Rausch, Furor, Lärm: Mit brodelnder Wucht haben Die Nerven im LKA/Longhorn ein entfesseltes Heimspiel gefeiert. Diese Art der krachig-verzerrten Rockmusik kann man unmöglich noch besser spielen.
Gerade als Stuttgarter muss man das eigentlich alles gar nicht mehr erwähnen. Wie prägend diese Band für Indie-Deutschland war und ist. Wie gut und hermetisch abgeriegelt sie als Trio auf der Bühne funktioniert. Wie sie unübertroffen und kathartisch Lärmkaskaden ausspeit. Dennoch kann man jedes Mal nur wieder in Ehrfurcht erstarren, wenn Die Nerven mal wieder in ihrer alten Heimat spielen. Obwohl man es doch wissen müsste.
Eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts
Mittlerweile ist es über zwölf Jahre her, dass Die Nerven ihr Debüt veröffentlichen, elf Jahre, seit sie mit „Fun“ ihren Durchbruch schaffen. Der „Spiegel“ nennt es damals eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts, im Video zu „Angst“ wird die Band von Tocotronic gespielt. Nun, ein gutes Jahrzehnt später, ist man bei Album sechs angekommen, „Wir waren hier“. Die Welt hat sich geändert, merklich zum Schlechten. Aber Die Nerven sind immer noch die beste Live-Band Deutschlands.
Die ersten Songs am Donnerstagabend im LKA/Longhorn widmen sie ihrem neuen Album, diesem überraschend kratzbürstigen, schroffen Skalpell, das lustvoll in den Wunden unserer Gesellschaft herumschnippelt. Der Opener „Als ich davonlief“ fungiert als fiebrig-nervöser Auftakt zu einem schlechtwettrigen Lagebericht deutscher Angst. Die neue Platte ist geprägt von apokalyptischen Motiven, im Post-Punk-Furor von „Das Glas zerbricht und ich gleich mit“ oder „Wir waren hier“ reichen sich Misanthropie und neue deutsche Ohnmacht die Hände.
„Auf der Flucht vor der Wirklichkeit ist mir kein Weg zu weit“, singt der Bassist Julian Knoth mit der Inbrunst der Verzweiflung – Tenor und Topos eines schlichtweg überwältigenden Abends. Die ruhigen Töne, die die Band beim melancholischen „Wie man es nennt“ oder in den sphärischen Wave-Klängen von „Achtzehn“ heraufbeschwört, sind nie von langer Dauer: Sehr bald zerfetzt diese Band die Andacht und prescht Zeter und Mordio schreiend Richtung Untergang.
Ein Triumvirat puren Lärms
Knoths metallisches Bassspiel, Kevin Kuhns exaltierte Drums und Max Riegers geifernde Riffs bilden ein Triumvirat puren Lärms, durch das sich immer wieder diese grandiosen Hooks, diese großen Refrains schälen. Meisterhaft: die zynische Hymne „Europa“ und „Niemals“, dieses Bekenntnis an die eigene Verlorenheit. Besser wird deutsche Rockmusik nicht.
Immer wieder steigert sich das Trio in Lärm-Wälle, in rauschhaft-brutalistische Eskapaden, um auf ein unsichtbares Signal hin doch wieder in den vor einer gefühlten Ewigkeit verlassenen Song zurückzufinden. Dieses Spiel aus laut und leise, aus schroff und emotional, aus Melodie und Kakofonie haben einst die Pixies erfunden. Nirvana haben es weltberühmt gemacht. Und Die Nerven führen es fort.
Es hätten an diesem Abend durchaus noch einige Menschen mehr im LKA Platz gefunden. Man fragt sich durchaus, wie das passieren konnte: Diese Band war nie besser.