schulen wie vielleicht noch nie. Und: Das deutsche Bildungssystem braucht eine Revolution. Geld allein wird die Probleme nicht lösen. Mehr Geld ist immer gut – und niemand sollte die Politik aus der Pflicht entlassen, zusätzliche Mittel für die Schulen zu organisieren. Doch auch zusätzliche Milliarden würden ehrlicherweise zunächst einmal nichts am Lehrkräftemangel ändern.
Die Veränderung im Bildungssystem muss damit beginnen, dass wir Geld und Personal konsequent dort konzentrieren, wo beides am meisten benötigt wird – in Brennpunktschulen, in denen viele lernen, die aus armen Familien kommen oder bei denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. Erforderlich sind dort multiprofessionelle Teams mit Sozialarbeitern und Psychologen.
Es geht um den Unterricht
Der Kern der Erneuerung betrifft das Wichtigste in der Schule: das Lehrer-Schüler-Verhältnis und den Unterricht. Pisa-Chef Andreas Schleicher spricht schon lange darüber: Lehrer müssen echte Bezugspersonen für Kinder und Jugendliche sein. Dafür – und um mehr individuelle Förderung zu ermöglichen – müssen sie von Bürokratie entlastet werden. Zu den Erkenntnissen der Studie gehört, dass die deutschen Schüler den Unterricht oft furchtbar langweilig finden. Lehrkräfte sollten mehr Freiheit haben, jenseits allzu enger Vorgaben Neues auszuprobieren. Es braucht eine Schule, die Lehrer nicht einengt, sondern ermutigt, etwas zu verändern. Eine echte Revolution beginnt von unten.