Volker Damm zeigt Zimmer Nummer acht. Der Raum strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Foto: Dick

Eine Reportage – Aufgeregt läuft Redakteurin Maja Dick durchs Foyer auf den Empfang zu: Niemand geht gern ins Krankenhaus, wenn er nicht muss. Schon gar nicht auf eine Station, auf der alle unheilbar krank sind. „Können Sie mir sagen, wo die Palliativstation ist?“ Der Pförtner schickt sie in die zweite Ebene.

Graubrauner, blanker Linoleum-Boden, Neonlicht, Glastür: Am Stationszimmer der Palliativstation spricht eine Krankenschwester mit Angehörigen. Sie lachen leise, man hört sie „Rockmusik“ und „Dire Straits“ sagen – offenbar die Musik, die ein Patient auf der Station gern hören möchte. „Dass die lachen können“, schießt es mir durch den Kopf. „Ist das nicht respektlos, wenn ein paar Meter weiter schwerstkranke Menschen liegen?“

 

Volker Damm, leitender Oberarzt und Palliativmediziner am Zollernalb-Klinikum, unterbricht meine klischeehaften Gedanken. Heute gibt es hier eine öffentliche Führung. Damm begrüßt uns, wir sind eine zwölfköpfige Gruppe – zehn Frauen, zwei Männer. Eine der Frauen hat eine große Ampulle um den Hals hängen. Was das ist, wird sie später erzählen.

Vor wenigen Tagen ist dort eine alte Dame ruhig eingeschlafen

Damms Stimme ist ruhig und bestimmt, er gestikuliert viel. „Alle Patienten wissen, dass wir kommen“, sagt er, „aber in ihre Zimmer gehen wir nicht rein. Erst am Ende der Station ist ein Zimmer frei, das achte und letzte.“ Dort sei vor wenigen Tagen eine alte Dame nach einem schweren Schlaganfall ruhig eingeschlafen.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen unser Wohnzimmer, wie ich den Raum gern nenne.“ Damm lotst uns vom Stationszimmer weg. Im „Wohnzimmer“: Kaffeemaschine, Säfte, Obst, Bücher, Tisch und Stühle, Spielzeug. „Auch Kinder sind hier häufig“, sagt er. Die hätten einen ganz unbeschwerten, sogar fröhlichen Umgang mit todkranken Angehörigen. Ganz anders als Erwachsene.

Aufmerksam hören die Besucher dem Mediziner zu Foto: Dick

Schweigend geht’s auf die geräumige Terrasse, durch deren Tür locker ein Patientenbett passt: „Das wird im Sommer gern genutzt“, erfahren wir. „Eigentlich nenne ich sie Genuss-Terrasse“, sagt der Doktor und lächelt ein wenig schelmisch. „Niemand sagt den Patienten, dass sie dies oder jenes nicht dürfen. Wir sind hier palliativ, bei uns geht es darum, den Menschen Lebensqualität zu geben.“ Was das genau heißt? „Wenn hier jemand rauchen möchte, dann darf er das. Wenn jemand Sekt zum Frühstück möchte, bekommt er den. Wenn jemand nur noch schlafen möchte, wird er entsprechend sediert.“ Manchmal seien die Wünsche auch ganz klein: Frische Luft atmen, Wein auf der Zunge spüren, ein Eis essen. „Für unsere Patienten tun wir, was wie möglich ist.“

„Für wie viele endet das Leben hier?“

Die kleine Menschentraube taut auf, beginnt den Doktor mit Fragen zu löchern: „Wie lange bleibt man im Schnitt auf der Station?“ „12 bis 13 Tage“, weiß Damm. „Wie viele Patienten werden wieder entlassen, und für wie viele endet das Leben hier?“– „50 Prozent können wieder heim, 50 Prozent sterben hier.“ Die Palliativstation per se sei keine „Endstation“, erklärt er. Unheilbar Krebskranke zum Beispiel könnten auch 20 oder 30 Jahre mit der Krankheit leben. „200 bis 250 Patienten pro Jahr liegen hier“, rechnet Damm vor. Jetzt, bis Oktober, seien es schon 160 gewesen. Meistens Menschen mit Krebserkrankungen, aber auch austherapierte COPD, schwerer Herzschwäche, neurodegenerativen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson oder ALS.

Es ist frisch geworden, der Himmel grau. Die Gräser in den Blumenkübeln biegen sich im Herbstwind, als wir die Terrasse verlassen. Wir laufen wieder über den Gang mit dem graubraunen Linoleum. Auf einem Tischlein liegt ein besonderes Gästebuch: „Wir nehmen Abschied“ ist in den hölzernen Einband graviert.

Ein besonderes Gästebuch Foto: Dick

Vorbei an Albert Einstein und Marylin Monroe, die jemand auf großen Leinwänden verewigt hat, erreichen wir Zimmer Nummer acht. Hier ist vor Kurzem ein langes Leben zu Ende gegangen. Gänsehaut auf meinen Armen. Ich fürchte mich – wie so viele andere auch – vor der Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. Dass ich hier bin, ist ein Versuch, mich auf die Furcht einzulassen.

Und das ist auch der Grund, weshalb es die Führungen über die Palliativstation gibt: „Wir wollen Berührungsängste abbauen, zeigen, was palliative Versorgung wirklich ist“, sagt Damm. Einmal habe ein Angehöriger zu ihm gesagt: „Sie haben einen Scheiß-Job.“ Das sei ganz und gar nicht so, versichert er. „Ich komme jeden Tag gern zur Arbeit.“ Eigentlich muss er das gar nicht sagen. Man sieht es ihm an.

„Jemand, der ein fröhliches Lied singt, hat keinen Schmerzen“

In Zimmer Nummer acht läuft leise Instrumentalmusik. Abgesehen von der Folie, die das frischbezogene Bett bedeckt, ist es gemütlich: Ein Projektor wirft eine Schneelandschaft an die Zimmerdecke. Foto-Tapete zeigt Sonnenblumen und Getreidefelder. Holzelemente trennen den Bettbereich von einer Sitzgruppe am Fenster. Es duftet, das Licht ist gedämpft. Alles medizinische Gerät ist in Holzmöbeln versteckt. Und der Platz im Zimmer reicht noch für ein Beistellbett: „Wenn jemand kommt und sagt, ’der Opa möchte nicht alleine sterben’.“ Über einen Förderverein werden den Patienten Mal- und Musiktherapie finanziert – wenn sie das möchten: „Jemand, der ein fröhliches Lied singt, hat keinen Schmerzen.“

Der Raum der Stille Foto: Dick

Im „Raum der Stille“, noch ein paar Meter weiter, können Angehörige, Personal und Patienten zur Ruhe kommen: „Hier sagt niemand ’jetzt wein doch nicht!’ Trauer ist kein Problem, Trauer ist die Lösung“, versichert Damm, und wieder lächelt er. Die Führung geht zu Ende. Eine Autorin war auch dabei. Sie sagt, sie habe Bücher zum Thema geschrieben und dadurch die Angst vor dem Leben und vor dem Tod verloren.

Die Dame mit der Ampulle um den Hals erzählt, sie habe Krebs. Über einen Portkatheter am Hals laufe das Medikament der Chemotherapie aus der Ampulle in ihren Blutkreislauf. „Wenn es bei mir mal richtig schlecht wird, möchte ich hier auf diese Station“, sagt sie und lächelt, und trotzdem glitzert es in ihren Augen.

Ich verabschiede mich. Auf Höhe von Zimmer Nummer eins wird gelacht und gequiekt. „Kinder, das sind Kinder“, sagt Volker Damm und nickt mir zu.