Das Kino lag schon auf dem Sterbebett. Doch nun steht die spannendste Oscar-Nacht seit Jahren bevor – und dank auch großer Kunst aus Europa wirkt der Film lebendiger denn je. Was ist da los?
Das Kino stirbt? In jüngerer Zeit gab es gute Argumente für diese Ansicht. Die Zahl der Kinobesucher in Nordamerika und Europa sank stetig. Immer öfter endeten Filmproduktionen der großen US-Studios mit hohen finanziellen Verlusten. Zum Tagesgespräch wurden nicht mehr Filme, sondern Serien: verwickelte Geschichten über viele Folgen hinweg, komplexe Figuren weit jenseits der schlichten Grenzen von Gut und Böse.
Und dann ab März 2020 auch noch Corona: Fast überall in der Welt bricht das öffentliche Leben zusammen, die Kinos bleiben auf unabsehbare Zeit geschlossen. Die Menschen vergraben sich in ihren Wohnungen; die Abonnentenzahlen von Netflix, Amazon Prime, Apple Plus und Disney brechen alle Rekorde. In einem Lockdown-Interim im Herbst 2021 kommt immerhin der neue James-Bond-Film weltweit auf die große Leinwand: „No Time to Die“. Nach zweieinhalb Stunden stirbt dem Titel zum Trotz Bond-Star Daniel Craig dann aber doch den Heldentod. Klare Botschaft, das.
Die künstlerische Krise scheint überwunden
Doch im März 2024 scheint das Blatt komplett gewendet. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences rüstet sich zur Vergabe der 96. Academy Awards, besser bekannt als Oscars, den begehrtesten Filmpreisen der Welt. Gewürdigt wird im Dolby Theatre in Los Angeles in der Nacht von Sonntag auf Montag mitteleuropäischer Zeit der Kinofilmjahrgang 2023 – und studiert man die Liste der Nominierten, die sich Hoffnung auf eine Auszeichnung machen dürfen, kann man nur festhalten: Die große künstlerische Kino-Krise ist vorerst überwunden.
Diese Oscar-Nacht wird so spannend wie schon lang keine mehr. Und zwar deswegen, weil so viel Gutes zur Wahl steht: Filme mit modernen, überraschend zugespitzten Geschichten; Filme mit komplexen Charakteren und herausragender Schauspielkunst; Filme mit selbstbewusster Ästhetik. Kurzum: Filme als Seismograf der Zeit.
Die Wende zum Guten kündigte sich bekanntlich bereits im Sommer 2023 an – mit „Barbenheimer“, also mit dem Double aus frech-feministisch-pinker „Barbie“-Story von Greta Gerwig und exakt zeitgleich gestartetem düsteren „Oppenheimer“-Atombombendrama von Christopher Nolan.
Über Wochen hinweg waren in vielen Ländern die Kinos so voll wie schon lang nicht mehr, Kino war plötzlich wieder Tagesgespräch – vor allem beim jungen Publikum, das sich vom Kinosaal eigentlich längst verabschiedet hatte. Kein Wunder also, dass beide Filme nun üppig auf den Oscar-Kandidatenlisten vertreten sind; „Barbie“ mit acht, „Oppenheimer“ sogar mit 13 Nominierungen; beide zusammen auch in der Königskategorie „Best Picture“.
Achtsamkeit und Culture Clash
Das war so zu erwarten. Unerwartet kommt dagegen die Konkurrenz, die sich in der Vorauswahl der rund 11 000 Academy-Mitglieder herausgeschält hat: Die nicht-amerikanische Kinowelt, vor allem Europa zeigt sich auf Augenhöhe mit Hollywood. Die größte Konkurrenz von „Barbenheimer“ in den wichtigsten Kategorien, also bei Drehbuch, Regie, Schauspielerei und Gesamtproduktion, findet sich in Filmen aus französischer, britischer und quasi griechischer Hand: in „Anatomie eines Falls“ der Französin Justine Triet, in „The Zone of Interest“ des Briten Jonathan Glazer und in „Poor Things“ des Griechen Yorgos Lanthimos.
Filme von irgendwo anders aus der Welt? Dafür hatte die Akademie nach dem Zweiten Weltkrieg so etwas wie einen Trost-Oscar erfunden. Ab 1948 durften solche Exoten in einer eigenen Kategorie antreten; mal nannte die Academy sie „bester nicht-englischsprachiger Film“, dann „bester fremdsprachiger Film“.
Um immerhin jeden Anschein von Herablassung auszutreiben, heißt die Kategorie seit 2019 „Bester internationaler Film“. Hier ist in diesem Jahr auch wieder ein deutscher Regisseur im Rennen, Ilker Catak mit seinem intelligenten Culture-Clash-Drama „Das Lehrerzimmer“. Und Wim Wenders tritt für Japan mit seiner Achtsamkeitseloge „Perfect Days“ an.
Noch spannender ist aber, dass so viele nicht-amerikanische Filme wie noch nie die Grenze des Reservats hinter sich lassen und in direkte Konkurrenz mit den US-Produktionen gehen: fünf Nominierungen für „Anatomie eines Falls“, darunter „Regie“ und „bester Film“; fünf Nominierungen für „The Zone of Interest“ – reinstes, sperriges Kunstkino –, darunter „Regie“ und „bester Film; satte elf Nominierungen für „Poor Things“, darunter „Regie“ und „bester Film“: Das hat Hollywood zuvor noch nicht erlebt.
Deutsche Hoffnungen
Wobei die deutschen Hoffnungen in der Oscar-Nacht natürlich vor allem auf Sandra Hüller ruhen. Die 45-Jährige ist für ihre Hauptrolle in „Anatomie eines Falls“ als „beste Schauspielerin in einer Hauptrolle“ nominiert – seit den Kino-Urzeiten von Marlene Dietrich und Lotte Lenya ist sie überhaupt die erste Deutsche, die hier von den Academy-Mitgliedern weit nach vorn bugsiert wird. Da steht sie nun auf Augenhöhe mit den US-Stars Annette Bening, Lily Gladstone, Carey Mulligan und Emma Stone. Egal, wie die Oscar-Nacht ausgeht: Hüller spielt künftig international.
Das Kino lebt. Film im klassisch-abendfüllenden Format auf großer Leinwand hat wieder beste Chancen – weil Hollywood mehr Mut zur Kunst hat („Oppenheimer“) und Europa mehr Mut zu Geschichten („Poor Things“). Inzwischen haben alle 11 000 Mitglieder ihre Stimme abgegeben; getrennt nach Berufsgruppen für jeweils „ihren“ Oscar. Nur in den Kategorien „Bester Film“ und „Bester internationaler Film“ sind alle gemeinsam stimmberechtigt. Die Academy setzt auf Schwarmintelligenz. Deswegen sind Überraschungen stets so wahrscheinlich.
Info
Oscar-Verleihung
Am 10. März werden in Los Angeles zum 96. Mal die Academy Awards verliehen. Der Sender ProSieben überträgt die Feierlichkeiten und die Gala ab 21.30 Uhr im Free-TV.