Die israelische Autorin Lizzie Doron lebt in Tel Aviv. Sie kämpft für ein friedliches Zusammenleben von Arabern und Juden. Was in ihrem Land gerade abläuft, sieht sie als Teil einer globalen Entwicklung: des Triumphs des Extremismus auf allen Seiten.
Stuttgart - Zwischen den Sirenen werde sich schon eine Gelegenheit finden für ein Gespräch, antwortet Lizzie Doron auf die Interviewanfrage. Zu ihrer Wohnung in Tel Aviv gehört ein Schutzraum. Am besten sei ein Anruf auf dem Handy – für den Fall der Fälle.
Frau Doron, in welcher Situation sind Sie gerade?
Im Moment ist es ruhig, aber zurzeit gibt es mehrmals täglich Alarm. Ich kann zur Not mit dem Telefon in den Schutzraum gehen. Wir fühlen uns trotz allem einigermaßen sicher – wenn nicht gerade eine Rakete auf unser Haus fällt. Aber wir sind aufgewühlt, die Gefühle pendeln zwischen Bitterkeit, Wut, Frustration, wobei es in Tel Aviv natürlich etwas leichter ist, das durchzustehen, als woanders.
Wie ist es draußen?
Jeder, der rausgeht, vergewissert sich erst einmal, wo der nächstgelegene Schutzraum ist. Das soziale Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen, auch wenn Cafés und Bars offen sind. Die wenigen Leute, die drin sind, sind entweder naiv oder sehr mutig, ich weiß es nicht. Ich lebe in einem säkularen, lebenslustigen Teil Tel Avivs. Doch die Menschen sind bedrückt, viele unterhalten sich darüber, wohin man gehen könnte, wenn sich im Land nichts ändert. Es ist ein Moment, in dem so vieles in die Brüche gegangen ist, und man stellt alles infrage: die eigene Identität, seine Pläne – es ist nicht einfach.
Sie setzen sich mit Ihren Romanen für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern ein. Stehen Sie auch vor den Trümmern Ihres Lebenswerks?
Ich kann mein Schreiben von meinem Alltagsleben nicht trennen. Von meiner frühen Kindheit an liegt der Schatten des Krieges über allem. Ich bin die Tochter von Holocaust-Überlebenden. Als Kind in Israel hatte man den Wunsch nach Stärke, um die Feinde zu besiegen – bis ich nach meinen Erfahrungen als Soldatin 1973 während des Jom-Kippur-Krieges zur Überzeugung kam, dass man auf diesem Wege nie zu einer Friedenslösung für die Menschen im Nahen Osten kommen wird. So wurde ich zur Aktivistin. Ich beschloss, den Feinden zuzuhören: Was sind ihre Beweggründe? Wie fühlen sie sich? Was macht der Krieg aus ihnen? Ich möchte verstehen, warum normale Leute bereit sind, andere zu töten, nur weil sie nicht Mitglied der gleichen Community, Nationalität oder Religion sind.
Und haben Sie eine Antwort?
Ich habe hier in Israel das Gefühl, dass der fortdauernde Konflikt ein Tatbestand des Lebens geworden ist: eine Art Gewohnheit, wir wissen, alle paar Jahre haben wir einen Krieg, wir haben immer jemanden, der unser Feind ist, wir brauchen ihn, um ihn zu hassen, wir sind die Guten, die anderen die Bösen. Aber warum wir dieser schlimmen Kontinuität nicht entkommen können, diesem Zirkel aus Unterdrückung, Chaos, Gewalt und Gegengewalt, das habe ich immer noch nicht verstanden.
Nun scheint alles zu eskalieren.
Daran hat sicher auch die Coronapandemie einen Anteil. Der Krieg verbindet sich mit den Folgen eines anderen Desasters. Die Menschen sind erschöpft, verunsichert, instabil. Sie haben Angst, wollen ihr Trauma loswerden, sie glauben, wenn sie Feinde töten, wären sie sicher. Das sind sehr rückwärtsgewandte Affekte.
