Szene aus „Die Möwe“ Foto: /Jeanette Bak

Der neue Intendant des Theaters der Altstadt, Christof Küster, setzt mit seiner Inszenierung von Tschechows „Möwe“ kluge Akzente.

Schon der Beginn hat Wumms: „Theater, Theater, der Vorhang, geht auf, dann wird die Bühne zur Welt“, mit diesem Ohrwurm geht’s los. Ursula Berlinghof singt diese Zeilen so voller Verve wie weiland Katja Epstein. Berlinghof spielt Irina, eine gefeierte Diva auf dem Höhepunkt ihrer Kunst, die mit ihrer Ausstrahlung das Publikum auf der Bühne (und im Saal) um den Finger wickelt.

 

Doch ist das Kunst? Oder doch nur der Konvention verhaftete „seichte Scheiße“ wie es ihr Sohn Kostja (Felix Jeiter) sieht? Er hat selbst künstlerische Ambitionen und wird den Bewunderern seiner Mutter auf einem Landgut irgendwo in der Provinz zeigen, was Avantgarde ist. Wie er währenddessen von seiner Mutter mit gekonnt gesetzten Spitzen vorgeführt wird („Großes Theater, will halt nur keiner sehen“), ist komisch und doch kaum auszuhalten. Genau diese Balance zwischen Lächerlichkeit, Komik, kleinen und großen menschlichen Tragödien macht die „Möwe“ zu einem viel gespielten Klassiker.

Dass Christof Küster sich in seiner ersten Inszenierung als Intendant des Theaters der Altstadt diesen Stoff vorgenommen hat, ist so mutig wie richtig. Denn im Kern ist „Die Möwe“ eben ein Stück, in dem das Theater als solches verhandelt wird. In der zentralen Szene, in der Kostjas düsteren Verse interpretiert werden, ist auch die Bühne Avantgarde: Kostümbildnerin María Martínez Peña hat Nina (Jochanah Mahnke), die diese Verse interpretiert, in einen riesigen Rock von schwarzen Müllsäcken gepackt, die sie wie ein Nest umhüllen. Jochanah Mahnke als Nina ist eine Entdeckung: So zart, so naiv und später so gebrochen und dem Wahnsinn nahe, dass es einen anfasst. Es gibt so viele traurige Liebesgeschichten in der „Möwe“, so viele Herzen, die nicht alle zerbrechen, aber langsam verdorren. Die toxische Mutter-Sohn-Beziehung ist eine nur eine davon.

Wenn in Küsters Aneignung des Stoffs Schlager und Chansons das Geschehen kommentieren, ist das auch eine Verneigung vor der Tradition des Hauses. Das Niveau ist hoch: Nicht nur die Schlagerkönigin Irina zieht alle Register (immer gekonnt begleitet von Sebastian Schäfer am Synthesizer, der auch den Verwalter spielt), auch die traurige, immer leicht besoffene Mascha (rotzig: Paulina Pawlik) zupft eine leise und doch unter die Haut gehende Version von Bettina Wegners „Ikarus“ an der Gitarre.

Am Studio-Theater, seiner vorigen Wirkungsstätte, hat Christof Küster gezeigt, was man auf einer winzigen Bühne alles herausholen kann. Dass er auch größere Spielstätten produktiv nutzen kann, wissen Besucher der Esslinger Landesbühne längst. Als Chef des Theaters der Altstadt hat er jetzt gezeigt, wie man das Stammpublikum mit gewitzter Unterhaltung bei Laune hält und gleichzeitig mit einer Truppe aus sehr guten Schauspielern und einer Bühnenbildnerin auf der Höhe der Zeit neue Denk- und Spielräume öffnet.

Die Möwe. 4.-6., 9.-13., 16., 18., 19., 24. bis 27. Oktober, 30., 31. Oktober, 1., 2. November