Eigentlich bestand gerade doch auch die Möglichkeit eines politischen Wandels.
Ja, das ist so, dieser Konflikt kommt Netanjahu ebenso entgegen wie der Hamas. Die Situation ist für beide das Beste, was sie erwarten konnten. Netanjahu braucht verunsicherte Leute, vor denen er sich als starker Mann präsentieren kann. Er tut alles, um den Eindruck zu erwecken, dass Israel in einer wirklichen Gefahr sei. Und die Hamas ist eine Terrorgruppe, die den Palästinensern vorspiegelt, sie zu schützen. Für beide ist das eine Win-win-Situation, um sich an der Macht zu halten. Beide ziehen an einem Strang, und auch wenn es verrückt klingt: Beide können so die Unterstützung ihrer Leute gewinnen.
Ihre Leser kennen viele Ihrer palästinensischen Freunde aus Ihren Büchern. Wie wirken sich die schrecklichen Ereignisse in Ihrem Umfeld aus?
Die Beziehungen werden eher stärker. Wir rücken näher aneinander. Wenn man in dieser furchtbaren Zeit etwas Gutes finden will, dann ist es das: dass ich feststelle, gute Freunde zu haben, völlig unabhängig davon, ob es Araber oder Juden sind. Wir träumen davon, zusammen zu leben. Auch in diesen dunklen und schwierigen Tagen ändert sich daran nichts.
Sie leben zur Hälfte in Berlin, auch dort und in anderen Städten kommt es gerade zu antisemitischen Protesten.
Dass der Extremismus immer lauter geworden ist, ist ein globales Problem, kein lokales. Wir spielen eine Entwicklung durch, die gerade überall abläuft. Die Mehrheit schweigt, die Extremisten handeln. Auch Deutschland steht vor der Herausforderung von Hass und Rassismus. Wegen seiner Geschichte ist es vergleichsweise sensibilisiert. In Israel sieht man das volle Bild, gewissermaßen unter Laborbedingungen. Das ist der Unterschied zu Deutschland, aber auch dort wird man von jetzt an alle Hände voll zu tun haben.
Fühlen Sie sich in Berlin sicher?
Im Moment sind wir sehr froh, dass unser Sohn in Berlin ist. In Israel müsste er nun vielleicht zur Armee. Wir sind eine Familie mit Holocaust-Hintergrund. Können Sie sich vorstellen, wie absurd es ist, dass ich froh bin, dass eines meiner Kinder gerade ausgerechnet in Deutschland ist, während meine Tochter in Israel um die Sicherheit ihrer Familie bangen muss?
Haben Sie noch Hoffnung, dass Literatur die Wirklichkeit beeinflussen kann?
Ja, Literatur ist immer das Mittel, die Geschichten der anderen zu erzählen. Aber Schreiben allein reicht nicht, man muss auch seine Stimme erheben, um seine Ideen zu verbreiten. Egal was passiert, ob wir auf eine Diktatur zulaufen oder einen Rechtsruck erleben, ich werde auf der Straße sein und nicht im Keller bleiben.
Zur Person
Lizzie Doron, 1953 als Tochter polnischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv geboren, galt mit ihren autobiografischen Romanen „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“, „Das Schweigen meiner Mutter“ und „Ruhige Zeiten“ in Israel lange als Vorzeigeautorin der sogenannten 2nd Generation. Ihre Bücher zählten zur Schullektüre.
Ihre letzten Romane „Who the Fuck is Kafka“ und „Sweet Occupation“, in denen die engagierte Friedensaktivistin nicht nur die jüdische, sondern auch die palästinensische Tragödie, die Folgen der Nakba, beleuchtet, haben in Israel keinen Verlag gefunden. Lizzie Doron lebt in Tel Aviv und Berlin. Im August erscheint ihr neuer Roman „Was wäre wenn“.